Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei intepretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
22.05.2022
Veranstaltungshinweis #2

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

gemeinsam mit Dr. Daniel Detambel von der Unternehmensberatung Vogel & Detambel bieten wir vom 10. bis 12. Juni 2022 in Wiesbaden ein Wochenendseminar für Manager/innen mit dem Titel "Karriere-Weisheiten" an. Es geht darum, wie wir Weisheitswissen für die Gestaltung der eigenen beruflichen Karriere nutzen können. Es sind noch 2 Plätze frei.

Seminar "Karriere-Weisheiten"

10. bis 12. Juni 2022, Wiesbaden

Thema: "Karriere-Weisheiten"
Dauer:
Freitag, 18:00 h bis Sonntag, 12:00 h
Leitung:
Dr. Daniel Detambel und Dr. Albert Kitzler
Ort: Vogel & Detambel, Wilhelmstr. 12, 65185 Wiesbaden
Kosten: (inkl. Imbiss, Getränke, Tee/Kaffee, Obst): 870,- € (steuerlich absetzbar)
Anmeldung: E-Mail an info@vogel-detambel.de
Weitere Informationen: siehe Anhang

Seminar "Philosophie und Malen"

23. bis 28. Juli 2022, "Haus der Weisheit", Reit im Winkl

In diesem Seminar verbinden wir einen praktischen Malkurs mit dem Philosophieren über Kunst und Malen. Vorkenntnisse in Philosophie oder praktische Malerfahrungen sind nicht erforderlich. Maluntensilien wie Pinsel, Staffelei, Farben etc. werden gestellt. Den Malkurs leitet der Maler Max Fischer. Weitere Informationen im Anhang.

Dauer: Samstag, den 23.07, 14:00 h bis Donnerstag, den 28.07., 14:00 h
Leitung: Max Fischer und Albert Kitzler
Ort: Haus der Weisheit, Unterbichler Str. 24, 83242 Reit im Winkl
Seminargebühr: (Getränke, Tee/Kaffee, Obst): 490,- €
Kosten für Materialien: 85,- €
Anmeldung: E-Mail an massundmitte@gmx.de
Unterkunft: TN buchen selbständig. Zahlreiche Unterkünfte in Hausnähe. Eine Auswahl von Unterkünften im Anhang. Touristeninformation: https://www.reitimwinkl.de
Weitere Informationen: siehe Anhang

Private philosophische Seminare im "Haus der Weisheit" in Reit im Winkl

Ich möchte darauf hinweisen, dass Sie die Möglichkeit haben, private philosophische Seminare im kleinen Kreis mit Unterkunft und gemeinsamen Mahlzeiten im "Haus der Weisheit" zu buchen (Bilder zum Haus der Weisheit hier). Sie können ein Thema aus dem Gebiet abendländischer oder östlicher Weisheitslehren, der angewandten Philosophie oder der praktischen Lebensführung selbst auswählen. Ich werde Ihnen vorab geeignete Texte zur Verfügung stellen und das Seminar leiten. Wir haben dieses Format nun schon öfter sehr erfolgreich durchgeführt.

Das Haus hat drei Gästezimmer mit Doppelbett, zwei Bäder und ist voll ausgestattet. Es liegt in einer herrlichen Landschaft mit zahlreichen Wandermöglichkeiten, die gleich vom Haus aus beginnen. Die Kosten, abhängig von der Teilnehmerzahl, werden wir vorab vereinbaren.

Wenn es Sie interessiert, schicken Sie mir bitte eine E-Mail zur Kontaktaufnahme.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Albert Kitzler

22.05.2022
Glück #7

Die Kunst, das Glück zu gewinnen, besteht darin, dass man seine Freuden sanft erhalte.

„Mein Lehrer hat mir gesagt“, sagte der chinesische Gelehrte und Weltenbummler Mingliaotse, „die Kunst, das Glück zu gewinnen, bestehe darin, dass man seine Freuden sanft erhalte. Wenn die Menschen zu einem Schmaus zusammenkommen, wo Lämmer und Kühe geschlachtet werden und der Tisch sich von sämtlichen Leckerbissen der Erde und des Meeres biegt, schmeckt es allen zunächst ungeheuer, wenn sie aber gesättigt sind, meldet sich ein Gefühl des Widerwillens. Weit besser ist eine Mahlzeit aus einfachem Reis und grünen Gemüse ...“

Ein Plädoyer für die Mäßigkeit als Quelle eines glücklichen Lebens, wie wir es zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt als Grundeinsicht überlieferten Weisheitswissens antreffen. Wer in allem Maß und Mitte zu bewahren versteht, der wird gut durchs Leben kommen und die Welt am Ende zufrieden verlassen.

21.05.2022
Glück #6

Niemand ist glücklich, als wer frei ist.

Auf die Frage, welches ihm das höchste Glück zu sein scheine, antwortete der griechische Weise Demonax: „Niemand ist glücklich, der nicht frei ist.“ Als der Fragende einwandte, es gebe viele freien Menschen, erwiderte er, nur der wäre frei, der nichts hoffe und nichts fürchte. „Aber“, fuhr der andere fort, „Wer kann das? Wir alle sind ja immerfort der Furcht und Hoffnung unterworfen.“ „Und dennoch“, gab ihm Demonax zur Antwort, „wirst du bei näherer Betrachtung der menschlichen Ding, dich überzeugen, dass sie weder der Furcht noch der Hoffnung wert sind, da sowohl die erfreulichen als die widerwärtigen Dinge von gleich kurzer Dauer sind.“

Demonax empfiehlt, was die Buddhisten „Nichtanhaften“ nennen, die Stoiker Gleichgültigkeit gegenüber den weltlichen Gütern. Alles Äußere ist vergänglich und unterliegt dem ständigen Wandel. Deshalb solle man sein Glück nicht in solchen Gütern suchen, sondern im Innern der eigenen Seele. Von Äußerlichkeiten soll man sich innerlich frei machen, bescheiden und selbstgenügsam leben und sich an dem erfreuen, was da ist. Man kann sich äußere Dinge wünschen, sie anstreben und sich damit umgeben, wie wir es auch alle tun. Man sollte sich dabei aber stets bewusst sein, dass das eigene Glück nicht davon abhängt, ob sich die Wünsche erfüllen, man die Dinge erlangt, wie groß der äußere Besitz oder Reichtum ist. Die inneren Werte, Haltungen, Anschauungen, Einsichten und Einstellungen, kurz die Seelenverfassung ist es, durch die unser Leben im Ganzen am Ende glücklich genannt werden kann oder nicht. Bei dieser Einstellung gibt es keine Ängste mehr oder auch nicht solche Hoffnungen, die in leidvoller Frustration enden, wenn sie sich nicht erfüllen.

20.05.2022
Glück #5

Es gibt für den Menschen kein größeres Glück als die Friedfertigkeit.

Die Worte stammen von Vivekanada, der 1893 als erster Hindu vor dem Weltparlament der Religionen sprach. Seine Rede erregte großes Aufsehen. Er war damit einer der ersten, der die altindische Philosophie und Spiritualität dem Westen näher brachte und populär vermittelte. Im Zusammenhang lautet das Zitat:

Die Tugend, keinem Lebewesen Leid zuzufügen weder durch Gedanken, Worte noch Taten wird Ahimsa, Nichtverletzung, genannt. Es gibt keine höhere Tugend als die der Nichtverletzung. Es gibt für den Menschen kein größeres Glück als das, das durch diese Haltung der Friedfertigkeit allen Kreaturen gegenüber erlangt wird. Der Prüfstein für Ahimsa ist das Fehlen der Eifersucht, des Neides ... wer die Menschheit wirklich liebt, neidet niemanden etwas.

Der Grundsatz der Gewaltlosigkeit gehört zum ältesten indischen Gedankengut. Ihr populärster Vertreter in der Neuzeit war Mahatma Gandhi, der diese Lehre in schwierigen Zeiten mit zahlreichen massiven Konflikten bis zu seinem gewaltsamen Tod als ein leuchtendes Vorbild gelebt und verkörpert hat. Ungewöhnlich an dem Zitat ist die Behauptung, dass praktizierte Gewaltlosigkeit die höchste Tugend sei und das größte Glück des Menschen bedeute. In den heutigen Tagen scheint sich die Richtigkeit dieser Behauptung aufzudrängen.

19.05.2022
Glück #4

Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen.

Die Stelle findet sich im Alten Testament. In vielen Mythen wie diesem verbirgt sich eine Weisheit. Der Garten Eden, das Paradies, steht für ein Leben in Vollkommenheit, Natürlichkeit, Geborgenheit, Glück und Zufriedenheit. Weil wir vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen und damit begonnen haben, zu werten und bewerten, sind wir daraus verbannt worden und können nicht mehr zurückkehren. Seitdem strebt der Mensch danach, einen ähnlichen Zustand auf Erden zu erlangen. Wir können uns dem annähern, wenn wir mit unserer Persönlichkeit und Seele das tun, was Gott uns im Paradies auferlegt hatte: den Garten zu pflegen! Derjenige wird mit seinem irdischen Leben glücklich und zufrieden werden, der sich in Maßen, aber kontinuierlich um seinen „Seelengarten“ kümmert, der erkennt, wer er ist und wie er es geworden ist, der sich bemüht, seine selbstschädigenden Affekte einzudämmen und seine guten Anlage zu stärken, der sich auf diese Weise zu einer gefestigten, reifen Persönlichkeit formt und weiterentwickelt. „Der Mensch ist das, wozu er sich  macht“, sagt der französische Philosoph Sartre. Dies ist Selbstkultivierung. Das Wort „kultivieren“ kommt aus dem Lateinischen (cultivare) und bezeichnet ursprünglich die Arbeit des Landmanns, der „den Boden bearbeitet“.

18.05.2022
Glück #3

Wenn du einen Tag glücklich sein willst: betrinke dich. Wenn du ein Jahr glücklich sein willst: heirate. Wenn du das Leben lang glücklich sein willst: werde zum Gärtner.

Die Pointe dieses alten chinesisches Sprichworts überrascht. Wieso führt gerade die Gärtnerei zum Glück? Es bieten sich zwei Antworten an: Der Gärtner lebt und arbeitet in der Natur und fügt sich ein in sie, indem er ihre schöpferische Kraft nutzt und wahrt und für das Notwendigste des menschlichen Lebens sorgt: die Nahrung. Das würde einen zentralen Gedanken der altchinesischen Philosophie zum Ausdruck bringen: Dass die Natur Vorbild ist für das Leben der Menschen, dass sie zu achten und zu schonen ist, dass es sich in die natürlichen Gesetzmäßigkeiten einfügen soll und die menschliche Lebensweise nicht die harmonische Ausgeglichenheit in der Natur verletzen darf. „Der Mensch nimmt sich die Erde zum Vorbild“, heißt es im Tao Te King des Laotse. Vielleicht spielt das Zitat aber auch auf den inneren „Seelengarten“ an, den es in achtsamer Selbstsorge kontinuierlich zu hegen und zu pflegen gilt. Man sät guten Samen und entfernt schädliche Gewächse, man unterstützt das Nährende im Wachstum und bekämpft das Zehrende, dass es nicht aufwuchert und den guten Samen am Aufblühen hindert.

17.05.2022
Glück #2

Kein Sterblicher freut sich beständig des Glücks.

Das Zitat stammt von dem griechischen Tragiker Euripides und lautet vollständig:

Kein Sterblicher freut sich beständig des Glücks
Und Wohlstands je:
Denn noch blieb keiner von Leid frei!“

Auch ein glückliches Leben ist nicht frei von Leiden. Aber wer ein glückliches Leben führt, der kann das Leiden so verarbeiten oder transformieren, dass sein Grundgefühl und seine Überzeugung, ein gelingendes Leben zu führen, weder erschüttert noch getrübt wird. Die Kunst des guten Lebens besteht darin, zu lernen, mit dem unausweichlichen Leiden, den inneren und äußeren Konflikten, den eigenen negativen Affekten und belastenden Prägungen so umzugehen, dass man sich im Ganzen wohlfühlt, mit sich im Reinen ist und seine Lebensführung als sinnvoll und erfüllend erlebt.

16.05.2022
Glück #1

Die wirkliche Quelle unseres Glücks liegt in unserem mentalen Zustand.

Bei Tenzin Gyatso, dem gegenwärtigen Dalai Lama, lesen wir:

„Wenn wir Gesundheit jedoch (bloß) als eine physische Angelegenheit betrachten und uns ohne Rücksicht auf mentale und emotionale Faktoren nur um unser körperliches Befinden kümmern, liegen wir falsch. ...
Vielmehr müssen wir die wirkliche Quelle unseres Glücks (und der Gesundheit) einmal mehr auch in unserem mentalen Zustand suchen, in unserer Lebenseinstellung, unseren Beweggründen und im Maß der liebevollen Zuneigung, die wir anderen entgegenbringen.“

Der Dalai Lama war stets sehr interessiert an den modernen Wissenschaften, insbesondere auch an Neurobiologie und Gehirnforschung. Was schon Platon erkannte, wird durch das Zitat und die moderne Forschung bestätigt und erwiesen: Immer mehr erkennen wir den engen Zusammenhang zwischen unserem Denken, unserer Haltungen, Werte, Einstellungen, unseren Lebenszielen und unserem seelischen und körperlichen Wohlbefinden. Für die Griechen war die gute Seele zugleich auch die schöne (ausgeglichene, in sich harmonische), gesunde und glückliche Seele. Sie war schließlich die beste Vorsorge für körperliche Gesundheit.

15.05.2022
Seelenruhe #7

Die Ruhe ist die Harmonie polarer Gegensätze.

In dem „Buch der Wandlung“ (I Ging, Yijing), dem ältesten Weisheitsbuch der Menschheit, bedeutet das 52. Doppelzeichen den Berg oder das Stillehalten. Die Kommentare und Auslegungen der Zeichen und der darauf bezogenen äußerst kurzen Texten des I Ging füllen Bibliotheken. Berühmt wurden die Interpretationen des deutschen Sinologen Richard Wilhelm. In seinem Kommentar zu diesem Zeichen lesen wir:

„Das Bild des Zeichens ist der Berg, der jüngste Sohn von Himmel und Erde. … Auf den Menschen angewandt, ist das Problem gezeigt, die Ruhe des Herzens zu erlangen. Das Herz ist sehr schwer zur Ruhe zu bringen. Während der Buddhismus die Ruhe erstrebt durch Abklingen jeglicher Bewegung im Nirwana, ist der Standpunkt des Buchs der Wandlungen, dass Ruhe nur ein polarer Zustand ist, der als seine Ergänzung dauernd die Bewegung hat.“

Ein zentraler Gedanke der altchinesischen Philosophie war, dass alles Sein in sich dynamisch ist und von zwei gegensätzlichen Polen in ständiger zyklischer Bewegung gehalten wird (Yin und Yang). Das gilt grundsätzlich auch für die Seele des Menschen, in der die verschiedendsten gegenläufigen Kräfte am Werk sind und den Wechsel von Stimmungen, Befindlichkeiten und Emotionen hervorrufen. Die ideale Seelenverfassung ist nach chinesischer Auffassung eine Ruhe in der Bewegung, Harmonie des Vielstimmigen, kontinuierlicher Ausgleich des Gegenläufigen. Dies ist die Seelenruhe und das Glück des Menschen.

14.05.2022
Seelenruhe #6

Seelenruhe erlangt man durch Weisheit und Aufgabe eigennützigen Begehrens.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus den altindischen Upanishaden, dem philosophischen Teil der Veden:

„Nach erfolgter Aufgabe jedweden eigennützigen Begehrens
hat er seine Ruhe im Herrn der Liebe gefunden.
Weisheit ist der Stab, der ihn jetzt stützt.“

Der Herr der Liebe“ ist Indra, der höchste Gott dieser Überlieferung. Sein Name leitet sich ab von dem Wort „Kraft“, weshalb er auch mit der Lebenskraft identifiziert wird. Sein Sitz liegt im Innersten des Herzens. Daher ist „Ruhe“ hier gleichbedeutend mit Seelenruhe. Sie ist eine enorme Kraftquelle. Man erreicht sie durch Genügsamkeit und Aufgabe selbstbezogenen Wollens. Eine tragende Säule dieser Seelenruhe ist die Weisheit. Sie zeigt den Weg, wie beunruhigende Charaktereigenschaften und Affekte wie Angst, Sorge, Zorn, Wut, Neid, Eifersucht, Gier, Hochmut, Überlastung, übermäßige Trauer etc. überwunden oder gemildert werden können. Je mehr das gelingt, umso stärker wird man im Innern.

13.05.2022
Seelenruhe #5

Loslösung von Äußerem und Reinheit des Charakters führt zur Seelenruhe.

Das ist der Sinn der folgenden Stelle bei dem griechischen Philosophen Plutarch, den Goethe sehr geschätzt hat:

„Daher kann weder ein prunkvolles Haus noch ein Haufen Gold noch hohe Geburt oder große Macht, auch kein Zauber der Rede, keine Wortgewalt dem Lebensschifflein so heiteren Himmel und so glatte See gewähren wie eine Seele, die, von niedrigem Treiben und Planen frei, sich damit auch den Lebensquell: den Charakter, unverstört und unbefleckt erhält. Aus ihr entspringen die edlen Taten und verleihen der Tätigkeit den begeisterten Schwung und frohen Mut zusammen mit dem Stolz, so dass dereinst die Erinnerung eine - wie Pindar es ausdrückt – ‚süß  nährende Amme seines Alter’' sein wird.“

Ein „unverstörter und unbefleckter“ Charakter ist ein solcher, der sich ausentwickelt hat, negative Prägungen aufgearbeitet und selbstschädigende Gewohnheiten abgelegt hat, der in sich ruht, der gelassen und mit sich im Reinen ist, weil er Denken, Wollen, Fühlen und Handeln in Übereinstimmung gebracht hat („unbefleckt“ = rein, frei von leidvollen Emotionen, Vorstellungen, Affekten). Aus ihm entspringt alles Gute, Lebensfreude, Begeisterung und Selbstvertrauen. Mit Freude wird er im Alter auf sein Leben zurückblicken und sich sagen: ‚Ich habe das Beste daraus gemacht.’ Wenn er aber als fehlbarer Mensch hinter diesem Ideal auch zurückbleibt, so kann er doch darauf vertrauen, dass ‚wer stetig sich bemüht, auch erlöst werden kann’.

12.05.2022
Seelenruhe #4

Wer zu leben versteht, lebt ruhig, still und lange.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus dem „Gelben Kaiser“, dem Grundlagenwerk der traditionellen chinesischen Medizin. Es basiert auf wesentlichen Erkenntnissen der altchinesischen Weisheitslehre. Sie war eine therapeutische Philosophie mit dem Ziel, Wege zu Glück, Zufriedenheit und seelischer Ausgeglichenheit zu weisen:

„Jene Menschen, die die Prinzipien einer ganzheitlichen Lebensführung verstehen, zähmen ihren Geist und lassen ihn nicht vagabundieren. Sie zwingen sich selbst und anderen nichts auf, sie sind glücklich und zufrieden, ruhig und still und können sehr lange leben. Das sind die überlieferten Methoden des Gesundbleibens.“

Still“ in den Übersetzungen altchinesischer Texte hat häufig die Bedeutung von innerer Unabhängigkeit von äußeren Gütern und Zuständen: leer (in einem positiven Sinn), in sich ruhend, ohne intentionale Beziehung auf die Welt, ohne auf Äußerliches gerichtetes Wollen. Man will nichts erzwingen und nimmt dankbar, was das Schicksal gewährt. „Zähmung des Geistes“ bedeutet Übung, Konzentration, Gesammeltheit, Achtsamkeit, innere Festigkeit. Der hier beschriebene Weg zu Weisheit und Glück ist zugleich Gesundheitsvorsorge. Hier klingt ein Bewusstsein für psychosomatische Zusammenhänge an, das wir in der Antike häufiger antreffen.

11.05.2022
Mark Aurel - Neuer Podcast - Epikurseminar für Kurzentschlossene
11.05.2022
Seelenruhe #3

Durch die Wahrheit findet der Weise zur Seelenruhe.

In dem Dhammapada, einer berühmten und in ganz Asien weit verbreiteten Sammlung mit Aussprüchen Buddhas in Versform, die seine wesentliche Lehre zusammenfassen, finden sich folgende Zeilen:

„Gleichwie die tiefe See ruhig
Mit reinen Wassern, spiegelklar,
Also der Wahrheit Wort hörend
Findet Ruhe des Weisen Herz.“

In der Lehre Buddhas, die den Menschen von dem Leiden am Leben befreien will, steht die „Ruhe des Herzens“ für eine gesunde, glückliche, leidfreie, in sich ruhende Seelenverfassung. Sie wird erreicht durch Reflexion, Nachdenken, Meditation und Erkenntnis der Wahrheit. Die Lehre Buddhas hat daher signifikante Merkmale einer therapeutischen Philosophie. Wir können uns durch Denken und Einsicht selbst von unseren geistig-seelischen Leiden befreien. „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht“, sagte der französische Philosoph Sartre in einer berühmten Formulierung.

10.05.2022
Seelenruhe #2

Seelenruhe ist frei von leidvollen Affekten.

Das war die Vorstellung der westlichen und östlichen Antike von einer idealen Seelenverfassung. Sie kommt im folgenden Zitat bei Cicero zum Ausdruck:

„Wie man die Ruhe des Meeres daran erkennt, dass nicht der kleinste Lufthauch die Fluten bewegt, so erkennt man den ruhigen und friedlichen Zustand der Seele daran, dass keine Leidenschaft da ist, die ihn zu stören vermöchte.“

Das Wort „Leidenschaft“ hat hier eine negative Bedeutung im Sinne einer übermäßigen, leidvollen Emotion, von der man beherrscht wird und die einen deshalb unfrei macht. Es ist von unserem heutigen Verständnis von Leidenschaft zu unterscheiden, das auch eine positive emotionale Ergriffenheit kennt. Wo allerdings genau die Grenze verläuft, ab der eine Emotion, etwa Liebe, Furcht, Sorge das gesunde Maß überschreitet, ist nicht leicht zu bestimmen. Große Beachtung fand die Auffassung des Aristoteles, der das richtige Maß als eine Mitte zwischen Extremen eines Zuviel und Zuwenig bestimmte, die bei jedem Menschen woanders liege. So ist es letztlich in die Verantwortung des Einzelnen gestellt, das seiner Persönlichkeit entsprechende Maß zu bestimmen. Weisheit als philosophisches Augenmaß, das stets das Ganze, Zukünftige und Nachhaltige mit im Blick hat, wird die Entscheidung erleichtern und vor Irrtümern bewahren.

09.05.2022
Seelenruhe #1

Lob wird dem Weisen gezollt wegen seiner Ruhe.

Wenn wir einen Begriff benennen sollten, der im antiken Weisheitsdenken am häufigsten als Ziel der persönlichen Lebensführung, als „Glück“, als dauerhaftes seelisches Wohlbefinden angegeben wird, so ist es die Seelenruhe oder auch Seelenfrieden, Wohlgemutheit, Harmonie der Seele genannt. Wir würden heute sagen „innere Ausgeglichenheit“ im weitesten Sinne als ein harmonisches Miteinander aller positiven und negativen Seelenkräfte. Das dürfte auch mit der „Ruhe“ in dem einleitenden Zitat gemeint sein. Das Zitat stammt aus dem ägyptischen „Papyrus Insinger“. Kurz vorher heißt es:

„Wenn der weise Mensch keine Ruhepause hat, nützt ihm sein Charakter nichts.“

Seelenruhe hat viel damit zu tun, dass wir uns nicht überfordern und für ausreichende Pausen für Geist und Körper sorgen. Selbst ein starker Charakter kommt ins Wanken, wenn er seine Kräfte erschöpft. Moderne Forschungsergebnisse haben bestätigt, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbststeuerung eine „beschränkte Ressource“ ist, die sich erschöpft, wenn Körper und Geist nicht ausreichend Kraft und Energie haben. Wenn wir nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommen, fällt es uns mitunter schwer, unseren Vorsätzen treu zu bleiben und auch das noch umzusetzen, was wir uns für unsere psychische, körperliche oder seelische Gesundheit für diesen Tag noch vorgenommen haben.

08.05.2022
Gottähnlichkeit #7

Die wahren Menschen des Altertums folgten ihrer göttlichen Natur…

So der chinesische Philosoph Zhuangzi. Er fährt fort:

„ … und mischten nicht ihr irdisches Bemühn ins Göttliche hinein. ... Wenn der Wind über den Fluss fährt, tut er ihm Abbruch, wenn die Sonne auf den Fluss scheint, tut sie ihm Abbruch. Aber lass nur Wind und Sonne miteinander ihre Tätigkeit am Flusse ausüben, und der Fluss wird dennoch nichts von ihren schädlichen Wirkungen merken, denn er hat eine Quelle, die ihn speist und darum fließt er weiter. So stehen Wasser und Erde, Schatten und Körper, ja jedes Ding mit jedem andern in festen Beziehungen. So kommt das Auge durch Scharfsichtigkeit in Gefahr, das Ohr kommt durch Feinhörigkeit in Gefahr, die Seele kommt durch Begierden in Gefahr, ja jede Fähigkeit kommt dadurch in Gefahr, dass man sie zu übertreiben sucht. Wenn diese Gefahren sich verwirklichen, ohne dass man ihnen entgegentritt, so häuft sich das Unglück ... So kommt es dazu, dass Reiche zugrunde gehen und Völker geschlachtet werden ohne Aufhören, und kein Mensch fragt nach der wirklichen Ursache.

Es ist wenig sinnvoll zu versuchen, die einzelnen Bilder exakt zu entschlüsseln oder Zweifeln an ihrer Plausibilität nachzugehen. Fassen wir den Sinn des Ganzen ins Auge, so kommt hier eine für den Daoismus dieses frühchinesischen Denkens zentrale Auffassung zum Ausdruck. Wenn der Mensch maßlos und ohne demütige Selbtbeschränkung versucht, sich die Welt dienstbar (untertan”) zu machen und die natürlichen Zusammenhänge für seine Zwecke zu verändern oder zu zerstören, so kommt Unglück über die Welt und er schadet sich am Ende selbst am meisten. Wer kann das deutlicher sehen als wir Heutigen, 2400 Jahre nachdem diese Worte aufgeschrieben wurden.

07.05.2022
Gottähnlichkeit #6

Der Harmonie in der Natur gemäß leben heißt, dem Göttlichen in sich folgen.

Das ist die Quintessenz folgender Stelle bei Platon:

Dem Göttlichen in uns verwandt sind die Gedankenbewegungen und die Kreisläufe des Alls. Ihnen muss ein jeder folgen und die Kreisbewegungen, die in unserem Haupte, aber gestört durch die Art unserer Entstehung, stattfinden, durch Erforschung der Harmonie und der Kreisläufe des Alls in Ordnung bringen, und so das Denkende zur Ähnlichkeit mit dem Gedachten seiner ursprünglichen Natur gemäß erheben, um so dasjenige Ziel des Lebens zu erreichen, welches den Menschen von den Göttern als das vollendetste vorgesteckt ist für die gegenwärtige und für die folgende Zeit.

Dieser Gedanke des „naturgemäßen Lebens“ und Denkens, der hier zum Ausdruck kommt, findet sich in zahlreichen antiken Richtungen der praktischen Philosophie, besonders im chinesischen Daoismus und in der griechisch-römischen Stoa. Niemand lebt gut, gesund und glücklich, wenn er die eigene und ihn umgebende Natur vernachlässigt oder verletzt. Wer dagegen in Einklang mit sich selbst und der äußeren Natur lebt, der kommt in einen guten Fluss des Lebens und wird ein in sich stimmiges und wohltuendes Leben führen. Platon identifiziert die innere und äußere Natur mit dem Göttlichen, wie es später insbesondere Spinoza und Goethe getan haben. Er weist darauf hin, dass ein naturgemäßes Leben insbesondere durch schädliche Prägungen in der Erziehung und Sozialisation beeinträchtigt wird („gestört durch die Art unserer Entstehung“).

06.05.2022
Gottähnlichkeit #5

Sammle dein Wissen, so werden die Götter kommen und bei dir wohnen.

Der Ausspruch stammt von dem chinesischen Philosophen Zhuangzi. Im folgenden Kontext werden einige Worte in Klammerzusätzen in einer englischen Übersetzung wiedergegeben, um den weiten Sinngehalt des Textes zu verdeutlichen. Die Übersetzung antiker chinesischer Zeichen ist mit großen Unsicherheiten verbunden.

„Beherrsche den Leib und sieh auf das Eine („unify your vision“), so wird des Himmels Friede („harmony“) nahen. Sammle dein Wissen und plane das Eine („unify your consciousness“), so werden die Götter kommen und bei dir wohnen. Das LEBEN (chin. De, Tugend,  engl. „integrity“) wird dir Schönheit geben, der SINN (Dao, der rechte Weg) wird dir ruhige Wohnung geben. Dann blickst du einfältig wie ein neugeborenes Kalb und fragst nicht mehr nach Gründen und Ursachen …

Sein Leib ist starr wie trockenes Gebein,
Wie tote Asche ist des Herzens Stille,
Und sein Erkennen ging zur Wahrheit ein.
Von der Bedingung Band ist frei sein Wille;
Wogende Nacht stillt des Bewusstseins Wähnen.
Zu Ende ist das Denken und das Sehen.
Was ist da (das) für ein Mensch?“

Diese Stelle ist deshalb von besonderem Interesse, weil sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zur yogischen Meditation aufweist, obgleich wir von einem geistigen oder kulturellen Austausch zwischen Indien und China zu diesem frühen Zeitpunkt (4. Jh. v. Chr.) nur wenig wissen. In den Momenten tiefster Versenkung und Erleuchtung scheint es für Zhuangzi so zu sein, als ob die Götter in die Seele des Meditierenden einziehen und dort Wohnung nehmen. Wie in der altindischen Philosophie, bei den Sufis und in der christlichen Mystik des Mittelalters berührt der Mensch dabei das Göttliche und wird eins mit ihm.

05.05.2022
Gottähnlichkeit #4

Du wirst leben wie ein Gott.

Wer sich stets ein wenig, aber kontinuierlich mit praktischer Philosophie und überlieferten Weisheiten beschäftigt, sie verinnerlicht und ihnen in seiner Lebensführung Geltung verschafft, der wird nach Auffassung des griechischen Philosophen Epikur (4./3. Jh. v. Chr.) unter den Menschen leben wie ein Gott:

Dieses (Grundsätzen der Weisheit) und was dazu gehört, überdenke Tag und Nacht in dir selber und zusammen mit dem, der deinesgleichen ist. Dann wirst du niemals, weder im Wachen noch im Schlafen, beunruhigt werden, und du wirst unter den Menschen leben wie ein Gott. Denn keinem sterblichen Wesen gleicht der Mensch, der inmitten unsterblicher Güter lebt.

Die Einsichten, Erkenntnisse und Werte, die das praktische Philosophieren hervorbringt, werden hier „unsterbliche Güter“ genannt. Überliefertes, geprüftes und über Jahrhunderte immer wieder durchdachtes und erprobtes Weisheitswissen ist universal und unvergänglich. Jeder Mensch kann daraus für sich und sein Wohlbefinden Nutzen ziehen.

04.05.2022
Philosophie für Jungendliche - Philosophie für Kinder u.a.
04.05.2022
Gottähnlichkeit #3

Sie verschütten das Göttliche, das in ihnen ist, und weichen ab von ihrer Natur.

Das Zitat stammt von dem chinesischen Philosophen Zhuangzi. Zunächst erzählt er eine Geschichte über den Landbau. Dann heißt es:

Heutzutage machen es die Menschen bei der Pflege ihres Leibes und der Ordnung ihrer Seele gar häufig so, wie es der Grenzwart da beschrieben hat. Sie verschütten das Göttliche, das in ihnen ist, weichen ab von ihrer Natur, zerstören ihre Gefühle und vernichten ihren Geist, um dem Wandel der Menge zu folgen. So lassen Sie die groben Schollen ihrer Natur unbearbeitet liegen, und die Auswüchse ihrer Begierden und Abneigungen treiben in ihrer Natur hervor wie wucherndes Unkraut. Wenn sie hervorsprossen, so scheinen sie zunächst angenehm für den Leib, aber allmählich zerstören sie unsere Natur und brechen auf an allen Orten als Beulen und Geschwüre, deren innere Hitze sich als Eitermasse nach außen ergießt.

Leib und Seele brauchen kontinuierliche Pflege. Das nennen wir Entwicklung der Persönlichkeit, Selbstsorge (Platon, Sokrates) oder Selbstkultivierung. Dadurch wird das Wertvolle („Göttliche“) in uns genährt und das Belastende und Leidvolle in uns klein gehalten oder überwunden. Zhuangzi benutzt das Bild eines gepflegten Gartens oder Ackers, die aufblühen und in denen das wuchernde Unkraut regelmäßig beseitigt wird. Er setzt die Treue gegen sich selbst und die eigene Natur der unkritischen Anpassung an die Masse entgegen („Wandel der Menge“).  

03.05.2022
Gottähnlichkeit #2

Der Weise ist mein zweites Ich.

Das sagt der Gott Krischna in der indischen Bhagavadgita. Auch in dem antiken indischen Denken kam die Bewunderung für den Weisen der Ehrfurcht vor den Göttern gleich. Man erkannte eine Wesensverwandtschaft. In den überlieferten Weisheiten fanden nach ihrer Überzeugung göttliche Wahrheiten ihren sprachlichen Ausdruck. Göttliche Wahrheit stand für Unvergänglichkeit, Universalität, Sein, Natur, Wesen, gültige Normen, Lebensgesetze, Essenz und Existenz. Wer ein „philosophisches Leben“ führt, indem er es danach ausrichtet, was bleibt, was losgelöst gilt von den konkreten Umständen, von den Meinungen der Menschen, von dem geschichtlichen Augenblick und dem Ort des Geschehens, der vermag viele Folgen seiner Handlungen, reale wie psychische, im Voraus erkennen. Deshalb kann er sein Leben „nachhaltig“ gemäß den eigenen Vorstellungen, Werten und Wünschen einrichten und lenken.

Eines Tages hörte Goethe auf, Zeitungen zu lesen und sagte, er denke und lebe in Jahrhunderten.

02.05.2022
Gottähnlichkeit #1

Der Weise führt ein göttergleiches Leben.

Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“, heißt es in der christlichen, aber auch in anderen Religionen. „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“, behaupteten dagegen schon kritische Denker der griechischen Antike, sehr eindrucksvoll und wirkmächtig aber auch noch der Philosoph Ludwig Feuerbach vor 180 Jahren in seiner Religionskritik. – Wie dem auch sei: Das antike Weisheitsdenken in Ost und West verglich das Ideal einer gelungenen Lebensführung mit dem Leben eines Gottes, das man sich als vollkommen dachte. Dies in mehrfacher Hinsicht: In der Entwicklung seiner Anlagen und seiner Persönlichkeit erlangt der Weise ein Maß an Vollkommenheit, das an die Vollkommenheit eines Gottes herankommt, wenn er dieses Ideal als Mensch auch nie ganz erreicht. Indem er der Vernunft folgt, folgt er dem Göttlichen in sich, denn dieses wurde mit der Natur und der Vorstellung einer vernünftigen Weltordnung gleichgesetzt: „Im Anfang war der logos“, lauten die ersten Worte des Johannesevangeliums („logos“, griechisch für Wort, Rede, Vernunft, Sinn). Schließlich ist der Weise heiter, was als eine göttliche Eigenschaft angesehen und bisweilen mit dem vollkommenen Glück identifiziert wurde.

Das einleitende Zitat stammt von dem römischen Philosophen Seneca (1. Jh. n. Chr.) und lautet im Zusammenhang: „Nun will ich dir dartun, wie du zur Einsicht gelangen kannst, dass du noch kein Weiser bist. Der Weise, wie er uns vorschwebt, ist voller Freude, heiter, zufrieden, unerschüttert. Er führt ein göttergleiches Leben. ... Des Weisen Gemüt gleicht der über dem Monde sich lagernden Weltenschicht: dort herrscht beständige Heiterkeit.“

01.05.2022
Maßhalten #7

Kämpfe an gegen das Ungenügsame.

In einem alten ägyptischen Weisheitstext, der Lehre des Cheti (um 2000 v. Chr.), heißt es:

„Wenn du drei Brote gegessen hast
und zwei Krug Bier getrunken
und dein Leib dann noch nicht zufrieden ist,
dann kämpfe dagegen an.“

Häufig ist Maßhalten ein Kampf, immer aber ein lohnenswerter. Ein griechischer Philosoph sagte einmal, das Leben gleiche eher einem Ringen als einem Tanzen. Das muss nichts Schlechtes sein, denn es ist nun einmal eine Tatsache, dass das Glück des Menschen nicht umsonst zu haben ist. Man muss sich dem Glück würdig erweisen, meinte Kant. Würdig erweist sich der, der sich um sich selbst kümmert und gewisse „Regeln der Lebenspflege“ lernt und einhält, wie ein Buch des japanischen Weisen Kaibara Ekiken heißt.

30.04.2022
Maßhalten #6

Das rechte Maß meidet Übermaß wie Untermaß.

In dem chinesischen „Buch der Wandlungen“ (I Ging, Yijng) gibt es das Doppelzeichen „Die Beschränkung“. In dem Urteil zu diesem Zeichen heißt es:

„Beschränkung. Gelingen. Bittere Beschränkung darf man nicht beharrlich üben.“

Der Übersetzer Richard Wilhelm kommentiert die Stelle:

„Nun ist auch in der Beschränkung Maßhalten nötig. Wollte man seiner eigenen Natur allzu bittere Schranken auferlegen, so würde sie darunter leiden. Wollte man die Beschränkung der anderen zu weit treiben, so würden sie sich empören. Darum sind auch in der Beschränkung Schranken nötig.“

Das „zu sehr“ verfehlt das rechte Maß ebenso wie das „zu wenig“. In jedem Menschen gibt es innere Kräfte, Anlagen und Bedürfnisse, die er im Ausleben zügeln und begrenzen, und solche, die er aktivieren und fördern sollte. Aber auch das Maß der jeweiligen Begrenzung bzw. Aktivierung hat seine Grenzen. Deshalb definierte Aristoteles die Tugend als die Mitte zwischen Extremen. Bei der Lebensführung gehören Maß und Mitte eng zusammen.

29.04.2022
Maßhalten #5

Sich am Tag zweimal vollstopfen, niemals die Nacht allein zubringen, da kann keiner weise und mäßig werden.

Bei Cicero lesen wir:

Dann wirst du erkennen, dass die, die am meisten nach Genuss jagen, ihn am wenigsten erlangen ... Es gibt einen berühmten Brief Platons an die Freunde Dions (Tyrann von Syrakus), in dem sinngemäß Folgendes steht: ‚Als ich dorthin gekommen war, da gefiel mir jenes sogenannte glückselige Leben, voll von italienischen und syrakusanischen Gerichten, durchaus nicht: Zweimal am Tag sich vollstopfen, niemals die Nacht allein zubringen und was sonst mit diesem Leben zusammenhängt, da kann keiner jemals weise werden und mäßig noch viel weniger.’“

Nur Mäßigung bringt wahren Genuss - und als Zugabe Weisheit. Derjenige geht den Weg eines glücklichen Lebens, der sich zu beherrschen und zu mäßigen weiß. Die anderen werden mal getrieben mal gezogen, wer weiß wohin, gewiss aber nicht zu einem angenehmen Leben, in dem sie sich rundum wohl fühlen.

28.04.2022
Maßhalten #4

Es ist schlecht, selbst eine gute Sache zu weit zu treiben.

Der Ausspruch stammt aus dem „Hagakure“ des Yamamoto Tsunetomo, einem Klassiker über die ethischen Anschauungen der Samurai. Alles hat Maß und Grenze, auch der Wille, Gutes zu tun oder an sich selbst zu arbeiten. Alles kann ins Negative umschlagen, wenn es übertrieben wird. Weiter heißt es im Text: „Auch was den Buddhismus, die buddhistischen Lehren und moralischen Lektionen betrifft, ist es schädlich, zu viel über sie zu sprechen.“ Diesen Hinweis kann man als eine Warnung verstehen, sich nicht in der Theorie einer Weisheitslehre zu verlieren. Demgegenüber sollten wir uns mehr auf die Praxis und die Umsetzung der Theorie konzentrieren. Es scheint schwieriger zu sein, die erkannten Lebenswerte jeden Tag konsequent und beharrlich umzusetzen, zu leben und zu verwirklichen, als sie zu erkennen.

27.04.2022
Neuer Podcast "Wandern" u.a.

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

ab heute ist in unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ eine weitere Folge #15 zu hören. Es geht dieses Mal um das "Wandern" und seine innere Verbindung zu vielen Aspekten einer weisen Lebensführung.

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Mein Leben soll eine Wanderschaft werden.“ (Goethe)

Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu findet Ihr auf der Website: www.pudel-kern.com
und auf den meisten gängigen Podcast-Plattformen.

Über Anmerkungen, Kritik und Rückfragen freuen wir uns.

Für Kurzentschlossene:

Verlegung des Seminars am kommenden Wochenende ins "Haus der Weisheit":

Es sind noch 2 Gästezimmer im "Haus der Weisheit" frei, wenn Ihr am kommenden Wochenende im kleinen Kreis an unserem Konfuzius-Seminar teilnehmen möchtet. Das ursprünglich im "Auracher Löchl" in Kufstein stattfindende Seminar vom 29. April -01. Mai 2022, haben wir wegen der geringen Teilnehmerzahl aus Kostengründen ins "Haus der Weisheit" in Reit im Winkl verlegt. Dort sind noch 2 Gästezimmer frei. Für die Kosten der Unterbringung und des Frühstücks freuen wir uns über eine Spende. Wir philosophieren in kleiner Gruppe von 5-6 Personen.

Thema:
"Konfuzius – Höhepunkt chinesischer Lebensweisheit"
Kein Weiser hat über 2500 Jahren hinweg eine solche Wirkung erzielt wie Konfuzius. Er ist aktueller denn je.
Dauer: Freitag, 18:00 h bis Sonntag, 14:00 h
Leiter: Albert Kitzler
Ort: "Haus der Weisheit", Unterbichler Str. 24, 83242 Reit im Winkl
Kosten: Seminargebühr: 350,- €, Unterbringung und Frühstück auf Spendenbasis
Anmeldung: per E-Mail an massundmitte@gmx.de
Texte und Programm senden wir nach der Anmeldung zu.

"Der Weise versteht, Unglück in Glück zu verwandeln." (Konfuzius).

Herzliche Grüße

Euer

Albert Kitzler

27.04.2022
Maßhalten #3

Darum vollende Du in Dir das Gleichmaß Deiner Kraft.

In einem Gespräch Buddhas mit seinem Schüler Sona heißt es:

„Wie aber, Sona, wenn bei Deiner Laute die Saiten nicht zu stramm und auch nicht zu schlaff gespannt sind, wenn sie das rechte Maß bewahren, wird dann die Laute den rechten Ton geben und zum Spiel geschickt sein?“ – „Ja, Herr.“ – „So gerät auch, Sona, die allzu angespannte Kraft in das Übermaß, und die allzu nachgelassene Kraft gerät in Schlaffheit. Darum, Sona, vollende Du in Dir das Gleichmaß Deiner Kraft, dringe zum Gleichmaß Deiner geistigen Vermögen hindurch und setze Dir dies zum Ziel.“

Für ein gelingendes Leben erlangt das Maßhalten seine wesentliche Bedeutung bei der Herstellung innerer Ausgeglichenheit, der Harmonie der Seelenkräfte und der Vermeidung der übermäßigen wie auch der ungenügenden Beanspruchung der inneren Anlagen. Das Bild der Seele und ihrer vielfältigen Kräfte als ein wohlgestimmtes Instrument finden wir auch bei Platon und anderen Denkern. Die wesentlichen Maximen einer weisen Lebensführung sind universal, zeitlos und unabhängig von dem jeweiligen geschichtlichen, kulturellen, religiösen und metaphysischen Hintergrund.

26.04.2022
Maßhalten #2

Der Lust zuliebe schweift nicht aus!

In einem Lied aus einer uralten chinesischen Liedersammlung, die zu den kanonischen Schriften Chinas zählt, wird das Maßhalten empfohlen. Hier der Versuch einer Übersetzung in Reimform:

„Doch sei die Lust nicht Saus und Braus;
Zuerst bedenkt, was wehe tut.
Der Lust zuliebe schweift nicht aus;
Ein wackrer Mensch hält sich in Hut.“

Die Überschreitung des richtigen Maßes führt zu Leiden („was wehe tut“). Weisheit ist Gesundheitsdenken, mentale Hygiene, und versucht, seelisches und körperliches Leiden zu vermeiden oder zu vermindern. Ein Mittel dafür ist das Bedenken der Folgen unserer Handlungen. „Siehe auf das Ende“, sagte Solon von Athen, einer der „Sieben Weisen“ Griechenlands. So banal sich das anhört, die Umsetzung kann sehr schwierig sein. Häufig mangelt es an der Beherrschung der eigenen seelischen Kräfte, Triebe und Bedürfnisse, an Entschlossenheit, Konsequenz und Durchsetzungskraft. Der stoische Philosoph Ariston hielt daher die Selbstbeherrschung für die wichtigste Tugend. Ihr Erwerb und die konsequente Umsetzung besserer Einsichten setzt viel Übung voraus.

25.04.2022
Maßhalten #1

Maß ist in allem das Beste, doch Übermaß ist von Übel.

Der Ausspruch stammt von dem frühen griechischen Dichter Phokylides, der wegen seiner Weisheitssprüche bekannt war. Diese vielfach überlieferte Maxime, die wir in allen antiken Weisheitslehren finden, war besonders für das griechische Denken, Leben, Fühlen und Handeln prägend. Ihren tiefsten Ausdruck hat sie in der Kunst des klassischen Griechenlands, in der Ausgewogenheit, Harmonie und Proportionalität ihrer Werke gefunden. Ebenso finden wir sie in der Lehre des Aristoteles von der Tugend als der rechten Mitte zwischen den Extremen, dem Über- und Untermäßigen. Für ein gelingendes Leben ist es auch heute noch der Königsweg, in allen Lebensäußerungen das richtige, wohltuende Maß zu wahren.

24.04.2022
Demokrit #7

Menschen, die den Tod zu fliehen suchen, laufen ihm in den Rachen.

Wer das Leben genießen will, der sollte sich mit dem Phänomen des Todes und der Vergänglichkeit auseinandersetzen. Er sollte sich ein für allemal klar machen, dass alles kommt und geht, dass jedes Leben ein Ende hat, dass wir alle irgendwann einmal sterben müssen; dass der Tod etwas ganz Natürliches ist, das wir bereitwillig annehmen und nicht fürchten sollten. Wer sich den Tod zum Freund macht, ihn als ein Teil seines Lebens begreift, den das Leben braucht, um sich ständig zu erneuern, der verliert die Angst vor dem Tod und damit zugleich viele andere Ängste. In der Bereitschaft zum Tod vollendet sich der Mensch, sagte Cicero. Wer den Tod aber fürchtet und alles unternimmt, um ihn zu verdrängen und ihm aus dem Weg zu gehen, der, so Demokrit in dem einleitenden Zitat, läuft Gefahr, ihn geradewegs herbeizurufen.

23.04.2022
Demokrit #6

Nicht die Vernunft, sondern das Missgeschick wird den Toren zum Lehrmeister.

Im gleichen Sinne heißt es an einer anderen Stelle bei Demokrit:

„Erst dann, wenn sie ins Unglück stürzen, kommen die Unvernünftigen zur Vernunft.“

Bei vielen Menschen bewirkt die Vernunft wenig. Erst durch ein Unglück kommen sie zur Besinnung, wenn überhaupt. Durch Leiden lernen”, lautet ein berühmter Vers in der Tragödie Die Perser” des Aischylos, des ersten der drei großen griechischen Tragiker. Im gleichen Sinne lesen wir bei Konfuzius: „Manche Menschen kommen erst in der Trauerzeit zu sich selbst.” Wir können lernen, mit Leiden besser umzugehen, wenn wir uns jedes Mal bewusst machen, dass wir im Leiden auch eine wichtige Erfahrung machen können, so schmerzlich dies auch sein mag.

22.04.2022
Veranstaltungshinweis #1

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

bei unserem nächsten Seminar in einer Woche sind noch Plätze. Es geht um die Lebensweisheit eines der bedeutendsten und einflussreichsten Denker der Geschichte. Seine Lehre ist so hilfreich und aktuell wie eh und je: Konfuzius. Alles, was wir für ein gelingendes Leben wissen und uns aneignen müssen, finden wir bei ihm in bestechender Klarheit und Einfachheit. Philosophische Vorkenntnisse sind bei diesem Seminar wie bei allen meinen Veranstaltungen nicht erforderlich.

Nächstes Wochenendseminar:

29. April -01. Mai 2022, Kufstein/Auracher Löchl

Thema:
"Konfuzius – Höhepunkt chinesischer Lebensweisheit"
Dauer: Freitag, 18:00 h bis Sonntag, 14:00 h
Leitung: Albert Kitzler
Ort: Auracher Löchl, Römerhofgasse 4, 6330 Kufstein (ältestes Hotel/Restaurant Kufsteins)
Kosten: 2 Übernachtungen mit Frühstück und Seminargebühr: EZ 600,- / DZ 510,- €
Anmeldung: siehe Anhang

"Man sagt, der Weise vermag Unglück in Glück zu verwandeln." (Konfuzius)

Nächster Philosophischer Urlaub:

09.-16. Juli 2022, Villa Antiglia/Toskana

Indische Lebensweisheit – Upanishaden, Yoga, Buddha
Ohne Sinn für Spiritualität fehlt unserem Leben etwas.
Gesamtkosten: inkl. Kost und Logis (ohne Anreise): DZ 1.290 €, EZ 1.460 €
Anreise: Am einfachsten ist ein Flug nach Rom, von dort mit dem Mietwagen durch die schöne Maremma zum Seminarort (ca. 2 Std.).
Wir bilden Fahrgemeinschaften.
Anmeldung: Siehe Anhang

"Du wirst zu dem, was in Deinem Denken herrscht." Upanishaden, ebenso Buddha

Weitere Informationen zu diesen und den anderen Veranstaltungen 2022 finden Sie in der angehängten Broschüre.

Ich würde mich freuen, Sie bei einer der Veranstaltungen kennen zu lernen und mit Ihnen zu philosophieren und eine gemeinsame Zeit zu verbringen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Albert Kitzler

22.04.2022
Demokrit #5

Schlimmer als äußerste Not ist es, kein Genügen zu finden.

Das ist der Sinn folgender  Passage bei Demokrit:

„Wenn das Verlangen nach Besitz nicht am Punkt der Sättigung seine Grenze findet, ist die (daraus entstehende) Armut schlimmer als die äußerste Not; denn größere Begierden erzeugen desto größere Bedürfnisse.“

Wer in seinen Bedürfnissen kein Maß kennt, der ist arm, wem das Vorhandene genügt, reich. Der frühe griechische Dichter Pindar schrieb: Dem Glück ein Maß zu setzen, tut not.” Er richtete sich gegen das Immer-mehr-haben-Wollen (gr. Pleonexie), worin die Griechen eine Seelenkrankheit sahen. Die Kunst des gelingenden Lebens beruht wesentlich darauf, dass man in allem Maß und Mitte wahrt. Aristoteles sagte von den Tugenden, dass sie in der Mitte zwischen schädlichen Extremen zu finden seien.

21.04.2022
Demokrit #4

Ein Leben ohne Feste ist wie eine lange Wanderung ohne Einkehr.

Wer viel arbeitet, sollte viel ruhen – wer intensiv arbeitet, sollte intensiv ruhen. Wer etwas leisten möchte, wer anderen Menschen helfen möchte, wer Gutes tun möchte – der sollte dabei sich selbst nicht vergessen. Alle Wirkung geht aus der eigenen Mitte hervor. Ist diese stark, gefestigt, ausgeglichen und gesund, wird sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Das Wichtigste bei der eigenen Produktivität und Wirksamkeit ist es, darauf zu achten, dass man die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit nicht überschreitet und nichts angeht, was man nicht kann oder nicht versteht. Das führt zur Erschöpfung, Frustration und auf Dauer zu Krankheit. Damit das nicht passiert, müssen wir sicherstellen, dass sich Geist und Körper regelmäßig erholen können.

20.04.2022
Demokrit #3

Die Medizin beseitigt Krankheiten, die Philosophie Leidenschaften. 

Mit „Leidenschaften“ sind hier negative Affekte wie Wut, Zorn, Hass, Angst, Neid, Gier, Habgier, Eifersucht, Sorge, übermäßige Trauer und ähnliches gemeint. Für die Alten waren diese Affekte Krankheiten der Seele. Die praktische Philosophie war Seelenheilkunde. Teilweise lehnte sie sich an die Medizin an. Die ersten Weisheitssprüche wie etwa das „Nichts zu sehr” entwickelten sich aus Regeln zur körperlichen Gesundheit, die auf das Seelenleben übertragen wurden. Die vornehmliche Aufgabe der praktischen Philosophie war es daher, die genannten Affekte zu überwinden oder zu minimieren, die Seele „gesund” zu machen und uns so zu einem glücklichen und erfüllten Leben zu führen. Demokrit nannte eine gesunde Seeelenverfassung „Wohlgemutheit“ und meinte damit eine Grundstimmung heiterer Gelassenheit, innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. In bildlichen Darstellungen erschien er häufig als der lachende Philosoph.

19.04.2022
Demokrit #2

Die schönen Früchte erzielt das Studium (nur) durch Anstrengungen.

Und Demokrit fährt fort:

„Schändlichkeit erntet man dagegen ohne Mühsal, ganz wie von selbst.“

Studium“ dürfte weit zu verstehen sein und meint nicht nur die Aneignung von Bildungs- und Wissensgegenständen, sondern umfasst auch die Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkultivierung. Diese besteht in einer kontinuierlichen Arbeit an sich selbst, im Einüben wohltuender, „guter“ Denk-, Wollens- und Verhaltensgewohnheiten, in der Überwindung und Eindämmung schlechter Prägungen und Einflüsse (Gegensatz zu „Schändlichkeit“). Keiner Anstrengungen bedarf es freilich, im Gleise alter Muster fortzufahren. Genau daher aber rühren die meisten unserer seelischen Belastungen, Leiden und Fehlentwicklungen. Lieder neigt der Mensch von Natur zur Bequemlichkeit und zum Verharren. Viele meiden Bewegung im Geiste wie im Körper.

18.04.2022
Demokrit #1

Der Geist soll sich gewöhnen, seine Freuden aus sich selbst zu schöpfen.

„Freuden aus sich selbst zu schöpfen” meint, dass wir in unserem täglichen Leben den inneren Werten wie etwa Ausgeglichenheit, Aufrichtigkeit, Authentizität, Gelassenheit, Genügsamkeit und Dankbarkeit mehr Aufmerksamkeit und ein höheres Gewicht geben sollten als äußeren Werten. Dem zugrunde liegt Demokrits Überzeugung, dass wir unser Glück nicht in äußeren Gütern und Verhältnissen finden („Ländereien und großen Viehherden“), sondern nur in der eigenen Seele. Damit soll keinem Egoismus das Wort geredet werden, denn zu den wichtigsten inneren Werten gehören auch Mitmenschlichkeit, Zugewandtheit, Milde, Verständnis und Hilfsbereitschaft. Dass wir unseren „Geist daran gewöhnen sollen” meint, dass wir uns durch eine kontinuierliche innere Ausrichtung auf das wirklich Wertvolle in unserem Leben, durch entsprechendes Einüben im Denken und Verhalten dahin erziehen sollen, solche inneren Haltungen anzunehmen. Im Laufe der Zeit verwandeln sich unsere Weltsicht, unsere Werte, unsere Worte, unsere Taten, unsere Gefühle.

17.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #7

Seid gütig zu den Armen, auch wenn sie ungeduldig und erzürnt sind.

Und weiter heißt es:

„Denkt daran, wie schwer es ein Unglücklicher hat, Leiden jeder Art zu ertragen in einer kleinen Kammer, während wenige Schritte von ihm entfernt satte und reiche Menschen einherwandeln.“ 

Mitmenschlichkeit, Zugewandtheit, Milde, Nachsicht, Mitgefühl hatten in dem Wertekanon der antiken Weisheitslehren in West und Ost einen sehr hohen Stellenwert, bei Konfuzius den höchsten. Wer glücklich leben will, der muss sich auch für das Glück der anderen verantwortlich fühlen. „Für einen anderen musst du leben, wenn du für dich selbst leben willst“, meinte Seneca. Wer niemanden Glück, Wohlwollen oder Liebe erweist, dem wird auch nichts davon zuteil. Manche Menschen neigen dazu, das Mitgefühl mit den Unglücklichen in dieser Welt von sich wegzuschieben, indem sie ihnen selbst die Schuld an ihrem Schicksal geben. Es ist aber höchst zweifelhaft, ob wir das Recht zu einem solchen Urteil haben. Niemand hat sich selbst gemacht. Schwer ist es, gegen ein widriges Schicksal anzukämpfen. Jeder Mensch verdient unser Mitgefühl. Eine solche innere Haltung bereichert den, der sie in sich nährt, pflegt und praktiziert.

16.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #6

Wir sollen nicht das Leben missachten, weil das Übel mit ihm verbunden ist.

Weiter heißt es in dieser Spruchweisheit:

„Das Übel gehört uns allen, es ist die Folge unseres Nichtwissens um das wahre Gesetz. Dieses Nichtwissen macht uns unglücklich in diesem Leben und wird uns überall unglücklich machen. Lasst uns endlich damit beginnen, uns von unserem Nichtwissen zu befreien, und all unser Unglück wird von selber von uns abfallen.“

Alle Weisheitstraditionen waren der Ansicht, dass letztlich die Unwissenheit der Grund für unser seelisches Leiden ist. Wir haben die Kraft, Leiden zu überwinden oder doch zu mildern, wenn wir die Natur, das Schicksal, die Menschen und uns selbst besser verstehen und aus diesem Verständnis heraus unsere Haltungen, Vorstellungen, Werte und unsere Lebensweise dort verändern, wo sie Leiden hervorrufen. Das ist ein schwieriger, bisweilen langwieriger, manchmal auch lebenslanger Prozess der inneren Entwicklung und Umwandlung. Am Anfang dieser Transformation steht die Einsicht in das Leiden, seine Ursachen und die Wege zu seiner Überwindung oder kraftvollen Erduldung. Danach folgt die Umsetzung dieser Einsicht im praktischen Leben durch einen Übungs- und Eingewöhnungsprozess, an dessen Ende eine gewandelte Haltung, Einstellung, Lebensanschauung oder Lebensweise steht. 

15.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #5

Durch Mitleid, Sanftmut und Selbstentsagung entwaffnen wir unsere Widersacher: jedes Feuer muss erlöschen, wenn ihm der Brennstoff fehlt.

Viele antiken Weisheitslehrer waren der Überzeugung, dass ein Streit mit anderen Menschen weder diesen noch uns weiterhilft. So heißt es bei Konfuzius: „Der Weise kennt keinen Streit“. Damit meinten sie nicht, dass wir darauf verzichten sollten, uns in der Sache mit anderen Auffassungen und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, sie gegebenenfalls zu kritisieren und zu verurteilen. Aber wir sollten die Sache streng von der Person trennen, d.h. unser Urteil über deren Verhalten oder Worte von einem Urteil über die Person als Menschen trennen. In einer Auseinandersetzung sollten wir jegliche Feindseligkeit, Aggressivität, Herabsetzung und Verurteilung im Hinblick auf die Person unseres Kontrahenten vermeiden. Mehr noch: Wir sollten uns dahin erziehen, dass wir solche Feindseligkeit nicht einmal empfinden, sondern allen Menschen wohlwollend und zugeneigt begegnen, mit Milde, Güte und Sanftmut. Niemand ist frei von Fehlern und Schwächen. Keiner hat sich selbst gemacht. Um über einen Menschen zu urteilen, sagte Goethe einmal, müsse man wissen, was er war und wie er es geworden ist. Nicht einmal von uns selbst wissen wir das so genau.

14.04.2022
Heute: Live-Interview BR 2, 12:20 - 13:00 Uhr

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

heute gibt es in den "Tagesgesprächen" auf BR 2 (Radio) und gleichzeitig bei ARD Alpha, von 12:20 bis 13:00 Uhr ein Interview mit mir über das Thema "Reisen, feiern, innehalten: Nehmen Sie sich an Ostern eine Krisen-Auszeit?" Ich antworte auf Fragen der Hörer und der Moderatorin Christine Krueger.

Ich wünsche allen und trotz allem eine besinnliche, schöne Osterzeit!

Euer

Albert Kitzler

14.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #4

Der Mensch kann dem Unheil entgehen, das ihm vom Himmel gesandt wurde, doch nicht entgeht er dem Unheil, das er sich selbst schuf.

Wir können das Schicksal, das über uns hereinbricht, nicht ändern, aber was es mit uns macht, das liegt weitgehend in unserer Hand. So können wir versuchen, auch in schweren Zeiten unsere innere Ruhe, Integrität, Authentizität und Zuversicht zu bewahren. Wir können aus jeder Situation das Beste machen. Manchmal kann es sogar gelingen, dass wir - wie Konfuzius sich einmal ausdrückte - Unglück in Glück verwandeln, die hohe Schule einer weisen Lebensführung. Denn Glück und Unglück liegen in der eigenen Seele, nicht in äußeren Gütern, Gegebenheiten und Ereignissen. Doch wo wir uns selbst ein Bein stellen, da stolpern wir auch. Das meiste Unglück, sagte der griechische Philosoph Epikur, schaffen wir uns selbst durch unsere eigenen Ängste, Begierden und falschen Vorstellungen.

13.04.2022
Neuer Podcast "Prägungen" und Veranstaltungshinweise

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

ab heute ist in unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ eine weitere Folge #14 zu hören. Es geht dieses Mal um "Prägungen". Wir sind die Summe unserer Gewohnheiten und die meisten davon gehen auf Prägungen von außen zurück. Manche sind förderlich, andere belasten uns. Welche Bedeutung haben sie für unser Leben und wie werden wir diejenigen los, die uns schaden?

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“
(Goethe)

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Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu findet Ihr auf der Website: www.pudel-kern.com
und auf den meisten gängigen Plattformen.

Über Anmerkungen, Kritik und Rückfragen freuen wir uns.

Nächstes Wochenendseminar:

29. April -01. Mai 2022, Kufstein/Auracher Löchl

Thema:
"Konfuzius – Höhepunkt chinesischer Lebensweisheit"
Kein Weiser hat über 2500 Jahren hinweg eine solche Wirkung erzielt wie Konfuzius.
Dauer: Freitag, 18:00 h bis Sonntag, 14:00 h
Leiter: Albert Kitzler
Ort: Auracher Löchl, Römerhofgasse 4, 6330 Kufstein (ältestes Hotel/Restaurant Kufsteins)
Kosten: 2 Übernachtungen mit Frühstück und Seminargebühr: EZ 600,- / DZ 510,- €
Anmeldung: siehe Anhang

Nächster Philosophischer Urlaub:

09.-16. Juli 2022, Villa Antiglia/Toskana

Indische Lebensweisheit – Upanishaden, Yoga, Buddha
Ohne Sinn für Spiritualität fehlt unserem Leben etwas.
Gesamtkosten: inkl. Kost und Logis (ohne Anreise): DZ 1.290 €, EZ 1.460 €
Anreise: Am einfachsten Flug nach Rom, von dort mit dem Mietwagen durch die schöne Maremma zum Seminarort (ca. 2 Std.).
Wir bilden Fahrgemeinschaften.
Anmeldung: Siehe Anhang
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Online Workshop (außerhalb der Schule)

Mittwoch, 27. April 2022, 09-12 Uhr

"Self-Leadership"

Gerne kündige ich diesen Workshop meines langjährigen Freundes Christian Stahl an, mit dem ich zusammen zahlreiche Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung von Führungs- und Nachwuchskräften (Ukraine) sowie Politikern veranstaltet habe. Bei diesem Workshop bin ich nicht dabei.

Kosten: 200,- zzgl. MwSt
Weitere Informationen:
siehe Anhang
Anmeldung:
E-Mail an info@stahlmedien.com

Weitere Informationen zu diesen und den übrigen Veranstaltungen 2022 findet Ihr in der angehängten Broschüre.

Für die Osterfeiertage wünsche ich allen eine erholsame Zeit innerer Ruhe und zwischenmenschlicher Verbundenheit!

Euer

Albert Kitzler

13.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #3

Selbst im Toren liegt ein Geist, der seine Torheit ahnt; doch wahrscheinlich liegt kein Geist in einem Menschen, der überzeugt ist von der eigenen Weisheit.

Betrüblicher noch als Unwissenheit ist Scheinwissen, betrüblicher als Unfähigkeit ist Überheblichkeit, Anmaßung, Einbildung, Dünkel, alles das, was die Griechen Hybris nannten. Dem Unwissenden kann bei genügender Belehrung geholfen werden. Wer aber meint, er sei schon weise, hat die Pforte für eine bessere Einsicht verschlossen. Der Tor lebt im Nebel, der sich verziehen kann, der Anmaßende in einem selbst errichteten Kerker hinter dicken Mauern,  die niemand einreißen kann. Die Weisen der Antike in Ost und West wussten, dass der nicht glücklich lebt, der hochmütig lebt, anstatt in Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit.

12.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #2

Was unklar ist, muss man klären, was schwer zu vollbringen ist, soll man mit größter Beharrlichkeit durchsetzen.

In dieser Spruchweisheit kommt zum Ausdruck, was Weisheit bedeutet: Wissen und Können. Wir sollen erkennen, was uns nachhaltig gut tut. Haben wir es erkannt, sollen wir es konsequent umsetzen. Letzteres ist für viele Menschen die größere Herausforderung. Hier braucht es Entschlossenheit, Überwindung der eigenen Trägheit, kontinuierliches Einüben und beharrliches Dranbleiben. Wirklich etwas für das praktische Leben lernen bedeutet, es zu verinnerlichen und zu einer festen Gewohnheit zu machen, so dass wir es intuitiv praktizieren, ohne daran denken zu müssen. Wir speichern in unserem Gehirn neue oder geänderte Denk-, Verhaltens- und Wollensmuster ab, indem wir entsprechende synaptische Verschaltungen herstellen. Dazu braucht es Zeit und häufiges Einüben. „Wiederholtes vernunftgesteuertes Bewegtwerden“ nennt Aristoteles diesen Vorgang der „Steuerung unserer irrationalen Seelenteile“. Im I Ging (Yijing, Buch der Wandlungen), dem ältesten Weisheitsbuch der Menschheit, heißt es: „Die Dauer ist die Art des Weisen.“

11.04.2022
Anonyme östliche Weisheiten #1

Eine große Bibliothek bringt uns mehr von unseren Gedanken ab als sie uns belehrt.

Und weiter heißt es in dieser anonymen östlichen Spruchweisheit:

„Weit besser ist es, mit wenigen Schriftstellern sich zu begnügen, als ohne Wahl immer neue zu lesen.“ 

Dazu passt, was Seneca einmal sagt:

„Die Menge der Bücher wirkt zerstreuend. ... Lies also immer nur Schriftsteller von anerkanntem Wert, und hast du dich einmal zu anderen hingetrieben gefühlt, so kehre nur wieder zu jenen zurück.“ 

Anstatt dem Wunsch nachzugeben, sich wahllos ein möglichst breites Wissen anzueignen, sollten wir Mut zur Lücke haben und lieber Wesentliches gründlich und gut lernen.  Gerade angesichts des digitalen Überangebots, das ständig präsent und zugänglich ist, tut eine sinnvolle Auswahl und kluge Selbstbeschränkung not. Andernfalls verlieren wir uns im Unendlichen: Konzentration statt Zerstreuung, Vertiefung statt Ausdehnung, Verinnerlichung statt Veräußerlichung. Neugierde, Allgemeinbildung und Offenheit sind gut, dürfen aber nicht zur Beliebigkeit, zur Verunsicherung der Persönlichkeit und zum Verlust innerer Haltungen führen. Es kommt nicht darauf an, wie viel man isst, sondern wie viel man verdaut.

10.04.2022
Angst #7

Wer seine äußeren Verhältnisse für ein Glück hält, der wird die Angst nicht los.

Das war die Auffassung des römischen Gelehrten und Philosophen Boethius, mit dessen Schrift „Der Trost der Philosophie“ man gewöhnlich die antike abendländische Philosophie enden lässt (5./6. Jh. n. Chr.). Seine etwas formallogische Begründung lautet:

Ferner, wer sich von äußeren glücklichen Verhältnissen dahintragen (verführen, vereinnahmen) lässt, der kennt entweder ihre Veränderlichkeit oder er kennt sie nicht. Wenn er sie nicht kennt, wie kann man bei solch blinder Unwissenheit sein Los glücklich nennen? Kennt er sie aber, so muss er das zu verlieren fürchten, was er nach seiner eigenen Überzeugung einmal verlieren kann. Darum lässt ihn die fortgesetzte Angst nicht glücklich werden.

Nicht in günstigen „äußeren Verhältnissen“ als solchen wie Besitz, Beruf, sozialer Stellung, Familienverhältnisse usw. sieht Boethius die Wurzel der Angst, sondern in dem inneren Anhaften an sie, in der festen Vorstellung, dass es diese äußeren Verhältnisse sind, die mein Glück ausmachen: wer sich von ihnen „dahintragen lässt“ (lateinisch vehit =  führen, ziehen, sich tragen lassen). Viele Weise des Altertums in Orient und Okzident empfahlen daher, sich immer wieder die Vergänglichkeit der äußeren Umstände bewusst zu machen und sein Glück nicht auf diese unsichere Grundlage zu stellen, sondern in inneren Werten zu suchen, die niemand zerstören oder einem wegnehmen kann.

09.04.2022
Angst #6

Der Weise kennt keine Angst vor der Armut.

Im „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji, Li Gi) heißt es:

Der Weise kennt keine Angst vor der Armut, keine Abneigung vor der Niedrigkeit, keine Furcht vor dem Unbekanntsein. In ärmlicher Kleidung, die zerrissen ist, bei dürftiger Nahrung, die nicht sättigt, hinter einer Tür aus Reisig und leeren Fensterhöhlen freut er sich täglich unermüdet der Güte (Mitmenschlichkeit, Menschenliebe).

Schon die Antike kannte die bis heute nicht verstummte Auseinandersetzung darüber, ob und wenn ja wie viel materieller Besitz nötig sei, um ein glückliches Leben zu führen. Die meisten Weisen des Altertums in West und Ost waren der Meinung, dass man dafür nicht mehr als das zum Leben Notwendige bedürfe. Glück und Weisheit wurzeln in der Selbstgenügsamkeit, einer guten Seelenverfassung und dem harmonischen Ruhen in sich selbst. Diese „Geborgenheit im Inneren“ wachse uns nicht von außen zu, sondern sei das Ergebnis einer Selbstkultivierung, die ausschließlich mit dem Verhältnis zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen zu tun habe. Äußere Umstände üben, wenn überhaupt, nur einen geringen Einfluss auf die Entwicklung und Ausformung der eigenen Persönlichkeit aus. Gleichgültig wie die äußeren Umstände sind, können wir immer das Beste daraus machen und dabei unser Glück finden. Ein Gewinn dieser Auffassung ist die weitgehende Freiheit und Unabhängigkeit einer weisen Lebensführung von äußeren Gütern, aber auch die Furchtlosigkeit, denn unsere Ängste rühren häufig daher, dass wir glauben, ohne materiellen Besitz nicht glücklich sein zu können. 

08.04.2022
Angst #5

Richtige Erkenntnis vertreibt die quälende Angst.

Der bedeutende indische Philosoph Shankara (8. Jh. n. Chr.) schreibt:

 „Richtige Unterscheidung lässt uns das wahre Wesen eines Seils erkennen und vertreibt die quälende Angst, die unsere irrtümliche Annahme, es sei eine Schlange, hervorruft.“

Shankara bezieht sich auf ein in der indischen Philosophie bekanntes Bild von der Mangelhaftigkeit sinnlicher Wahrnehmung: Ein Mensch hält ein zusammengerolltes Seil für eine Schlange und fürchtet sich davor. So lassen wir uns täuschen durch das, was wir wahrnehmen und wie wir diese Wahrnehmung interpretieren und bewerten. Dabei unterliegen wir häufig einem trügerischen Schein („Maya“). Erkennen wir aber das wahre Wesen hinter den Erscheinungen, machen wir uns zutreffende Vorstellungen, bewerten wir die Dinge angemessen und mit Lebensweisheit, dann, so Shankara, verlieren wir unsere Angst. Diese Auffassung vertrat auch Seneca. Er schrieb ein umfangreiches Buch über die natürlichen Ursachen von Naturphänomenen, vor denen sich seine Zeitgenossen fürchteten, weil sie glaubten, darin offenbare sich der Zorn der Götter. Solche Vorstellungen beruhen häufig auf einer falschen Meinungen darüber, was wirklich zu fürchten ist und was nicht. Ein Beispiel: Rechnen wir Besitz oder Macht zu den wichtigsten Gütern, fürchten wir jede Einbuße. Halten wir aber unsere Authentizität, innere Unabhängigkeit und Lebendigkeit für wichtiger, werden wir einen drohenden Verlust von Besitz oder Macht nicht fürchten, und tritt er ein, gelassen hinnehmen.

07.04.2022
Angst #4

Die Beschäftigung mit der Philosophie nimmt einem die Angst vor dem Tod.

Das war die Auffassung des bedeutenden griechischen Philosophen und Stoikers Poseidonios. Mit folgenden Worten ruft er die Philosophie an:

Philosophie, du Führerin des Lebens ... Welcher Mittel sollten wir uns daher eher bedienen als der deinigen, die du uns die Ruhe des Lebens geschenkt und den Schrecken des Todes von uns genommen hast?

Die Philosophie beschäftigte sich in der Antike vorwiegend mit Fragen des seelischen Wohlbefindens und weniger mit Fragen der Erkenntnismöglichkeit, der Sprache, des Seins, die im Zentrum der Philosophie der Neuzeit stehen. Sie war vor allem praktische Philosophie und blieb mit ihren Fragen stets der Aufgabe verpflichtet, zu bestimmen, was das „gute Leben“ ist und was wir tun müssen, um es zu erreichen. Sie lehrte die Erziehung, Bildung und Leitung der Seelenkräfte des Menschen mit dem Ziel der Seelenruhe, der inneren Ausgeglichenheit, der Zufriedenheit, des Glücks und der Reduzierung seelischen Leids. Als ein Haupthindernis für diesen „Frieden der Seele“ aber galt jede Form von Angst und Furcht. Nach verbreiteter Auffassung wurzelten diese in der Angst vor dem Tod („Schrecken des Todes“). Die Philosophie, davon war nicht nur Poseidonios überzeugt, kann uns dabei helfen, diese Angst vor dem Tod zu überwinden. Das vermag sie auch heute noch.

06.04.2022
Angst #3

Wenn wir lernen, Leben und Tod als gleich anzusehen, gibt es nichts mehr zu fürchten.

Bei dem chinesischen Gelehrten Huai-Nan Dse (gest. 122 v. Chr.) lesen wir:

„Die Welt missachten:
Dann ist der Geist unbeschwert.
Alle Dinge als unwichtig betrachten:
Nichts, das den Sinn mehr stört.
Leben und Tod als gleich ansehen:
Nichts mehr, das es zu fürchten gibt.
Gleiches in allen Wandlungen sehn:

Dann bleibt der Blick ungetrübt.“

Die ersten Zeilen richten sich gegen das Anhaften an den „weltlichen Dingen“ und Verhältnissen.  Je weniger Bedeutung wir ihnen für ein gelingendes Leben geben, umso innerlich unabhängiger, unbeschwerter und gelassener werden wir. Weltflucht oder Weltabgewandtheit ist damit nicht gemeint. Der zweite Teil des Gedichts besagt, dass aller Wandel und alle Vergänglichkeit etwas Natürliches ist. Wenn wir lernen, den natürlichen Wandel anzunehmen, überwinden wir nicht nur unsere Furcht vor Tod, Verlust und Veränderung, sondern alle Furcht.

05.04.2022
Angst #2

Vor anderen Leuten sei unerschrocken!

In der altägyptischen „Lehre des Amenemope“ (etwa 1100 v. Chr.) lesen wir:

Scheide nicht dein Herz von deiner Zunge; dann geschieht es, dass alle deine Verhältnisse glücklich werden; sei unerschrocken vor anderen Leuten …

Der erste Teil des Zitats betrifft die Aufrichtigkeit. Wir sollen sagen, was wir fühlen und denken, das, was wir „auf dem Herzen haben“. Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Authentizität ist eine wichtige Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Im Anschluss daran empfiehlt der Autor, dass wir anderen Menschen angstfrei begegnen sollen. Die Nähe beider Gedanken deutet auf ihre innere Verbundenheit: Wir überwinden die Angst, wenn wir authentisch bleiben und unsere Authentizität für wichtiger halten als äußerlichen Erfolg oder die Reaktion der anderen. Indem wir uns darin üben, unerschrocken für uns, unser Denken und Fühlen, unsere Werte und Haltungen einzustehen, wächst das Selbstvertrauen, das notwendig ist, um Ängste zu überwinden.

04.04.2022
Angst #1

Sorge dich für deinen Sohn nicht allzu ängstlich ...

Dieser sehr frühe Hinweis auf den Umgang mit Angst findet sich bei Homer (8. Jh. v. Chr.), dessen Epen für die alten Griechen eine Enzyklopädie der Lebensweisheit waren. Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, sagt die zitierten Worte zu ihrem Schützling Odysseus, der sich um seinen Sohn sorgt. Für die Weisen des Altertums in West und Ost war es eines der wichtigsten Merkmale eines glücklichen Lebens, dass wir furchtlos und ohne Ängste leben. Viele meinten, dass dazu die innere Bereitschaft nötig ist, alles loslassen zu können, wenn es das Schicksal so will. Die Inder, die diese Fähigkeit für besonders wichtig hielten, meinten, dass das Gegenteil, das Verhaftetsein, die Wurzel allen Übels sei. Anhaften an Gegenstände, Güter, Verhältnisse und Menschen ist die Vorstellung, dass unser Lebensglück von diesen Äußerlichkeiten abhängt. Das Gegenteil davon, die Selbstgenügsamkeit, die das Glück vornehmlich aus den eigenen inneren Quellen, Wertvorstellungen und Haltungen schöpft, war daher in Orient und Okzident eine Tugend von höchstem Rang. Der lebt glücklich, der in sich selbst sein Genügen hat. Damit ist keineswegs der selbstbezogene Einzelgänger gemeint. Im Gegenteil: Solche Menschen pflegen die tiefsten zwischenmenschlichen Beziehungen. Weil sie nichts erwarten und nichts erhoffen, geben sie dem Gegenüber einen Freiraum und eine Ungezwungenheit, in der er sich wohlfühlt und die Nähe und Verbundenheit schafft.

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