Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei interpretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
16.04.2024:
Lust

Nur der Weise vermag sich ganz zu freuen.

Menzius, der bedeutendste Nachfolger des Konfuzius, erzählt folgende Begebenheit:

Der König stand an seinem Parkweiher und sah den Schwänen und Hirschen zu. Er sprach: ‚Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?’ Menzius erwiderte: ‚Der Weise erst vermag sich dieser Dinge ganz zu freuen. Ein Unweiser, selbst wenn er sie besitzt, wird ihrer nicht froh.

Weisheit ist er Weg zur Freude. Sie ist die Fähigkeit, sich insbesondere an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen. Das rührt daher, dass der Weise Friede mit sich und der Welt geschlossen hat. Selbstgenügsam und ohne selbstsüchtiges Wollen ruht er ausgeglichen in sich. Das ist die Grundstimmung, aus der heraus er reinste Freude an einem erkennenden Betrachten der Welt erlebt, Aristoteles würde sagen: an der Philosophie, die deshalb zur Glückseligkeit führt. Er muss nicht haben und besitzen wollen. Diese Vorstellung von einem Weisen ist ein Ideal, das vielleicht keiner je erreichen wird. Aber es geht bei einem Ideal weniger darum, es zu erreichen, als vielmehr mit seiner Hilfe den richtigen Kurs zu setzen, zu halten und sich täglich darum zu bemühen, dem Ziel näherzukommen. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung ist ein Fortschritt und vermehrt unsere Freude am Leben.

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15.04.2024:
Lust

Die Menschen essen, weil es Ihnen Freude macht, aber aus diesem selben Grund mit Essen aufhören, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Das Zitat stammt von dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope, der zeitweise in einer Tonne lebte oder dort übernachtete. Mit einer ebenso einfachen wie geistreichen Bemerkung weist er auf ein zentrales Thema antiker Lustlehre hin. Wie alles Weisheitsdenken hat es nichts an Aktualität verloren. Schon immer wurde an der Lust Kritik geübt, weil sie nicht selten unangenehme Folgen nach sich zieht. Diogenes macht darauf aufmerksam, dass nicht die Lust schlecht ist, sondern ein kurzsichtiger, übermäßiger und unbesonnener Umgang mit ihr, der nicht „auf das Ende” sieht, wie sich Solon von Athen, einer der „Sieben Weisen“, ausdrückte. Nicht das Genießen ist schlecht, sondern schlecht genießen zieht die Übel nach sich.

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14.04.2024:
Liezi

Die Leute ohne Ehr und Amt sind nur zur halben Last verdammt.

Die Woche mit Aussprüchen des Liezi endet mit folgender bedeutsamen Passage:

„Vier Gründe sind es, dass die lebenden Menschen nicht zur Ruhe kommen: der eine ist das lange Leben, der zweite ist der Ruhm, der dritte ist der Rang und Stand, der vierte ist der Besitz. Um diese vier Dinge willen fürchten sie die Geister, fürchten sie die Menschen, fürchten sie die Macht und fürchten sie die Strafe. Die das tun (so leben), sind Menschen, die nicht zur Besinnung kommen. Man kann sie töten, man kann sie am Leben lassen: ihr Schicksal wird von außen her bestimmt.
Wer seinem Los nicht widerstrebt, braucht der hohes Alter zu begehren? Wer sich nicht um Ansehen kümmert, was braucht der Ruhm zu begehren? Wer nicht nach Macht trachtet, was braucht der Rang und Stand zu begehren? Wer nicht nach Reichtum gierig ist, was braucht der Besitz zu begehren? Die solches tun (so leben), sind mit sich selbst im reinen. Auf der ganzen Welt finden sie keinen Gegner; ihr Schicksal wird von innen her bestimmt. Darum sagt ein Sprichwort:

Die Leute ohne Ehr und Amt
sind nur zur halben Last verdammt.“

Der Ausdruck „ihr Schicksal wird von innen her bestimmt“ zeigt eine gedankliche Verwandtschaft mit einem berühmten Wort des Vorsokratikers Heraklit: „Der Charakter ist des Menschen Schicksal.“ Nicht die äußeren Dinge, sondern unsere inneren Haltungen, unsere Werte, unser Begehren und unsere Bestrebungen bestimmen unser Schicksal und damit, ob wir eher gut oder eher schlecht durchs Leben kommen. Begeben wir uns (zu sehr) in die Abhängigkeit von äußeren Wünschen und Vorstellungen, wird es schwierig, frohgemut und gelassen das Leben zu genießen. Konzentrieren wir uns auf unser Inneres und kommen wir mit uns selbst ins Reine, dann gelingt es uns. Wir werden, so Liezi und zahlreichen andere Weise des Altertums, unangreifbar. Die Stoiker würden sagen: unerschütterlich, modern gesprochen: resilient. Wir ruhen in der Geborgenheit unserer Mitte, aus der uns niemand vertreiben kann. Äußerlich braucht sich an unserem Leben nichts zu ändern. Wir klammern aber nicht an dem, was wir im Äußeren tun, begehren und beabsichtigen. Dadurch werden gelassen.

Der erste Grund für die Ruhelosigkeit der Menschen, den Liezi benennt, der Wunsch nach einem „langen Leben“, zielt auf die Angst, die viele Menschen vor dem Tod haben. Vor allem sie gilt es zu überwinden, denn das befreit von allen anderen Ängsten.

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13.04.2024:
Liezi

Wenn ich eure Herzen austausche, so kommt ihr ins rechte Gleichgewicht.

Liezi erzählt folgende Begebenheit:

„Biän Tsüo, ein berühmter Arzt, sprach zu Gung Hu: ‚Dein Wille ist stark und deine Kraft ist schwach, darum mangelt es dir nicht an Vorsätzen, wohl aber an der Ausführung. Tsi Yings Wille ist schwach und seine Kraft ist stark, darum denkt er zu wenig und leidet an Eigensinn. Wenn ich eure Herzen austausche, so kommt ihr ins rechte Gleichgewicht.’"

Wer die beiden sind, zu denen der Arzt gesprochen hat, weiß man nicht. Was Liezi sagen wollte, dürfte verständlich sein: Es gibt zwei Charakterschwächen, die verhindern, dass die Menschen das Leben führen, das sie führen könnten und das ihnen guttun würde. Entweder haben sie nicht den notwendigen festen Willen und die Beharrlichkeit, die Grundsätze und Lebensregeln für ein gelingendes Leben, die sie erkannt haben, auch umzusetzen. Das Wissen ist da, aber die Kraft zur Selbststeuerung fehlt. Oder sie denken nicht genügend über ihr Leben nach, so dass ihnen die Einsicht fehlt, was sie zu tun haben, damit ihr Leben erfüllter und freudvoller wird. Die Kraft zur Umsetzung wäre da, aber das Wissen fehlt. Ist Wissen da und die Kraft, Entschlossenheit und Beharrlichkeit zur Umsetzung, wäre der Idealzustand erreicht. Fehlt das eine oder andere, leben die Menschen entfremdet und nicht authentisch.

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12.04.2024:
Liezi

Ausgeglichenheit ist das höchste Weltgesetz.

Bei Liezi lesen wir:

„Gleichgewicht ist das höchste Weltgesetz ... Ich hörte meinen verstorbenen Vater von der Geschicklichkeit des Pu Dsu Dsi im Schießen reden. Er benützte einen schwachen Bogen und befestigte den Pfeil an einer dünnen Leine und benützte den Wind, um ihn zu treiben. Damit holte er zwei Kraniche aus den höchsten Wolkenregionen herunter, weil sein Sinnen gesammelt war und die Bewegung der Hände dem Gleichmaß der Kräfte sich anpasste.“

Auf den Abschuss der armen Kraniche wollen wir nicht eingehen, sondern bedenken, wie Liezi die Bedeutung der Ausgeglichenheit und Harmonie als „höchstes Weltgesetz“ an einem Beispiel verdeutlicht. Der Gedanke ist auch für unsere Lebensweise äußerst relevant ist. „Die Sinne sammeln“ ist Ausdruck für vollkommene Konzentration, Sorgfalt und Achtsamkeit. Die Anpassung der äußeren Bewegung an das Maß der eigenen Kräfte könnte verallgemeinernd dahin verstanden werden, dass wir nichts beginnen sollten, was über unsere Kräfte geht. Tun wir es dennoch, so geraten wir in Unausgeglichenheit und werden früher oder später krank, weil unsere mentalen und physischen Kräfte sich erschöpfen. Die Verkennung oder Missachtung der von Liezi genannten Weisheit ist m.E. eine der Ursachen für die seelischen Probleme des modernen Menschen in den hochindustrialisierten Ländern. Vielen gelingt es nicht, im Inneren und Äußeren ein ausgeglichenes Leben zu führen. Es sei noch bemerkt, dass wir in dem Zitat eine frühe Ausprägung späterer Zen-Praktiken finden wie der „Kunst des Bogenschießens“.

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11.04.2024:
Neuer Podcast "Vergänglichkeit" - Neues Buch "Gelassenheit" - Lesung in Erfurt am 22. April 2024

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

in unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ ist eine weitere Folge #95 zu hören. In einem Interview mit der renommierten Philosophin und Autorin Dr. Ina Schmidt geht es um "Vergänglichkeit". Wer glücklich leben möchte, der muss ein gutes Verhältnis zum Tod und zur Vergänglichkeit gewinnen und seine Ängste davor überwinden.



„In der Bereitschaft zum Tod vollendet sich der Mensch!"
Cicero

Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu finden Sie auf der Website: www.pudel-kern.com

Ferner auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts gibt, u.a.:

https://linktr.ee/pudelkern

https://podcasts.apple.com/us/podcast/95-verg%C3%A4nglichkeit-interview-mit-der-philosophin-dr/id1591918638?i=1000651950801

https://open.spotify.com/episode/6KTsmV0AFotDbGBSqpoAlH

Wenn Ihnen der Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn bitte weiter. Über Anmerkungen und Rückfragen freuen wir uns.
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Lesung

"Gelassenheit. Eine philosophische Lebensschule"

am 22. April 2024, 18:oo Uhr im Haus Dacherröden, Am Anger 37, 99084 Erfurt, mit anschließender Diskussion und Büchertisch

Kartenvorverkauf 16,- €, Abendkasse 18,- €, hier:

Albert Kitzler: Gelassenheit. Eine philosophische Lebensschule ○ Haus Dacheröden ○ Programm ○ Erfurter
Herbstlese

Oder direkt vor Ort: Haus Dacheröden, Anger 37 in Erfurt.

Mein neues Buch "Gelassenheit. Eine philosophische Lebensschule" ist seit einigen Tagen auf dem Markt. Anhand der praktischen Philosophie des Stoikers Seneca erläutere ich, wie wir zu mehr Gelassenheit gelangen können. Seneca führt dazu zahlreiche Übungen an. Bei dem Buch handelt es sich um eine Umarbeitung und Erweiterung meines Buches "Leben lernen - ein Leben lang", das im Buchhandel seit längerem vergriffen ist. Das Taschenbuch kostet 14,99 €. Es kann auch über massundmitte@gmx.de bestellt werden und wird dann handsigniert versendet. Das Porto von 2,25 € trägt der Besteller.

Ein erstes Interview zu diesem Buch gibt es in Robin Meinerts Podcast "Auf Deutsch gesagt".

Herzliche Grüße

Albert Kitzler

11.04.2024:
Liezi

Es gibt keine Weisheit, die unter allen Umständen richtig wäre.

In einem Dialog, der sich bei Liezi findet, sagt ein Weiser folgende bedeutenden Worte:

„Wer die Zeit trifft, dem gelingt es; wer die Zeit verfehlt, der kommt ins Verderben. Euer Weg war derselbe wie meiner, und doch ist der Erfolg verschieden; das kommt davon, dass ihr die Zeit nicht getroffen, nicht etwa davon, dass ihr in euren Taten es verfehlt hättet. Außerdem gibt es auf der Welt keine Wahrheit, die unter allen Umständen richtig wäre, und keine Handlung, die unter allen Umständen unrichtig wäre. Was in früheren Tagen gebraucht wurde, wird heute vielleicht verworfen. Was heute verworfen wird, wird später vielleicht gebraucht. Ob etwas gebraucht wird oder nicht gebraucht wird, das folgt nicht einer festen Regel. Wie man eine Gelegenheit benützt, die rechte Zeit trifft, den Verhältnissen sich anpasst, dafür gibt es kein Rezept, das kommt alles auf die Klugheit an. Fehlt es an dieser Klugheit, so mag man einen Herrn nehmen, gelehrt wie Kung Kiu und gewandt wie Lü Schang: er geht hin und hat sicher Misserfolg.“

Kung Kiu ist Konfuzius, Lü Schang ein legendärer weiser Herzog. Zwei zentrale Gedanken antiken Weisheitsdenkens finden wir hier vereint. Zum einen, dass alles vom richtigen Zeitpunkt abhängt. Die Griechen nannten diesen Zeitpunkt „Kairos“. Verwandt damit ist der weitere Gedanke, dass die Anwendung einer Weisheitsregel von der Zeit und den konkreten Umständen abhängt. Bei der praktischen Anwendung kommt keiner Weisheit absolute Gültigkeit zu. Von keiner kann gesagt werden, dass sie immer, überall und unter allen Umständen anzuwenden wäre. Häufig tritt sie in Konflikt mit anderen Weisheiten und Werten, so dass wir sie gegeneinander abwägen müssen, um die beste Entscheidung zu treffen. Daher ist weises Verhalten und das gelingende Leben kein Ergebnis logisch-zwingender Umsetzung von Prinzipien, sondern hat eine intuitive, kreative Komponente, es ist eine Kunst: Lebenskunst („Klugheit“).

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10.04.2024:
Liezi

In dem Gebrauch unserer Vorstellungen liegt die Freiheit, das Wohlbefinden, der gute Fluss des Lebens.

Dieser zentrale Ausspruch über den Einfluss unseres Denkens und Bewusstseins auf unser Wohlbefinden stammt von dem römischen Stoiker Musonius Rufus. In den altindischen Upanishaden heißt es, man wird zu dem, was im eigenen Denken und Sinnen herrscht. Die Chinesen zogen es vor, Einsichten und Weisheiten in Bildern und Geschichten zu vermitteln. Bei Liezi finden wir eine Geschichte, die zu denselben Gedanken ausdrückt:

„Es war einmal ein Mann, der hatte seine Axt verloren. Er hatte seines Nachbars Sohn im Verdacht und beobachtete ihn. Die Art, wie er ging, war ganz die eines Axtdiebes; sein Gesichtsausdruck war ganz der eines Axtdiebes; die Art, wie er redete, war ganz die eines Axtdiebes; aus allen seinen Bewegungen und aus seinem ganzen Wesen sprach deutlich der Axtdieb. Zufällig grub jener einen Graben um und fand seine Axt. Am anderen Tag sah er seinen Nachbarssohn wieder. Alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen hatten nichts mehr von einem Axtdieb an sich.“

Unsere Vorstellungen manipulieren unsere Wahrnehmung, im zwischenmenschlichen Bereich nicht selten mit leidvollen Konsequenzen. Wir sollten uns daher bemühen, Menschen, Dinge, Verhältnisse möglichst vorurteils- und wertfrei wahrzunehmen. Die alten Griechen nannten dies „epochē“, was Zurückhaltung oder Enthaltung des eigenen Urteils bedeutet.

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09.04.2024:
Liezi

Äußeres betrifft nicht unser wahres Ich.

Bei Liezi lesen wir:

„Allein sein Selbst veredeln ohne Rücksicht auf Erfolg oder Nichterfolg, erkennen, dass äußere Schicksale und Verluste nicht unser wahres Ich betreffen, und sich nicht die Gedanken des Herzens verwirren lassen: das ist es, was du meinst, wenn du sagst: wer Frieden mit Gott hat und seinen Willen kennt, hat keinen Kummer.“

Der Gedanke, dass wir bei der Entwicklung unserer Persönlichkeit von äußeren Umständen absehen und daher dem Erfolg oder Misserfolg unserer äußeren Unternehmungen weniger Gewicht beimessen sollten, war in der Antike in West und Ost weit verbreitet. Eine starke Bindung und Fixierung auf Äußeres verwirrt das Innere. Wer den ungewissen Gang der äußeren Dinge kennt, weiß, dass alle Vorhaben, die wir beginnen, auch scheitern können. Deshalb ist es ratsam, dass wir unser Glück nicht an das Gelingen oder Misslingen unserer Unternehmungen hängen sollten, sondern daran, dass wir unser Bestes gegeben haben. Sind wir auf unsere seelisch-geistige Entwicklung fokussiert, dann ruhen wir in der „Geborgenheit unseres Inneren“ und haben hier einen unerschütterlichen, sicheren Ort, eine „innere Burg“. Misserfolge in unseren äußeren Unternehmungen können uns weder enttäuschen noch betrüben. Kummer wird vermieden. Das meinte Liezi. Aber es ist nicht leicht, eine solche Haltung einzunehmen und so weit zu verinnerlichen, dass unser Glück von äußerem Erfolg unabhängig wird.

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08.04.2024:
Liezi

Lust und Wut sind keine ruhenden Zustände.

Liezi (Liä Dsi) war ein chinesischer Philosoph aus dem 5. Jh. v. Chr. Wir wissen so gut wie nichts über ihn, nicht einmal, ob er tatsächlich gelebt hat. „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“, das ihm zugeschrieben ist, enthält zahlreiche tiefe Weisheiten, die er möglicherweise von anderen oder aus älteren Quellen übernommen hat. Dort lesen wir:

Denn Lust schlägt sicher in Wut um, und die Wut schlägt immer wieder in Lust um; beides sind keine in sich ruhenden Zustände.“

Die Seelenruhe, die unaufgeregte heitere Gelassenheit, wurde in vielen antiken Weisheitslehren als eines der wichtigsten Merkmale gelingender Lebensführung angesehen. Sie wurde mit Glück und Lebenszufriedenheit gleichgesetzt. Deshalb standen bei diesen Denkern momenthafte euphorische Glücksgefühle, die schnell wieder vergehen, nicht hoch im Kurs. Das Leid, das sie nach sich ziehen oder das ihnen vorausgeht, verhindere ein dauerhaftes Wohlgefühl. Auch hatte man an vorbildlichen Persönlichkeiten erfahren können, dass es ein tieferes anhaltendes Glück gebe, das mit der Arbeit an sich selbst zu tun habe und für das man nicht mit Leid bezahlen müsse. Dieses Glück sei nicht weniger erfüllend und freudvoll als Lustbefriedigung und die Erfüllung von Wünschen, die auf die Außenwelt gerichtet seien. Nur jenes Glück aber verdiene den Namen „wahrer Glückseligkeit“, an die kein kurzes Glücksgefühl heranreiche. Epikur nannte eine solche Glückseligkeit ein „Glück in der Ruhe“ und unterschied es von einem „Glück in der Bewegung“. Das entspricht der Intention Liezis. Die Unterscheidung ist auch für unser heutiges Leben von großer Relevanz: Nähren wir unser Wohlgefühl aus Konsum und äußeren Gütern oder aus inneren Werten, Haltungen und der Stimmigkeit mit uns selbst?

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07.04.2024:
Mitte

Weisheit ist Maß und Mitte, insofern sie auf eine Art von Mitte abzielt.

So könnte folgende Stelle bei Aristoteles zusammengefasst werden:

Denn sie (die ethische Tugend) befasst sich mit den Leidenschaften und Handlungen, und an diesen befinden sich Übermaß, Mangel und Mitte. So kann man mehr oder weniger Angst empfinden oder Mut, Begierde, Zorn, Mitleid und überhaupt Freude und Schmerz, und beides auf eine unrichtige Art; dagegen es zu tun, wann man soll und wobei man es soll und wem gegenüber und wozu und wie, das ist die Mitte und das Beste, und dies kennzeichnet die Tugend (Weisheit). Ebenso gibt es auch bei den Handlungen Übermaß, Mangel und Mitte. Die Tugend wiederum betrifft die Leidenschaften und Handlungen, bei welchen das Übermaß ein Fehler ist und der Mangel tadelnswert, die Mitte aber das Richtige trifft und gelobt wird. Und diese beiden Dinge kennzeichnen die Tugend. So ist die Tugend ein Mittelmaß, sofern sie auf die Mitte zielt.

Eine andere Übersetzung für das etwas missverständliche „Mittelmaß“ (richtig daran ist allerdings die Verbindung von Maß und Mitte) lautet „eine Art von Mitte“. Was sich kompliziert anhört, ist eine für Aristoteles typische differenzierte, genaue und umfassende Beschreibung des Phänomens der „Tugend“, wir können auch sagen der „Weisheit“ oder der Lebenskunst oder des richtigen Verhaltens. Um im konkreten Einzelfall Maß und Mitte zu treffen, kommt es immer auf die Umstände, die in Frage stehende Weisheit und auf die Persönlichkeit des Einzelnen an.

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06.04.2024:
Mitte

Folge dem natürlichen Weg der Mitte, und so wirst du dein Selbst wahren.

Bei Zhuangzi heißt es:

Unser Leben ist begrenzt, Wissen aber ist unbegrenzt. Mit Begrenztem Grenzenlosem nachzustreben ist ein gefährliches Unterfangen. Das aber erkannt zu haben und sich dennoch um Wissen zu mühen ist noch gefährlicher … Folg dem natürlichen Weg der Mitte, und so wirst du dein Selbst wahren, dein Leben erhalten, deine Eltern ernähren und deine naturgegebene Lebensspanne unverkürzt zu Ende leben können.

Unser Körper wie alle menschlichen Dinge sind endlich, vergänglich und bedingt. Deshalb sollen wir mit unserem Wissen nicht nach dem Unbegrenzten und Unbedingten streben. Diese antirationale Haltung bedeutet für Zhuangzi Selbstbeschränkung, Bescheidenheit und Vermeidung von Extremen. Die Extreme aber vermeidet, wer die Mitte wählt. Die Mitte zu wählen bedeutet, das Zuwenig stärken und das Zuviel schwächen. Alles andere schädigt auf Dauer unser Selbst und kann es zerstören, weil es sich gegen naturgegebene Zustände und Wachstumsprozesse wendet. Viele seelische und körperliche Krankheiten entstehen aus solchen Grenzüberschreitungen. Wir tun zuviel oder zuwenig.

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05.04.2024:
Mitte

Maß und Mitte bewahren – das ist höchste Weisheit.

Der Ausspruch stammt von Konfuzius. Weiter heißt es: „Sie ist selten geworden, seit langem schon.“ Statt „höchste Weisheit“ steht in der Übersetzung „das ist die höchste Tugend“. Aber vielleicht tun wir gut daran, anstelle des überfrachteten abendländischen Begriffs der „Tugend“ den neutraleren Begriff „Weisheit“ zu verwenden. „Weisheit“ meint die Kunst und Fähigkeit, bei der Lebensgestaltung die für einen selbst und die Gemeinschaft besten Entscheidungen zu treffen und beharrlich danach zu handeln, oder, wie die Chinesen sagen würden, den „rechten Weg“ (Dao, Tao) zu beschreiten. Wie im antiken griechischen Denken hatte dies auch bei Konfuzius viel mit harmonischer Lebensführung und der Vermeidung von Extremen zu tun, d. h. mit einem Leben in „Maß und Mitte“. Er meinte, dass man nicht häufig auf Menschen treffe, die diese Kunst beherrschen.

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04.04.2024:
Mitte

Die Mitte ist das Gesetz der Natur. Aber dem Mensch gelingt es nicht, sein Leben danach einzurichten.

Das ist der Sinn der folgenden Stelle bei dem chinesischen Philosophen Laotse (6. Jh. v. Chr.). Er beklagt die Einseitigkeiten im menschlichen Handeln und den Mangel an einem ausgeglichenen Seelenhaushalt:

Des Himmels SINN (Dao, Naturgesetze), wie gleicht er dem Bogenspanner!
Das Hohe drückt er nieder,
das Tiefe erhöht er.
Was zuviel hat, verringert er,
was nicht genug hat, ergänzt er.
Des Himmels SINN ist es,
was zuviel hat, zu verringern, was nicht genug hat, zu ergänzen.
Des Menschen Sinn ist nicht so.
Er verringert, was nicht genug hat.
Um es darzubringen dem, das zuviel hat.
Wer aber ist im Stande, das, was er zuviel hat, der Welt darzubringen?
Nur der, so den SINN hat (wer dem rechten Weg folgt).

Der Bogenspanner stellt den Bogen auf die Erde und drückt das obere Ende nach unten, um daran die Sehne zu befestigen. In der Natur gibt es eine Tendenz zum Ausgleich. Wer gut leben möchte, sollte in seinem Leben auf allseitige Ausgeglichenheit Wert legen. Extreme oder Einseitigkeiten sollte er meiden. Tatsächlich, so Laotse, handeln die Menschen dem häufig zuwider.

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03.04.2024:
Mitte

Rüste dich gleichermaßen gegen Lust und Leid.

Das ist die Quintessenz folgender Stelle aus einem antiken Brief, der dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope zugeschrieben wird. Sie lautet im Zusammenhang:

Du aber fahr mit der Übung fort, die du begonnen hast, und wehre dich nach Kräften gleichermaßen gegen Lust und Leid, denn wir sind dazu da, gegen beide gleichermaßen Krieg zu führen und uns den Umständen in den Weg zu stellen, denn das eine (die Lust) führt zum Schlechten hin, und das andere (das Leid) führt, weil man es fürchtet, vom Guten weg.

Die Mitte ist auch die ausgewogene Mitte zwischen Lust und Leid. Ein Zuviel an Lust schlägt um in Leid und Leere. Wir werden dem Leid nicht vollkommen aus dem Weg gehen können, aber können dafür sorgen, dass es sich seltener einstellt und wenn, dann in einem erträglichen Maß. Es bedarf beharrlicher Übung, um stets die ausgewogene Mitte zu treffen und in allem das richtige Maß zu wahren. Aristoteles nannte die Tugend die Wahl der Mitte durch Vermeidung der Extreme.

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02.04.2024:
Mitte

Wenn man innerlich nachdenkt, so dass man sein Bewusstsein durchleuchtet, das nennt man Erkenntnis der Mitte.

Das Zitat stammt aus dem altchinesischen “Buch der Riten, Sitten und Gebräuche”. Der Übersetzer der Stelle merkt an, dass das chinesische Zeichen Dschung = Gewissenhaftigkeit, das hier mit Bewusstsein übersetzt wird, mit den beiden Symbolen „Mitte” und darunter „Herz” geschrieben wird. Selbsterkenntnis ist daher Erkenntnis der eigenen Mitte, des Selbst, des Kerns der eigenen Persönlichkeit. Aus dem Zitat kann ferner entnommen werden, dass den alten Chinesen die Existenz des Unbewussten bekannt war. Denn es ist gerade das Unbewusste, das durch innerliches Nachdenken zu Bewusstsein gebracht werden soll. In einer Anmerkung bestimmt der Übersetzer daher die „Mitte” als „das Zentrum des Wesens, das Unbewusste”. Wer in seine Mitte kommen und authentisch sein Leben leben möchte, der sollte so gut es geht sich selbst erkennen. „Ein Leben ohne Selbsterforschung ist nicht lebenswert“, meinte Sokrates.

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01.04.2024:
Mitte

Wahre die richtige Mitte, solch Maß ist in allem das beste.

Nach Homer trat um 700 v. Chr. in Griechenland ein weiterer großer Dichter auf, aus dessen Werken wir den größten Teil unseres Wissens von der griechischen Mythologie haben. Hesiod war sein Name. Unter dem Titel „Werke und Tage“ schuf er das erste Lehrgedicht. Aus diesem stammt die zitierte Weisheit, deren Wahrheit wie kaum eine andere das griechische Denken, Fühlen und Handeln geprägt hat. Nicht nur das griechische Denken: Nach der Wiederentdeckung der griechischen Kultur in der Renaissance beeinflusst die Vorstellung von Maß und Mitte das neuzeitliche Denken bis auf den heutigen Tag. Im alltäglichen Leben eines jeden Menschen kommt ihr eine große Bedeutung zu.

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31.03.2024:
Messkunst

An alle Begierde soll man die Frage stellen: Was wird mir geschehen, wenn sie erfüllt wird, was wenn nicht.

Eine große Qualität antiker Lebensweisheit ist es, dass sie in einfachsten Worten tiefe Lebenswahrheiten zum Ausdruck bringt, wie hier in dem Ausspruch des griechischen Philosophen Epikur. Gerade die scheinbare Einfalt dieser Sprache aus den Anfangsjahren des philosophischen Denkens, die uns heute weithin abhandengekommen ist, vermag einen Zugang zu jenen grundlegenden Wahrheiten zu schaffen, die im Laufe der Zeit mitunter bis zur Unkenntlichkeit zerredet wurden und auf diese Weise in Vergessenheit geraten sind. Im Anfang leuchten die Dinge am klarsten, schrieb der Altphilologe Bruno Snell einmal. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, dichtete Hermann Hesse.

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30.03.2024:
Messkunst

Das Wesen der Dinge bestimmt, was zu erstreben und was zu meiden ist.

In diesem Zitat aus dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji) wird der intellektuelle Aspekt der Messkunst hervorgehoben. Sie setzt bei der Erkenntnis an. Je besser wir erkennen, wer wir sind und was „Leben“ ist, welche Dinge und Werte welche Bedeutung für unser Leben haben, welche zu erstreben, welche zu meiden sind, je realistischer unsere „Weltsicht“ ist, umso besser können wir unter den Möglichkeiten auswählen, die uns auf Dauer guttut. Im Liji heißt es:

Was man einen Heiligen nennt, dessen Wesen durchdringt die große Wahrheit. Er weiß in jedem Fall die rechte Auskunft, ohne je in Verlegenheit zu kommen. Er vermag Natur und Wesen aller Dinge zu ermessen. Die große Wahrheit bewirkt, dass aus Wandel und Werden etwas Festes sich gestaltet. Aller Dinge Natur und Wesen bewirken die Ordnung dessen, was zu billigen und nicht zu billigen, zu erstreben und nicht zu vermeiden ist.
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29.03.2024:
Messkunst

Durch wechselseitiges Abmessen unterscheiden wir das Zuträgliche von dem Abträglichen.

Hierin sah der griechische Philosoph Epikur die Hauptaufgabe guter Lebensführung. Der Meister des „lustvollen“, besser des freudvollen, heiteren Lebens führt aus:

Darum nennen wir auch die Lust Anfang und Ende des seligen Lebens. Denn sie haben wir als das erste und angeborene Gut erkannt, von ihr aus beginnen wir mit allem Wählen und Meiden, und auf sie greifen wir zurück, indem wir mit der Empfindung als Maßstab jedes Gut beurteilen. Und eben weil sie das erste und angeborene Gut ist, darum wählen wir auch nicht jede Lust, sondern es kommt vor, dass wir über viele Lustempfindungen hinweggehen, wenn sich für uns aus ihnen ein Übermaß an Lästigem ergibt (Leiden). Wir ziehen auch viele Schmerzen Lustempfindungen vor, wenn uns auf das lange dauernde Ertragen der Schmerzen eine größere Lust nachfolgt. Jede Lust also, da sie eine uns angemessene Natur hat, ist ein Gut, aber nicht jede ist zu wählen; wie auch jeder Schmerz ein Übel ist, aber nicht jeder muss natürlicherweise immer zu fliehen sein. Durch wechselseitiges Abmessen und durch die Beachtung des Zuträglichen und Abträglichen vermag man dies alles zu beurteilen.

So banal diese Sätze klingen, so schwer ist dieses „wechselseitige Abmessen“ und die konsequente Umsetzung des Ergebnisses dieser Abmessung, d. h. in jedem Moment auch so zu leben, wie wir es für richtig halten. Je besser wir beides beherrschen, umso glücklicher leben wir und umso mehr vermeiden wir unnötiges, selbstgemachtes Leid.

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28.03.2024:
Messkunst

Du bist die Waage, lenke das Steuer.

Aus dem alten Ägypten (19./18. Jh. v. Chr.) ist uns folgende Stelle überliefert, die bildhaft die richtige Lebensführung umschreibt:

Sei achtsam, dass du nicht beim Steuern auf Grund gerätst. Das rechte Auswägen für ein Land ist Gerechtigkeit üben. Sprich keine Lügen … du bist die Waage. … Achtung, du stehst auf einer Ebene mit der Waage; wenn sie schwankt, wirst auch du schwanken; lass das Steuer sich nicht verschieben, sondern lenke du das Steuer.

Eine frühe Aufforderung zu einem besonnenen, ausgewogenen und selbstverantworteten Leben. Sprachliche Holprigkeiten dürften der Schwierigkeit der Übersetzung geschuldet sein. Hier wird deutlich, dass die Frage des richtigen Maßes eng verwandt ist mit der Kategorie der Gerechtigkeit: sich selbst, seinem Geist und Körper, dem Leben, seinen familiären und sozialen Beziehungen und Aufgaben gerecht werden, d. h. sich stets angemessen zu verhalten. Darauf achten, dass das „Steuer sich nicht verschiebt“ bedeutet, gradlinig zu leben und in allem das rechte Maß zu wahren.

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27.03.2024:
Messkunst

Der Weise unterscheidet zwischen dem bloß Angenehmen und dem Besseren.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus den altindischen Upanishaden:

Ein anderes ist das Bessere, und ein anderes
Das Liebere (Angenehmere), die, verschiedenen Ziels, euch fesseln; -
Wer sich das Bessere wählt, dem ist’s zum Heile,
Des Zwecks geht, wer das Liebere wählt, verlustig. 

Das Bessere und das Liebere naht dem Menschen;
Umwandelnd beide, scheidet sie der Weise;
Das Bessere zieht der Weise vor dem Liebern,
Erwerbend, wahrend, wählt der Tor das Lieb’re.

Das „Bessere“ ist das, was uns auf Dauer guttut („zum Heile“ für uns ist). Das „Angenehme“ ist das, was sich im Moment gut anfühlt, aber in der Folge Leiden nach sich zieht, also den „Zweck“ verfehlt, uns auf Dauer gesund und glücklich zu machen. „Umwandelnd beide ...“ ist das Abwägen, die Messkunst: ein Verstehen und Eindringen in die Sache, um zu erkennen, ob und inwieweit sie uns nährt und weiterbringt oder eher an uns zehrt und zum Nachteil ausschlägt. Letztlich geht es bei allem, was wir tun und entscheiden, immer um diese Frage, wobei es kein Wohlbefinden gibt, ohne dass wir anderen Gutes tun.

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26.03.2024:
Messkunst

Der Mensch muss zu wägen wissen.

So der antike chinesische Philosoph Xunzi. Das Zitat lautet vollständig:

Darum muss der Mensch bei allem, was er tut, immer und überall zu wägen wissen, als trüge er eine Waage bei sich. Ist die Waage ungenau, so mag die Seite, wo Schweres hängt, emporschnellen, so dass man meinen könnte, es sei leicht, indes die Seite, wo Leichtes hängt, hinabsinkt, so dass man es für gewichtig hält. So täuscht sich der Mensch im Hinblick auf das Gewicht der Dinge (Wert der Dinge). Ist aber die Waage des wägenden Verstandes ungenau, so mag sich sehr wohl hinter dem wünschenswert Erscheinenden Unheil verbergen und doch für ein Glück gehalten werden; und ebenso mag sich hinter verabscheuungswürdig Erscheinendem Glück verbergen, indes man Unheil darin wittert. So täuscht sich der Mensch im Hinblick auf Glück und Unheil.

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25.03.2024:
Messkunst

Auf der Messkunst als der richtigen Wahl zwischen Lust und Unlust beruht das Heil unseres Lebens.

Das war die Meinung Platons:

Gut denn, ihr Leute; da wir nun aber erkannten, dass auf der richtigen Wahl zwischen Lust und Unlust das Heil unseres Lebens beruht, und zwar in Bezug auf das Mehr oder Weniger, … erscheint da nicht zuvörderst auch diese (Wahl) als eine Messkunst, da sie ja ein Erwägen des Übertreffens oder Zurückbleibens oder endlich des Gleichschwebens von beiden gegeneinander ist? ... Wenn aber als eine Messkunst, dann doch auch wohl als eine Kunst und Wissenschaft?

Der Mensch dürfe sich nicht davon irreleiten lassen, wenn eine Sache auf den ersten Blick groß oder klein, lustvoll oder leidvoll erscheine. Er müsse vielmehr genau hinsehen und prüfen, bevor er sich entscheide, ob er die Sache anstreben oder lieber ausschlagen solle. Was lustvoll erscheine, könne sich am Ende als leidvoll herausstellen und umgekehrt. Auch auf seine Intuition kann er dabei zurückgreifen, denn die Messkunst ist nicht bloß eine „Wissenschaft“, die durch vernünftige Überlegung das Richtige und Wertvolle zu erkennen sucht, sondern auch eine „Kunst“, nämlich Lebenskunst. In der antiken Weisheitslehre in West und Ost war die „Messkunst“, die Frage nach den Werten, dem richtigen Maß, dem wann, wieviel, wem und wie von allergrößter Bedeutung für die richtige Lebensführung. Sie ist es bis heute geblieben.

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24.03.2024:
Kaibara Ekiken

Bewahre deine innere Natur und liebe die Menschen.

Das Zitat von Kaibara Ekiken lautet vollständig:

„Wir dienen am besten dem Himmel, indem wir unsere innere Natur bewahren, die der Himmel in uns gepflanzt hat, und die Menschen lieben. Jemand, der seinen selbstbezogenen Begierden folgt, verleugnet seine Natur und handelt dem Willen des Himmels zuwider.“

Wie im altchinesischen Denken, auf das sich die Philosophie Kaibara Ekikens stets bezieht, steht „Himmel“ hier für Natur, kosmische Gesetze, natürliche und innere Bestimmung, der Rechte Weg, das Dao der Welt und des Menschen. Im Orient wie Okzident waren die Denker des Altertums der Meinung, dass Selbstkultivierung und Mitmenschlichkeit im Kern dasselbe sind. In keiner Philosophie kommt dies klarer zum Ausdruck als in der des Konfuzius, der auf das Denken Ekiken starken Einfluss hatte. Den roten Faden seiner Lehren brachte Konfuzius einmal auf die kurze Formel: „Treue gegen sich selbst und Güte gegen andere.“

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23.03.2024:
Kaibara Ekiken

Ruhig zu sitzen in Einsamkeit ist auch eine Freude; diese stille Freude überragt bei weitem die Freude opulenter Feste.

Einsamkeit” hat in diesem Zitat nichts Negatives, sondern meint Alleinsein, Für-sich-Sein, Sammlung in innerer Geborgenheit. Wer in sich Ruhe, Friede und Harmonie gefunden hat, der kann in solcher Einsamkeit” seine größten Freuden erleben. Es ist die Nähe zu sich selbst und ein hoher Grad von innerer und äußerer Stimmigkeit des Denkens, Wollens, Fühlens und Handelns, die solche freudvollen, bisweilen euphorischen Momente und Stimmungen hervorrufen. Alleinsein (Einsamkeit”) meint hier keinen Dauerzustand weltabgewandter Isoliertheit, sondern den periodischen Rückzug des sozial eingebundenen Menschen, der sich in meditativer Konzentration auf sich selbst und sein Wesen sammelt, um mit neuer Kraft und Selbstvertrauen in der Gemeinschaft zu wirken und sich ihrer zu erfreuen.

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22.03.2024:
Kaibara Ekiken

Wenn wir fremde Länder bereisen und ungewöhnliche Berge und Flüsse sehen, dann erleben wir eine unendliche Freude.

Kaibara Ekiken liebte das Reisen und Wandern und spürte sehr fein, wie beides unsere Lebensweisheit bereichert. Vollständig lautet das Zitat:

„Wenn wir fremde Länder bereisen und ungewöhnliche Berge und Flüsse sehen, wenn wir von den Einheimischen viele wertvolle Gebräuche lernen, auf Berge steigen und durch die Felder wandern, lokale Spezialitäten kosten und vor der Weite des Meeres erstaunen, dann erleben wir eine unendliche Freude, und was wir während solcher herrlichen Exkursionen gesehen und gehört haben, wird nicht von uns gehen, sondern bleibt stets bei uns. Die Erinnerung daran wird nicht vergehen und bringt uns noch im hohen Alter Freude.“

Reisen und Wandern ist ein Mittel der Selbstfindung und Selbstvergewisserung. Es dürfte kein Zufall sein, dass Homers Epos über Odysseus, in dessen Gestalt er und die Griechen das Ideal eines Weisen gesehen haben, mit Anspielungen auf dessen lange Reisen und vielfältigen Erlebnisse in der Fremde beginnt:

„Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel' unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.“

Seine Seele zu retten” meint: seine Seele zu erringen, d.h. überhaupt erst zu sich selbst zu kommen und zu werden, der man ist.

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21.03.2024:
Kaibara Ekiken

Wer die Schönheiten von Himmel und Erde genießen kann, der beneidet nicht den Luxus der Reichen, denn er ist reicher als sie.

Weisheit ist auch die Kunst, Freude in sich selbst und in dem zu finden, was die Welt und die Natur in ihrer unendlichen Fülle von sich aus zu bieten hat, ohne dass dies mehr kostet als ein achtsames Gewahrwerden. Wenn Kaibara Ekiken, von dem das Zitat stammt, kurz darauf hinzufügt: „Die Freuden des Weisen sind rein und Nahrung für seine Seele“, dann will er zum einen damit sagen, dass sie keine negativen Nebenwirkungen haben, nicht teuer erkauft oder mit Leiden oder Entbehrungen bezahlt werden müssen. Zum anderen stärken sie die seelischen Kräfte und lassen die Persönlichkeit wachsen und reifen. Solche Freuden finden wir nicht in materiellen Gütern, weshalb es für Ekiken keinen Grund gibt, den „Luxus der Reichen“ zu beneiden.

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20.03.2024:
Kaibara Ekiken

Morgens soll man sich in einem ruhigen Zimmer niedersetzen und in den Schriften der Weisen lesen.

Vollständig lautet dieser Rat von Kaibara Ekiken:

„Morgens soll man sich in einem ruhigen Zimmer niedersetzen, Räucherstäbchen abbrennen und in den Schriften der Weisen deklamierend lesen, um so sein Gemüt zu erbauen und weltliche Gedanken abzulegen. Wenn die Wege trocken sind und es windstill ist, wandle man im Garten, spaziere gemütlich, erfreue sich an den Pflanzen und bewundere die jahreszeitliche Natur. Auch wenn man dann ins Haus zurückkehrt, übe man die Freude der Müßiggänger.

Für Ekiken war die beschriebene morgendliche Meditation eine Sammlung des Geistes, Erweiterung des Wissens, Bildung der Persönlichkeit und ein Einstimmen auf die kleinen oder großen Freuden, die das Leben - neben allen Beschwerlichkeiten - täglich für uns bereithält. Nur ein gesammelter, achtsamer Geist wird sie nicht übersehen. Im Anschluss an diese Meditation setzte er in seinem Garten praktisch um, worüber er meditierte und erfreute sich an der Natur. Die Zeit für derartige wohltuende Gewohnheiten haben wir alle, wenn wir sie uns nehmen. Zeit haben ist eine Funktion des Entschlusses: Man nimmt sie sich für das eine und entscheidet sich gegen das andere. Die lateinischen Worte „meditare/meditari“, von denen sich das Wort Meditation herleitet, bedeuten nachdenken, nachsinnen, beachten, studieren, üben.

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19.03.2024:
Kaibara Ekiken

Um über die inneren Feinde zu siegen, muss man stark im Herzen sein und am Wort „Geduld“ festhalten. „Geduld“ bedeutet „Beharrlichkeit“.

Weiter heißt es bei Kaibara Ekiken:

„Man muss stark im Herzen sein und darf seiner Begierde nach Essen und Trinken sowie seinen sexuellen Begierden nicht freien Lauf lassen; ist das Herz aber schwach, kann man die inneren Feinde nur schwer besiegen. ... Wenn Mu Tu (803-853, berühmter Dichter der T'ang-Zeit) in einem seiner Gedichte schreibt, dass ‚auf lange Geduld die Freude folgt’, dann meint er damit, dass dem Beherrschen der Begierden schließlich Freude folgt.

Ekiken zeigt den inneren Zusammenhang von Duldsamkeit, Beharrlichkeit und Selbstbeherrschung auf, allesamt wichtige Merkmale einer weisen Lebensführung. Wer sie besitzt, braucht nach Ekiken kein Leben in asketischer Enthaltsamkeit zu führen. Im Gegenteil: Sein Leben wird voller Freude sein. Im richtigen Maß liegt der größte und nachhaltigste Genuss des Lebens. Ein solcher Genuss kennt weder Reue noch Leiden.

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18.03.2024:
Kaibara Ekiken

Wir sind in ein friedliches Zeitalter geboren und wachsen auf, ohne die Schrecken des Krieges zu sehen.

Der Ausspruch stammt von dem vielleicht bedeutendsten japanischen Weisen, dem Philosophen und Naturforscher Kaibara Ekiken (17 Jh.). In seiner Lehre von der „Pflege des Lebens“ knüpft er nahtlos an die großen Traditionen der antiken fernöstlichen Weisheitslehren an. In dem Zitat heißt es weiter:

„ ... Aber die Menschen erkennen nicht dieses Glück. Lass uns deshalb an frühere Zeiten denken, als das Land in Chaos zerfiel, und uns erfreuen an der Gegenwart.“

Viele Menschen haben die Neigung, auf das zu schauen, was sie nicht haben, was nicht gut läuft, was beklagenswert ist oder was an Schrecklichem in anderen Teilen der Welt geschieht. Andererseits übersehen sie oder schätzen gering, was sie haben, was gut ist an ihren konkreten Lebensumständen, in denen sie leben, was sie vor anderen privilegiert, in welchem Wohlstand und in welcher Sicherheit und Freiheit sie leben. Vielleicht liegt die letztgenannte Eigenschaft an dem, was die alten Griechen Pleonexie genannt haben: das ständige Mehr-haben-Wollen, das immer auf das schaut, was zum Glück angeblich noch fehlt. Die Griechen sahen darin eine weit verbreitete Krankheit der Seele. Kaibara war völlig frei davon. Sein Charakter zeichnete sich durch Milde, Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit aus. Er lebte ein glückliches Leben. Was ihm dabei half, war die Achtsamkeit für die kleinen Freuden des Lebens, die ihm das Schicksal jeden Tag schenkte. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben wächst, je mehr wir uns in der Fähigkeit üben, uns an den Geschenken des alltäglichen Lebens dankbar zu erfreuen.

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17.03.2024:
Lebenskunst

Vor allem, mein Lucilius, empfehle ich dir: lerne dich freuen.

Das Zitat stammt aus den Briefen des Seneca an Lucilius, eine der ergiebigsten Quellen griechisch-römischer Lebensweisheit. Der weitere Text betont, dass es mit dieser Freude, zu der die Lebenskunst hinführen soll, nicht leicht ist:

Glaube mir: es ist eine ernste Sache um die Freude. Oder meinst du, es werde irgendjemand mit unbefangener Miene, oder wie jene Lebemänner sich ausdrücken, heitern Auges den Tod verachten, der Armut die Tür öffnen, der Genusssucht Zügel anlegen und auf Ausharren im Schmerze sich gefasst machen?

Weil dies in der Tat nicht einfach ist, brachte es Seneca auf weit über 100 Briefe an Lucilius, von denen sich 124 erhalten haben. Sie füllen gut 700 Seiten eines Buches und haben keinen anderen Gegenstand, als zu lehren, was wir tun können, um uns am Leben zu erfreuen und seelisches Leid so weit wie möglich zu vermeiden. Seneca betont die Überwindung der Angst vor dem Tod, die Bereitschaft, sich auch mit bescheidenen Mitteln zu begnügen, seine Begierden zu zügeln und bereit zu sein, das Leiden, das jedes Leben notwendig mit sich bringt, tapfer und erhobenen Hauptes zu tragen, ohne sich dadurch dauerhaft herunterziehen zu lassen.

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16.03.2024:
Lebenskunst

Das Leben an sich ist nicht schwer. Unsere Wünsche sind es, die es schwer machen.

Das ist der Sinn folgender Stelle über eine Lehre des griechischen Philosophen Diogenes von Sinope, der gelegentlich in einem alten Weinfass übernachtete:

Auch schärfte er mit lauter Stimme den Menschen die Lehre ein, dass ihnen das Leben von den Göttern an sich nicht schwer gemacht sei, aber über dem Suchen nach Leckerbissen, Wohlgerüchen und was dem ähnlich, sei das in Vergessenheit geraten.

Lebenskunst wäre danach, von dem Leben dankbar zu empfangen, was es von sich aus anbietet, seine Wünsche klein zu halten und selbstgenügsam zu leben. Das ist keine Frage der äußeren Verhältnisse, von Beruf, Besitz, gesellschaftlicher Stellung und Ansehen. Ob wir viel oder wenig haben, es kommt auf die inneren Haltungen an. Ob wir das Leben meistern, hängt davon ab, wie wir denken, von welchen Werten wir uns leiten lassen, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen, was wir tun und was wir anstreben. Dieser fundamentale Gedanke weiser Lebensführung war in allen drei großen antiken Kulturen, Griechenland, China und Indien, weit verbreitet unter denen, die tiefer über das Leben nachgedacht haben.

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15.03.2024:
Lebenskunst

Doch wer an seinem Selbst sich freut, der Mensch erreicht das höchste Glück.

Das ist die erste und letzte Zeile folgender Verse aus der indischen Bhagavadgita. Hier wird die Identität von Weisheit und Lebenskunst deutlich. Die Verse behandeln das Verhältnis zwischen unserem äußeren Leben in der Welt und unserem Seelenleben:

Doch wer an seinem Selbst sich freut,
An seinem eignen Selbst vergnügt,
Für den bleibt hier nichts mehr zu tun,
Weil ihm sein eignes Selbst genügt.

Nicht kümmert solchen Weisen noch,
Was da getan, was nicht getan;
Vom Einfluss aller andern frei,
Verfolgt er seines Lebens Plan. 

Drum handle ruhig; weise nicht
Die auferlegte Tat zurück;
Wer handelt ohne Leidenschaft,
Der Mensch erreicht das höchste Glück.

Gewissenhaft seine Pflicht zu tun, ohne auf das Ergebnis zu achten, und losgelöst von allem Weltlichen sich ganz dem Göttlichen in dem eigenen Selbst hinzugeben (Atman), das war die altindische Auffassung von Weisheit und einem glücklichen Leben.

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14.03.2024:
Lebenskunst

Wer sich sammelt und die eigene Natur mit der äußeren Natur zusammenwirken lässt, der bewältigt das Leben und schafft Großes.

Das Wort stammt aus einem Gleichnis des chinesischen Philosophen Zhuangzi. Der Übersetzer dieser Stelle meint, sie verdiene der Weltliteratur anzugehören:

Ein Holzschnitzer schnitzte einen Glockenständer. Als der Glockenständer fertig war, da bestaunten ihn alle Leute, die ihn sahen, als ein göttliches Werk. Der Fürst von Lu besah ihn ebenfalls und fragte den Meister: ‘Was habt Ihr für ein Geheimnis?’ Jener erwiderte: ‘Ich bin ein Handwerker und kenne keine Geheimnisse, und doch, auf eines kommt es dabei an. Als ich im Begriffe war, den Glockenständer zu machen, da hütete ich mich, meine Lebenskraft zu verzehren. Ich fastete, um mein Herz zur Ruhe zu bringen. Als ich drei Tage gefastet, da wagte ich nicht mehr, an Lohn und Ehren zu denken; nach fünf Tagen wagte ich nicht mehr, an Lob und Tadel zu denken; nach sieben Tagen, da hatte ich meinen Leib und alle Glieder vergessen. Zu jener Zeit dachte ich auch nicht mehr an den Hof Eurer Hoheit. Dadurch ward ich gesammelt in meiner Kunst, und alle Betörungen der Außenwelt waren verschwunden. Darnach ging ich in den Wald und sah mir die Bäume auf ihren natürlichen Wuchs an. Als mir der rechte Baum vor Augen kam, da stand der Glockenständer fertig vor mir, so dass ich nur noch Hand anzulegen brauchte. Hätte ich den Baum nicht gefunden, so hätte ich's aufgegeben. Weil ich so meine Natur mit der Natur des Materials zusammenwirken ließ, deshalb halten die Leute es für ein göttliches Werk.

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13.03.2024:
Lebenskunst

Die Lebenskunst ist der Kunst des Ringens ähnlicher als der Tanzkunst

Das sagt der Philosophenkaiser und Stoiker Mark Aurel und fährt fort:

insofern nämlich, dass man gegenüber Schicksalsschlägen und Ereignissen, die man nicht vorhersehen kann, kampfbereit und fest dastehen muss.

Hier wird die Lebenskunst als die Fähigkeit verstanden, mit der ungewissen Zukunft und dem Wandel des Schicksals zu leben und dabei sich selbst treu zu bleiben, also authentisch zu leben („fest dastehen”). Es bedeutet ein Einlassen auf die Vergänglichkeit, ein Loslassenkönnen, eine Gelassenheit den äußeren Umständen und Veränderungen gegenüber. Nach Mark Aurel ist diese Kunst nicht einfach. Er vergleicht sie mit der großen Kraftanstrengung, die ein Ringkampf erfordert.  

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12.03.2024:
Lebenskunst

Die höchste Meisterschaft im Wandern besteht darin, nicht mehr zu wissen, wohin man geht.

Das Zitat stammt von dem chinesischen Philosophen Liezi. Dort heißt es weiter:

Die höchste Meisterschaft im Betrachten besteht darin, nicht mehr zu wissen, was man sieht. Die Dinge allesamt zu erreichen im Wandern, die Dinge allesamt zu schauen im Betrachten, das ist die höchste Meisterschaft im Wandern, das ist die höchste Meisterschaft im Betrachten.

Die sog. Daoisten, denen Liezi zuzurechnen ist, hatten als Lebensideal einen Zustand vor Augen, in dem sich der Mensch mit seiner Lebensführung einfügt in den natürlichen Fluss des Lebens, in ihm aufgeht, mit ihm eins wird und stets intuitiv das Richtige und Angemessene tut. Der Mensch soll wie ein Kind werden, sich verlieren und finden im Hier und Jetzt, ohne ständig von Absichten, Plänen und Zielen getrieben zu werden. Dann braucht er nicht mehr zu wissen, wohin er unterwegs ist. Der Weg (Dao) ist sein Ziel. Er braucht auch nicht mehr zu wissen, was er schaut, d. h. intellektuell zu erfassen und einzuordnen. Er genießt das reine Schauen der Welt, ohne besitzen zu wollen. Er genießt das reine Voranschreiten, ohne zu wissen, ob er irgendwo ankommt. Auch das ist Lebenskunst.

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11.03.2024:
Lebenskunst

Wozu also lebst du, wenn dir nichts daran liegt, dein Leben schön zu gestalten?

Das war die Gegenfrage des griechischen Philosophen Diogenes von Sinope auf die Bemerkung eines anderen: „Ich tauge nicht zur Philosophie.” Die Philosophie erscheint hier als diejenige Wissenschaft oder Disziplin, die lehrt, sein Leben „schön” zu gestalten, mithin als Lebenskunst. Zugleich sieht Diogenes in dieser Aufgabe den Sinn des Lebens überhaupt. Aus seinen übrigen Äußerungen wird deutlich, dass er mit „schön” ein Leben meint, das wohlproportioniert und ausgeglichen ist, zugleich vernunft- und naturgemäß, besonnen, maßvoll und weise. Ein halbes Jahrhundert später sagt Epikur ganz in diesem Sinne, es sei nicht möglich wahrhaft „lustvoll” zu leben, ohne dass man zugleich vernunftgemäß, schön und gerecht lebe und umgekehrt: Wer vernunftgemäß, schön und gerecht lebe, der lebe auch „lustvoll“ d. h. er führt ein Leben voller Freude.

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Nutzen Sie die täglichen "Worte der Weisheit", um fünf Minuten Atem und Geist zu beruhigen, still zu werden und sich auf das Wesentliche Ihres Lebens zu konzentrier

10.03.2024:
Kraft

Weisheit, Menschlichkeit, Mut: diese drei sind die immer wirksamen Geisteskräfte auf Erden.

Der Ausspruch steht im „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“. Weiter heißt es:

„ ... Liebe zum Lernen führt hin zur Weisheit, kräftiges Handeln führt hin zur Menschlichkeit, sich schämen können führt hin zum Mut. Wer diese drei Dinge weiß, der weiß, wodurch er seine Person zu bilden hat. Wer weiß, wodurch er seine Person zu bilden hat, der weiß, wodurch er die Menschen ordnen kann. Wer weiß, wodurch er die Menschen ordnen kann, der weiß, wodurch er die Welt, den Staat, das Haus ordnen kann.

Das war das Bildungskonzept des Konfuzius. In seinem Zentrum stand ein Lernen, das die Wirklichkeit verändert („ordnet“). Sie hat anzusetzen bei der (Selbst-)Erziehung des Einzelnen. Dieses Lernen ist die positive „Geisteskraft auf Erden“. „Sich schämen“ meint Demut, das Gegenteil von Überheblichkeit (Hybris), nämlich die Haltung eines Menschen, der um seine Begrenztheit und Unvollkommenheit weiß und bestrebt ist, aus seinen Fehlern zu lernen und sie zu überwinden. Dies erinnert an den Ausspruch eines griechischen Philosophen, der auf die Frage, wann er anfing zu philosophieren, antwortete: Als ich anfing, mich zu verurteilen. Selbstkritik ist der Anfang einer Persönlichkeitsentwicklung, die den Menschen innerlich wachsen und reifen lässt.

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09.03.2024:
Kraft

Nicht dass ich des Meisters Lehre nicht liebte, aber meine Kraft reicht nicht aus dafür.

Ein Schüler des Konfuzius schien an der Aufgabe, weiser zu werden, zu verzweifeln und äußerte die oben wiedergegebenen Worte. Der Meister antwortete darauf:

Wem seine Kraft nicht ausreicht, der bleibt auf halbem Wege liegen, aber du beschränkst dich ja von vornherein selber.“

Weiser werden können wir alle. Jeder noch so kleine Schritt ist schon ein Fortschritt. Da ist es schade, wenn jemand angesichts der Weite des Weges den Mut verliert und stehenbleibt anstatt voranzuschreiten. Im Übrigen verkennt eine solche Haltung, dass der Weg das Ziel ist. Der Endpunkt vollkommener Weisheit gleicht dem geomagnetischen Pol, dessen Bedeutung sich darin erschöpft, dem Wanderer mit Hilfe der Kompassnadel die Richtung zu weisen. Es geht nicht um ein Ankommen. Zum Wesen des Menschen gehört seine Unvollkommenheit. Das griechische „Erkenne Dich selbst!“, das in der Vorhalle des Apollontempels in Delphi eingraviert war, wollte gerade an diese Tatsache erinnern, an die Unvollkommenheit, Fehlerhaftigkeit, Schwäche und Sterblichkeit des Menschen, damit er nicht der Hybris verfällt, sondern in Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit das Leben genießt.

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08.03.2024:
Kraft

Diese Geisteskraft entfaltet sich als Liebe, Weisheit und Mut.

Das Zitat stammt aus der Einleitung zu der Übersetzung des „Buches der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji), aus dem die meisten Zitate dieser Woche stammten. Die Einleitung hat der Übersetzer geschrieben, der Sinologe Richard Wilhelm (1873-1930), dem wir die schon klassisch gewordenen Übersetzungen und Kommentare zu vielen wichtigen Texten der altchinesischen Philosophie verdanken. Seine nachfolgende Erläuterung kann zur weiteren Klärung der Bedeutung der „Geisteskraft“ im altchinesischen Denken und ihre Bedeutung für unsere Lebenspraxis beitragen:

Die Hauptsache aber bleibt, dass jeder den Weg zum Guten (Weisheit) beschreiten kann, wenn er will. Und die Mittel zum Erfolg sind höchst einfach: ein klares, umfassendes Wissen um das, was recht ist (denn nicht ein dumpfer Drang, sondern eine klare Überzeugung ist es, die wirkliche Macht verleiht), und außerdem eine konsequente Übung des Gelernten. Dies sind die jedem zugänglichen Grundlagen der Selbsterziehung, durch die die magische Geisteskraft gewonnen wird, auf andere erziehend zu wirken (persönliche Aura, Charisma, Ausstrahlung). Denn diese Wirkung ist nicht etwas Äußerliches, sondern muss aus der Wesenstiefe des Überpersönlichen (Ming), das in jedem Menschen persönlich verkörpert ist (Sing), hervorkommen, um organisches Geschehen auf Erden zu bewirken. Diese Geisteskraft entfaltet sich als Liebe, Weisheit und Mut. Sie beruht auf der Basis der innerlichsten Gewissenhaftigkeit (…) und dem Mitgefühl mit dem Nächsten (…). Indem es dem großen Edlen (Weisen) gelingt, sein Wesen mit seinen Trieben und Begierden nicht zu zerbrechen, sondern harmonisch zu formen (…), kommt er in den Besitz der weltumgestaltenden Macht; denn diese Macht des Himmels und der Erde (Natur) ist etwas, dessen Kern den Menschen im Herzen ist, weshalb der große Mensch (chin. Ausdruck für einen Weisen) mit Himmel (geistiger Natur) und Erde (materieller Natur) die große Dreieinigkeit bildet.

Hier ist die Rede von einer gereiften Persönlichkeit, die in sich ruht, sich zu klaren Haltungen, innerer Stärke und Einheit erzogen hat und durch ihre Liebe, Weisheit und das konsequente Einstehen für die eigenen Überzeugungen kraftvoll auf ihre Mitmenschen wirkt. Nach chinesischer Auffassung wurzelt die Überzeugungskraft einer solchen Persönlichkeit in der Natur als Ganzem, als deren Teil sie sich begreift.

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07.03.2024:
Kraft

Wenn man die Geisteskraft erkennt, erkennt man die Ordnung des Staates.

Die Stelle stammt aus dem „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji) und lautet im Zusammenhang:

Ich habe vernommen, die Gewissenhaftigkeit hat neun Stufen der Erkenntnis. Wenn man die Gewissenhaftigkeit erkennt, erkennt man die Mitte. Wenn man die Mitte erkennt, erkennt man die Übertragung von sich auf andere (Mitgefühl). Wenn man die Übertragung erkennt, erkennt man das Äußere. Wenn man das Äußere erkennt, erkennt man die Geisteskraft. Wenn man die Geisteskraft erkennt, erkennt man die Ordnung des Staates ...

Eine schwierige, aber gehaltvolle Stelle. Entsprechend anderer Passagen in diesem chinesischen Weisheitsbuch könnte das Zitat besagen wollen, wie man über die Selbsterkenntnis zu einem geordneten und friedlichen Zusammenleben gelangt: „Gewissenhaftigkeit“ bedeutet dann Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Dann erkennt man sich selbst und seine „Mitte“. Von der Selbsterkenntnis gelangt man durch Übertragung zum Verständnis seiner Mitmenschen („Mitgefühl“). Wer die Mitmenschen versteht, versteht das Weltgeschehen („Äußere“). Darüber gelangt man zur Erkenntnis der in der Welt herrschenden Kräfte („Geisteskräfte“). Wer diese erkannt hat, der versteht die in der Welt und in einer Gemeinschaft sich vollziehenden typischen Geschehensabläufe und Gesetzmäßigkeiten und kann, das ist das Ziel dieser Überlegung, auf sie gestaltend einwirken, so dass Gemeinschaft gelingt. Wer sich diese Zusammenhänge an einem anderen Beispiel klar machen möchte, der wird sie in einer gelingenden Partnerschaft wiederfinden. Kurz zusammengefasst: Wer sich selbst gut kennt, der dürfte auch seinen Partner verstehen und kann angemessen auf ihn eingehen, so dass dieser sich gesehen, geliebt, verstanden und geborgen fühlt. Dieser wird darauf antworten, indem er Gleiches zurückgibt.

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06.03.2024:
Kraft

Will der Mensch lange und gut leben, muss er seine Kräfte sammeln und in Harmonie bringen.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus dem chinesischen „Buch vom Großen Frieden“ (um 200 n. Chr.). Die Rede ist von den „Regeln für ein langes und gesundes Leben“. Im Zusammenhang lautet die Stelle:

Die Drei Kräfte sollten sich zu einer vereinigen, die Geisteskraft aber die Grundlage bleiben. Die Drei Kräfte sind: die Samenkraft, die Geisteskraft und der Krafthauch (Atem?). Alle drei haben gleichen Rang. Sie leiten sich ab vom Krafthauch des Himmels, der Erde und des Menschen. Die Geisteskraft wird vom Himmel, die Samenkraft von der Erde, der Krafthauch aus dem harmonischen Zusammenstrom der beiden im Wesen des Menschen empfangen. Alle drei sollten sich miteinander verbinden. … Stehen die Drei Kräfte einander bei, so herrscht Ordnung im Menschen. Darum muss der Mensch, wenn er lange leben möchte, sorgsam mit seinem Krafthauch, achtsam mit seiner Geisteskraft und angemessen mit seiner Samenkraft umgehen.

Der „Krafthauch des Himmels“ kann stark vereinfacht als das Geistige, Vernünftige verstanden werden und entspricht dem Yang, die „Samenkraft der Erde“ steht für das Körperliche, Materielle, das dem Yin entspricht. Nach der altchinesischen Philosophie sind Yin und Yang zwei polare kosmische Kräfte, deren gegensätzliche und sich ergänzende Tendenz alles in Bewegung hält. Beide vereinigen und konkretisieren sich im Menschen. Der Mensch hat die Aufgabe, seine geistig-intellektuellen Fähigkeiten mit seinen seelisch-körperlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Wir sind Kopf und Bauch, Gefühl und Verstand. Nur wenn beides Hand in Hand geht und keines das andere unterdrückt, leben wir ausgewogen.

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05.03.2024:
Kraft

Nur wer weiß, wie man vom Nahen zum Fernen kommen kann, der mag eindringen in die Tiefen der Lebenskraft.

Das Zitat stammt aus dem „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“. Die Rede ist von dem Weg der Weisheit:

Des Weisen Weg ist schmucklos, aber man wird seiner nie müde; er ist einfach, aber geordnet; er ist milde, aber hat Folge (Wirkung). Nur wer weiß, wie man vom Nahen zum Fernen kommen kann, wer weiß, woher der Einfluss kommt, wer weiß, was das offenbare Geheimnis ist, der mag mit ihm zusammen eindringen in die Tiefen der Lebenskraft.

Weisheit ist eine tiefe, verborgene Kraftquelle. Der Weg dahin ist an sich einfach und liegt auf der Hand („offenbar“). Gleichwohl ist er nicht in den Erscheinungen selbst zu finden, sondern verbirgt sich hinter oder in ihnen („Geheimnis“). Der Weise kennt das Geheimnis, weiß, wie er seine letzten Ziele erreicht (das „Ferne“) und kennt die Kräfte, die ihn hindern und die ihn fördern (der „Einfluss“). Auch wenn der Weg weder Ehre noch äußeren Reichtum bringt („schmucklos“), begeht man ihn mit Freude. Wer ihn einschlägt, aktiviert seine größte Kraftquelle zur Gestaltung und Veränderung seines Lebens und der äußeren Welt: die Stimmigkeit in sich selbst sowie die Erkenntnis und Verwirklichung seines Wesens und seiner Natur. Wer auf diese Weise dem „rechten Weg“ (Dao, Tao) folgt, ist verständnisvoll, milde und von großer Selbstwirksamkeit.

04.03.2024:
Kraft

So findet große Geisteskraft stets ihre Stellung, stets ihren Lohn, stets ihren Ruhm, stets ihre Dauer.

In dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji), einer klassischen Schrift der antiken chinesischen Philosophie, die wohl von Konfuzius redigiert worden ist, heißt es:

Der Meister sprach: So findet große Geisteskraft stets ihre Stellung, stets ihren Lohn, stets ihren Ruhm, stets ihre Dauer. So verwirklicht der Himmel an seinen Geschöpfen das, was durch ihre Anlage begründet ist.

In der alten chinesischen Philosophie kommt dem Wort „Himmel“ (tian) eine weitreichende und vielschichtige Bedeutung zu. Das Schriftzeichen wird gebildet aus „Einheit“ und „groß“. Im obigen Kontext dürfte an eine universale Kraft zu denken sein, die die Dinge und Lebewesen zur Verwirklichung ihres Wesens treibt, vergleichbar dem Aristotelischen „telos“, der Zweckursache, der natürlichen Bestimmung eines Lebewesens. Diese Kraft, so die chinesische Vorstellung, manifestiert sich in jedem einzelnen Menschen als seine persönliche Anlage, Begabung und Bestimmung. Auf eine weise Lebensführung übertragen heißt das: Wir sollen auf unsere „natürlichen“ individuellen Anlagen und Bedürfnisse achten und sie in unserem täglichen Leben zur Geltung bringen. Wir empfinden Befriedigung und Glück, wenn wir auf diese Weise unser Inneres im Äußeren umsetzen und in der Welt wirken. Zum gelingenden Leben gehört Selbstwirksamkeit, die Entfaltung der eigenen Kräfte und das Hinterlassen von Spuren in der Welt. Folgen wir unserer inneren Bestimmung, so wird es uns gelingen.

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03.03.2024:
Vogelperspektive

Er fliegt über die Erde hin und misst ihre Flächen.

Bei Platon findet sich folgende Beschreibung des Philosophen:

Er hält sich von allen öffentlichen Plätzen möglichst fern, „tatsächlich ist nur sein Körper in der Stadt und zu Haus; sein Geist aber, dem dies alles klein und nichtig ist, verachtet das; der fliegt, wie Pindar sagt, über die Erde hin und vermisst ihre Flächen, und über den Himmel hinaus und treibt Astronomie und forscht überall nach allem Wesen der Dinge in seiner Ganzheit, ohne sich auf die Dinge in der Nähe niederzulassen. … was der Mensch ist, und was seinem Wesen eigentümlich ist, im Tun und Leiden, danach fragt er und das zu erforschen bemüht er sich.

Philosophie ist ganzheitliches Denken und darin unterscheidet sie sich von allen anderen Wissenschaften. Sie blickt auf die Welt und den Menschen aus der Vogelperspektive, um aus der Befangenheit des Besonderen und Momentanen herauszutreten, das Ganze in den Blick zu nehmen und aus der Distanz zu angemessenen Urteilen zu kommen. Solche Urteile bilden die Grundlage einer weisen Lebensführung. Wir sollen ganzheitlich leben und allen unseren verschiedenen Bedürfnissen möglichst ausgewogen nachkommen. Einseitigkeiten und damit einhergehende Vernachlässigungen führen dagegen häufig zu innerer Unstabilität, Unzufriedenheit und Krankheiten. Das Zitat ist Ausdruck der idealistischen Philosophie Platons, in der es in erster Linie um das Streben nach Erkenntnis und Weisheit geht, demgegenüber das alltägliche Leben nur die Bedeutung hat, die Grundbedürfnisse zu befriedigen.

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02.03.2024:
Vogelperspektive

Von einer Anhöhe aus sollst du die Welt betrachten.

Bei dem Philosophenkaiser Mark Aurel lesen wir:

Wie von einer Anhöhe aus betrachte die unzähligen Völker mit ihren unzähligen Religionsgebräuchen … und die Verschiedenheiten zwischen den werdenden, mit uns lebenden und dahinschwindenden Wesen. Betrachte auch die Lebensweise, wie sie vormals herrschend war, wie sie nach dir sein wird und wie sie jetzt unter unkultivierten Völkerschaften herrscht.“

Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ist Lebens-Anschauung aus möglichst großer innerer Distanz, d.h. unvoreingenommen und vorurteilsfrei. So kommen wir zu einer klaren oder doch zu der bestmöglichen Erkenntnis der menschlichen Dinge und unserer selbst, die uns befähigt, mit uns und dem Leben auf eine angemessene und erfüllende Art umzugehen. Das ist Lebenskunst.

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01.03.2024:
Vogelperspektive

Der Geist aber, ruhend in Frieden und Gnade, schwebt sanft über dem Sein.

Der Platoniker Numenios von Apameia beschreibt das Leben eines Philosophen, der sich ganz dem Denken und der Betrachtung hingibt und darin sein Glück und seine Erfüllung findet:

„ … Sondern wie wenn jemand auf einer Warte sitzt und scharf ausspäht nach einem Schiff auf der See, einem jener kleinen Küstenfahrer, einem einzigen, der allein und verlassen zwischen den Wellenbergen sich versteckt, und nun auf einmal das Schiff erblickt: so muss man sich da weit von der Sinnenwelt zurückziehen und für sich allein nur mit dem Guten (Weisheit) verkehren, wo weder ein Mensch noch sonst ein lebendes Wesen und kein Körper mehr, weder groß noch klein, sondern nur unsagbare und unaussprechliche absolute göttliche Einsamkeit ist. Da ist die Heimat und die herrliche Wohnung des Guten; er selbst aber, der Geist, ruhend in Frieden und Gnade, schwebt sanft über dem Sein. Wenn man sich aber einbildet, das Gute fliege einem zu, auch wenn man bei der Sinnlichkeit beharrt, und wähnt, das Gute in der Üppigkeit zu finden, so verfehlt man es ganz. Denn in der Tat bedarf es dazu keiner leichten, sondern einer göttlichen Kunst.

Es ist leicht, diesen platonischen Idealismus als körperfeindlich zu verwerfen. Schwerer ist es da schon, die darin liegende praktische Lebenswahrheit zu verstehen und in seinem Leben zu verwirklichen. Denn Numenios hat Recht: Schwer ist es, ein glückliches Leben zu führen, wie der letzte Satz im Hinblick auf jemanden andeutet, der geistige mit sinnlicher Lebendigkeit zu verbinden sucht. Wie schwer das ist, zeigt das Beispiel Goethes, der trotz seiner großen Weisheit immer wieder Phasen durchlebte, in denen er an inneren und äußeren Widersprüchen zu verzweifeln drohte. Denn bei all seiner Geistigkeit verschloss er sich keineswegs dem Sinnlichen, im Gegenteil: Als Dichter stürmte und drängte er, wo immer er eine wahre Leidenschaft in sich spürte. – Wenn wir von aller idealistischen Zuspitzung absehen, enthält der Text des Numenios die einfache Mahnung, dass wir uns nicht zu sehr an Äußerlichkeiten und sinnliche Genüssen hängen und dafür mehr auf die inneren, mentalen oder spirituellen Werten achten sollten.

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29.02.2024:
Vogelperspektive

Die ganze Erde ist ja nur ein Punkt.

Der Philosophenkaiser Mark Aurel schreibt in seinen „Ermahnungen an sich selbst“ (auch: „Selbstbetrachtungen“):

Die ganze Erde ist ja nur ein Punkt, und ein wie kleiner Fleck von ihr ist diese Wohnstätte der Menschen! ... blick auf die Dinge ... wie ein sterbliches Wesen. Unter den Sätzen aber, die dir unmittelbar zur Hand sein müssen, auf die du dich zurückziehen kannst, sollen die folgenden zwei sein: Erstens, dass die Dinge nicht die Seele berühren, sondern außerhalb dieser regungslos dastehen, dass vielmehr die Beunruhigungen ausschließlich aus der Meinung in uns kommen. Und zweitens, dass all das, was du hier siehst, beinah schon in Umwandlung begriffen ist und bald gar nicht mehr sein wird. Denk auch stets daran, wie vieler (Dinge und Menschen) Umwandlungen du selbst schon erlebt hast. Der Kosmos ist Veränderung, das menschliche Leben Meinung.“

Mark Aurel verbindet hier den Gedanken der inneren Distanz zu den Dingen mit dem der Vergänglichkeit von allem. Ein weiterer zentraler Gedanke der stoischen Lebenskunst findet sich auch hier: Nicht die Dinge, Verhältnisse oder Ereignisse in der Welt beunruhigen die Menschen, sondern wie er darüber denkt. Eine inhaltsreiche Stelle, über die es sich lohnt, öfter und länger nachzudenken. Dann wird sie eines Tages „unmittelbar zur Hand“ sein, wie Mark Aurel es fordert.

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28.02.2024:
Vogelperspektive

Er befreite sich von seinen Fesseln und schwebte frei über der Erde.

So charakterisierte der spätantike Philosoph Maximus Tyrius den griechischen Philosophen Diogenes von Sinope:

„Er befreite sich von seinen Fesseln und bewegte sich frei über die Erde hin, wie ein mit Vernunft begabter Vogel, ohne Furcht vor Herrschern, ohne von Gesetzen gezwungen zu werden … Nein, er lachte über all diese Leute, all diese Beschäftigungen, so wie wir über kleine Kinder lachen, wenn wir sehen, wie sie ganz ernsthaft mit Würfeln spielen, schlagen, geschlagen werden, gewinnen und verlieren.“

Die hier beschriebene innere Distanz zu allem, was um uns herum geschieht, wurde in den antiken Weisheitslehren als ein wesentlicher Charakterzug einer zur Weisheit gereiften Persönlichkeit angesehen. Diese Haltung sollte nicht verwechselt werden mit Apathie und emotionale Teilnahmslosigkeit. Sie hat vielmehr mit der Erkenntnis zu tun, dass unser Glück vor allem in einem ausgeglichenen, harmonischen Zustand unseres geistig-seelischen Innenlebens zu finden ist und nicht Äußerlichkeiten. Deshalb sollte man zu ihnen in Distanz gehen und sich nicht an sie hängen.

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27.02.2024:
Vogelperspektive

Alles Unglück wird sich mildern, wenn du dich darüber zu erheben weißt.

Der Ausspruch stammt von Seneca und lautet im Zusammenhang:

Kurz alles, was den anderen als Unglück erscheint, wird sich mildern und zum Guten umwandeln, wenn du dich darüber zu erheben weißt.

Weil die Denker der Antike in der ungestörten Seelenruhe und inneren Ausgeglichenheit das höchste Glück des Menschen sahen, empfahlen sie, alle Dinge, Verhältnisse und alles Geschehen stets auch aus der Distanz zu betrachten (Vogelperspektive, Erhabenheit). Selbst zu den eigenen Empfindungen sollten wir eine gewisse Reserviertheit bewahren, weil sie uns, wenn wir von ihnen vollkommen eingenommen werden, nicht selten aus dem inneren Gleichgewicht bringen. Auf diese Weise sichern wir am besten unsere innere Ruhe und bleiben in jeder Situation ganz bei uns. Das ist das Geheimnis der Gelassenheit.

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26.02.2024:
Vogelperspektive

Wer ist der Weiseste? – Der über allem steht.

Das war die Auffassung des Diogenes von Sinope, der Philosoph, der dadurch Berühmtheit erlangte, dass er zeitweilig in einer Tonne hauste. Der oben wiedergegebene Gedanke findet sich in dem folgenden Zitat des Philosophen:

Wer ist der Edelste? – Derjenige, der den Reichtum, den Ruhm, die Lust, die Wechselfälle des Lebens für bedeutungslos erachtet. Derjenige, der über den Gegenpolen steht – über der Armut, der Ruhmlosigkeit, der Mühe, dem Tod.

Weises Denken bedeutet auch, zu sich selbst immer wieder in Distanz zu gehen und Abstand zu halten von allen äußerlichen Dingen und selbst den eigenen Begierden. Eine zu große Nähe, Verstrickung und Verinnerlichung kann uns daran hindern, unser Leben weise, d.h. vor allem gelassen und heiter zu führen. Die Inder nannten diesen Abstand Losgelöstheit, Nicht-Verhaftetsein. Sie hielten das Leben für eine unwirkliche Illusion, für bloßen Schein („Maya“). Im Ergebnis scheint Diogenes eine ähnliche Haltung einzunehmen.

Man braucht ihm darin nicht zu folgen. Es tut aber gut, wenn wir uns bisweilen aus der Einbindung in die täglichen Verrichtungen gedanklich lösen und wie ein Vogel aufschwingen, um alle Dinge einschließlich unserer persönlichen Verhältnisse aus der Distanz zu betrachten. Unser Wort „erhaben“ hat in einer solchen Haltung seine sprachliche und gedankliche Wurzel. Es leitet sich ab von den Worten „erheben, in die Höhe heben“. Das In-Distanz-Gehen ist ein Wesenszug allen Philosophierens und Voraussetzung eigenverantwortlicher Lebensgestaltung. Nur wenn wir etwas wie von außen betrachten, wird es in seiner Eigenheit klar erkennbar, und wir können lernen, damit angemessen umzugehen.

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25.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Wer im Sommer kein Holz sammelt, dem ist im Winter nicht warm.

Das Zitat stammt aus der ägyptischen Spruchsammlung des Anch-Scheschonki. In Form eines Sprichwortes drückt es eine Einsicht aus, der im antiken Weisheitsdenken in West und Ost eine große Bedeutung zukam: Dass alles seine Zeit hat und dass wir deshalb stets darauf achten sollten, wann der beste Augenblick gekommen ist, etwas zu tun oder zu unterlassen. Der „rechte Augenblick“, kairos, ist eine Ausprägung des „rechten Maßes“, nämlich das rechte Maß in Bezug auf die Zeit: etwas im richtigen Moment zu tun, nicht zu früh und nicht zu spät. Ihn zu treffen ist eine Frage der Lebenserfahrung und -klugheit, mithin der Weisheit. Cicero erwog, das griechische Wort „sophia“ (Weisheit) einmal mit dem lateinischen Wort „providentia“ zu übersetzen und begründete dies damit, dass es sich von dem Verb „providere“ herleite: voraussehen (später bürgerte sich „sapientia“ ein). Weisheit ist die Fähigkeit, die Folgen und weiteren Entwicklungen eines Geschehensablaufs möglichst genau vorherzusehen und danach seine Handlungen und Entscheidungen auszurichten. Weisheit ist Nachhaltigkeitsdenken. Das kommt in einfachster Form in dem einleitenden Zitat zum Ausdruck.

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24.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Wenn du etwas tust, tue es zur rechten Zeit, und dann mit aller Entschlossenheit.

Das ist der Sinn folgender Passage über einen Brief des griechischen Philosophen Epikur:

„ … Er (Epikur) fügt allerdings hinzu, dass man alles nur bei der richtigen Gelegenheit und zur richtigen Zeit unternehmen dürfe. Aber wenn der lange erwartete Augenblick gekommen ist, dann muss man den Sprung tun.

Beides ist Weisheit und eine Kunst: Geduldig auf den richtigen Augenblick zu warten, im richtigen Augenblick aber entschlossen zu handeln.

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23.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Wartest du auf eine Gelegenheit zum Philosophieren, so hast du sie schon verpasst.

Der Ausspruch wird Platon zugeschrieben. Das Zitat stammt aus dem sog. „Gnomologicum Vaticanum“, einer Ende des 19. Jh. im Vatikan aufgefundenen Sammlung antiker Spruchweisheiten. Ob die einzelnen Weisheiten wirklich von den dort angegebenen Autoren stammen, ist zweifelhaft. Die Autorenschaft von überlieferten Weisheiten aber ist zweitrangig, soweit sie nur eine wichtige Einsicht enthalten. Platon hat hier die praktische Philosophie im Auge und bestätigt, worauf sein Lehrer Sokrates immer wieder hingewiesen hat: dass es keine Zeit zu verlieren gibt, sich um eine gute, freudvolle und belastbare Seelenverfassung zu kümmern und dass wir sofort damit anfangen sollten. Das vor allem bedeutete für die Griechen zu philosophieren.

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22.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Siegle deine Worte mit Schweigen, dein Schweigen mit dem rechten Augenblick.

Der Ausspruch wird Solon zugeschrieben, einem der „Sieben Weisen“, herausragende Persönlichkeiten des alten Griechenlands im 7./6. Jh. v. Chr., die durch ihre kurzen Sinnsprüche berühmt wurden. Das zu viele Reden oder das Reden im falschen Augenblick war bei den „Sieben Weisen“ nicht beliebt. Das zeigen schon ihre überlieferten Spruchweisheiten, die das Wesentliche in denkbar knappster Form verdichteten. Häufig sind es nicht mehr als drei Worte. Bekannte Beispiele dafür sind: „Erkenne dich selbst“, „Nichts zu sehr“ oder „Alles ist Übung“.

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21.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Was noch ruhig ist, lässt sich leicht ergreifen.

Und weiter heißt es im Daodejing des Laotse:

„Was noch nicht hervortritt, lässt sich leicht bedenken.
Was noch zart ist, lässt sich leicht zerbrechen.
Was noch klein ist, lässt sich leicht zerstreuen.
Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist.
Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist.

Es entspricht der altchinesischen Vorstellung, dass man am wirksamsten Einfluss auf einen Geschehensablauf nehmen kann, wenn dieser sich in einem frühen Stadium seiner Entwicklung befindet oder diese noch gar nicht begonnen hat. Eine sehr beherzigenswerte Maxime, die wir im Alltag häufig anwenden können. Im „Buch der Wandlungen“ (I Ging, Yijing), dem ältesten überlieferten Weisheitsbuch, das wir kennen, findet sich derselbe Gedanke gleich mehrfach. Noch heute werden die Kinder in den chinesischen Kindergärten angehalten, auf ihren Körper zu achten, um bereits bei den ersten Anzeichen eine kommende Krankheit zu erkennen. Wer früh reagiert, vermeidet Schlimmeres.

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20.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Die Vernunft weiß, wann der richtige Zeitpunkt für etwas gekommen ist.

In der altindischen Bhagavadgita sagt der Gott Krishna zum Helden Arjuna:

'Vernunft', die stets das Rechte wählt,
Die weiß, was gut zu seiner Zeit,
Und Bindung und Erlösung kennt,
Das ist 'Vernunft' voll 'Wesenheit'
.“

Mit „Wesenheit“ ist die oberste der drei „gunas“ gemeint: „sattva“, auch Klarheit, Güte, Harmonie. Nach altindischer Philosophie sind die „gunas“ Urkräfte, aus deren Zusammenspiel alle sichtbaren Dinge entstanden sind. Die beiden anderen „gunas“ sind „tamas“ (Trägheit, Dunkelheit) und „rajas“ (Rastlosigkeit, Energie). Die Bestimmung des rechten Augenblicks ist danach Aufgabe der vernünftigen Überlegung, der Erkenntnis, des Wissens, der Weisheit. Auch für das indische Denken hat Weisheit viel damit zu tun, den richtigen Zeitpunkt für ein Handeln oder Nichthandeln zu erkennen („Die weiß, was gut zu seiner Zeit“).

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19.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Der Weise prüft den Zeitpunkt für Geduld und Ungeduld.

Aus dem alten Ägypten ist uns folgender Ausspruch überliefert:

Geduld und Ungeduld, deren Herr ist das Schicksal, das sie schafft. Der Zeitpunkt für beide wird vom Weisen geprüft.

Das Schicksal können wir nicht bestimmen, wohl aber den richtigen Augenblick, wann wir durch unser Handeln oder Nichthandeln Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen können. Geduld ist eine große Tugend – ebenso wie das entschlossene Handeln, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Die Bestimmung und das Gespür für den rechten Augenblick ist von großer Bedeutung für eine weise Lebensführung. In vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens ist es wichtig zu wissen, wann wir geduldig und wann wir entschlossen sein sollten. Nicht ohne Grund identifizierten die alten Griechen den richtigen Augenblick mit einem Gott, den sie „Kairos“ nannten.

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18.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Weise formt seine inneren Seelenkräfte harmonisch aus.

So kann folgender Ausspruch von Konfuzius umschrieben werden. Die Namen bezeichnen berühmte Persönlichkeiten der chinesischen Antike:

Ein Mensch kann als vollkommen gelten, der weise ist wie Zang Wu-zhong, selbstlos wie Meng Gong-chuo, mutig wie Bian Zhung-zi und tüchtig wie Ran Qiu. Dabei müssen alle diese Eigenschaften durch angemessene Formung und Musik (Harmonie) zur Vollendung gebracht sein.“

Für Konfuzius hatte die Musik eine große Bedeutung. Er schrieb ihr die Kraft zu, das Seelenleben eines Menschen zu harmonisieren bzw. diesen Prozess zu fördern, eine Auffassung, die auch Aristoteles vertrat. Als Tugenden, die für Konfuzius von besonderer Bedeutung waren, werden hier genannt die Weisheit, die Güte (Selbstlosigkeit), die Tapferkeit und das Engagement (Wirken).

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17.02.2024:
Philosophische Matinee am morgigen Sonntag, den 18. Februar 2024, 10-12 Uhr: "Sokrates"

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

ich erinnere an unsere erste philosophische Matinee 2024 im Web am morgigen Sonntag, den 18.02.2024, 10-12 Uhr, statt. Es geht um Sokrates und was wir von ihm lernen können.

Die Zugangsdaten lauten:

Beitreten Zoom Meeting
https://us02web.zoom.us/j/82411764214?pwd=ZUFjQy9RRG9SbmRTRUhwdm9aSDByQT09 >
Meeting-ID: 824 1176 4214 <

Kenncode: 298686

Anstelle einer Teilnahmegebühr ist eine Spende willkommen. Da „Maß und Mitte“ ein gemeinnütziger Verein ist, kann die Spende steuerlich abgesetzt werden. Bei Spenden bis 300,- € reicht der Überweisungsbeleg zur steuerrechtlichen Anerkennung. Gleichwohl stellen wir auf Wunsch eine Spendenquittung aus. Das Spendenkonto lautet:

MASS UND MITTE
Münchner Bank eG
IBAN: DE58 7019 0000 0002 5719 35
BIC: GENODEF1M01

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es werden nicht mehr als 25 Teilnehmer zugelassen. Die Texte, die wir besprechen wollen, finden Sie im Anhang.

Ich würde mich freuen, Sie morgen begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße

Ihr

Albert Kitzler

17.02.2024:
Seelenteilenlehre

Wohl ist, o Held, zu zügeln schwer / des Herzens Vielbeweglichkeit …

So beginnen zwei Strophen aus der altindischen Bhagavadgita, dem bedeutendsten Lehrgedicht Indiens. Der Gott Krishna spricht zum Helden Arjuna:

Wohl ist, o Held, zu zügeln schwer
Des ‚Herzens’ Vielbeweglichkeit,
Doch bannet es, o Kunti’s Sohn (Arjuna),
Die Übung und Besonnenheit.

Wer sich nicht selbst im Zaume hält,
Den Yoga nur sehr schwer erringt,
Doch wer den rechten Weg beschritt,
Bis zur Vollendung vorwärtsdringt
.“

Yoga, eine bedeutende Richtung der altindischen Philosophie, wird hier nicht nur als Weg, sondern zugleich als das Ziel vollendeter Beherrschung von Geist, Körper und Seele verstanden. „Des ‚Herzens’ Vielbeweglichkeit“ meint Zerstreuung und Flucht vor sich selbst in weltliche Vergnügungen.

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16.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Weise strebt eine Seelenverfassung an, in der die unterschiedlichen Seelenkräfte im Gleichgewicht sind.

So könnte folgende allegorische Stelle aus dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ umschrieben werden:

Ein guter Wagenlenker ordnet seine Haltung und fasst die Zügel zusammen, bringt die Kraft der Pferde ins Gleichgewicht und den Willen der Pferde in Harmonie, und das Gespann geht nur dahin, wohin er es lenkt. Und wenn er auch einen langen Weg nimmt und eine weite Reise macht, er kommt an, und er kann sie lenken, so schnell er will.

Die hier beschriebene Zielvorstellung antiker Weisheitslehre, eine Harmonie in der Seele zu erlangen, die es erlaubt, dass man das Leben führt, das man führen möchte („er komm an …“), hat sich bis in die heutige Alltagssprache hinein erhalten. Einen Menschen, der mit sich und dem Leben umzugehen weiß, in sich ruht und seine Mitte wahrt, bezeichnen wir als „innerlich ausgeglichen“ (im Zitat: er „bringt die Kraft der Pferde in Gleichgewicht“). Mit der „Haltung“ im ersten Satzteil könnte die Persönlichkeit und ihre inneren Einstellungen gemeint sein, die man kultivieren muss, um ein gelingendes Leben zu führen.
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15.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Mensch soll im Stande sein, das Feindlichste in der Seele einander befreundet zu machen.

Darauf spielt Platon an, als er in einem seiner Dialoge einen Arzt folgende Sätze sagen lässt:

„Denn er (der Heilkundige) muß im Stande sein, das Feindlichste im Körper einander befreundet zu machen und mit Liebe zueinander zu erfüllen. Das Feindlichste aber ist das einander am meisten Entgegengesetzte, das Warme dem Kalten, das Bittere dem Süßen, das Trockene dem Feuchten und was dergleichen mehr ist. Alle dem verstand unser Ahnherr Aklepios (Gott der Heilkunst) … Liebe und Eintracht einzuflößen und damit legte er den Grund zu unserer Kunst. Die Heilkunst also, wie gesagt, wird ganz von diesem Gotte gelenkt und ebenso auch die Gymnastik und der Landbau.“

Und ebenso, können wir hinzufügen, wird der weise Umgang mit dem eigenen Seelenleben von ihm gelenkt. Denn Platon übertrug diese Erkenntnisse auf die Führung der Seele, die er einmal mit einem „vielköpfigen Ungeheuer“ vergleicht, „das rundum Köpfe von teils zahmen, teils wilden Tieren hat, dabei im Stande ist, sich in alle diese Tiere zu verwandeln und auch alle diese Tiere aus sich zu erzeugen.

14.02.2024:
Seelenteilenlehre

Die richtige Lebensführung gleicht der Kunst des Wagenlenkers.

In bildhafter Anlehnung auf die im Altertum wichtige Fähigkeit, einen Pferdewagen zu lenken, heißt es in den altindischen Upanishaden zur richtigen Lebensführung:

„Ein Wagenfahrer ist, wisse,
der Âtman (Seele), Wagen ist der Leib,
Den Wagen lenkend ist Buddhi (Vernunft),
Manas (Verstand), wisse, der Zügel ist.

Die Sinne, heißt es, sind Rosse,
Die Sinnendinge ihre Bahn;
Aus Âtman, Sinnen und Manas
Das Gefügte ‚Genießer’ heißt.

Wer nun besinnungslos hinlebt,
Den Manaszügel ungespannt,
Des (Dessen) Sinne sind unbotmäßig (sie gehorchen nicht),
Wie schlechte Rosse ihrem Herrn.

Doch wer besonnen stets hinlebt,
Den Manaszügel wohlgespannt,
Des Sinne bleiben botmäßig,
Wie gute Rosse ihrem Herrn.“

Das Bild des Wagenlenkers, das den Umgang des Menschen mit seinem komplexen Seelenleben verdeutlichen soll, findet sich auch im alten Griechenland bei Platon und in China bei Konfuzius.

13.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der rechte Weg des Menschen (Dao, Tao) besteht darin, seine inneren Kräfte in ein harmonisches Verhältnis zu bringen.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche”. Sie zeigt, dass die Auffassung, Ziel des menschlichen Lebens sei die Harmonisierung der inneren Seelenkräfte, keine abendländische Erfindung, sondern ein universaler Gedanke antiker Weisheitslehre war. Das Zitat lautet im Zusammenhang:

„Darum wacht der edle Mensch über sich selbst, auch wenn er allein ist. Wenn Heiterkeit, Zorn, Trauer, Freude sich noch nicht geregt haben, nennt man dies Gleichmaß der Mitte. Haben sie sich bereits geregt, doch in dem ihnen jeweils zukommenden Maße, nennt man dies Harmonie. Gleichmaß der Mitte ist die große Wurzel des Alls; Harmonie ist der allgültige Rechte Weg des Alls. Werden Gleichmaß der Mitte und Harmonie zu vollem Wert gebracht, so finden Himmel und Erde den ihnen gemäßen Platz, und alle Dinge gedeihen.”

In der Seele des Menschen spiegeln sich die Wachstums- und Erhaltungsgesetze der äußeren Natur.

12.02.2024:
Seelenteilenlehre

Die Leidenschaften wohnen zusammen mit der Seele und wollen sie überreden, sich an kein Maß zu halten.

Das Zitat stammt von Sokrates und lautet im Zusammenhang:

„Mir wenigstens scheint alles Schöne und Gute durch Übung erreichbar zu sein, nicht zuletzt kann man sich in der Selbstbeherrschung üben. Im gleichen Körper wohnen ja die sinnlichen Leidenschaften zusammen mit der Seele, und diese wollen sie überreden, sich an kein Maß zu halten, sondern so schnell wie möglich ihnen und dem Körper nachzugeben.”

Hier klingt an, was Platon, ein Schüler des Sokrates, zu der berühmten „Seelenteilenlehre” weiterentwickeln sollte. Danach besteht die Seele aus vielen unterschiedlichen Kräften, Anlagen, Wünschen, Ängsten usw. Aufgabe einer weisen Lebensführung ist es, diese Seelenkräfte durch Förderung und Begrenzung in ein harmonisches Ganzes zu bringen, in dem jedem dieser Kräfte das richtige Maß zugewiesen wird. Heute würden wir einen Menschen, der eine solche Harmonie in sich hergestellt hat, eine innerlich ausgeglichene Persönlichkeit nennen, die in sich ruht. Die dadurch erreichte „Seelenruhe” war für viele antiken Denker in Ost und West höchstes Lebensziel und gleichbedeutend mit Lebensglück. Diese Seelenruhe bedeutet nicht Stillstand und Langeweile, sondern kann in sich höchst bewegt und lebhaft sein.in.

11.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Entweder musst du dein Inneres ausbilden oder deine Eigenschaften für das äußere Leben!

Der Ausspruch stammt von dem späten Stoiker Epiktet. Dazu passen die Worte Solons, einer der „Sieben Weisen“ aus der frühen griechischen Antike: „ ... nimmer für äußeres Gut gäben wir inneren Gehalt.“ Die persönliche Haltung und das Verhältnis zu inneren und äußeren Werten und Gütern ist von großer Bedeutung für ein gelingendes Leben. Die Kunst des guten Lebens besteht vor allem darin, die äußeren Güter zu relativieren oder gar für „gleichgültig“ anzusehen, wie sich die Stoiker ausdrückten. Ob wir viel oder wenig haben, spielt für ein glückliches Leben, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle. Die inneren Werte aber wie Aufrichtigkeit, Authentizität, Ausgeglichenheit, Güte, Milde etc. sollten gepflegt, gestärkt und ausgebildet werden, denn sie lassen das Leben gelingen. Ein Schüler des Konfuzius fasste die Lehre seines Meisters, für den die Bildung der eigenen Persönlichkeit das Wichtigste war und für ein gutes Leben stand, einmal so zusammen:

„Wer auf Charakter, Tugend und Weisheit Wert legt, nicht aber auf Äußerlichkeiten … von einem solchen Menschen sage ich, dass er Bildung hat ...“.

10.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Viel mehr Menschen werden tüchtig durch Übung als aufgrund von Naturanlagen.

Der Ausspruch stammt von dem griechischen Philosophen Demokrit. Er erinnert an den ersten Satz aus den „Gesprächen“ des Konfuzius:

„Etwas lernen und sich immer wieder darin üben, schafft das nicht Freude (führt das nicht zum Glück)?“

In beiden Zitaten ist das Üben der Schlüssel zum guten Leben. Die Einsicht in Lebensweisheiten und ihr vertieftes Verstehen sind zwar die Grundlage auf dem Weg dahin. Aber für sich genommen ist es ein bloßes Wissen, das zunächst einmal nur in unserem Kopf existiert. Wenn es nicht praktisch wird und wir es in unserem alltäglichen Leben nicht umsetzen, wird es unser Leben weder steuern noch beeinflussen. Tatsächlich wissen wir vieles, was uns guttun würde, aber wir tun es nicht. Wir beginnen erst dann, danach zu leben, wenn wir dieses Wissen verinnerlichen und zu einem Teil von uns selbst machen. Das Wissen muss in Fleisch und Blut übergehen, d.h. unser Wollen und Fühlen bestimmen. Es muss die intuitiven und emotionalen Bereiche durchdringen und dort als Handlungs-, Denk- oder Wollensmuster abgespeichert werden. Nur so ist es sofort und ohne nachzudenken präsent, wenn wir es brauchen, um das Richtige zu entscheiden und zu tun. Dazu ist das kontinuierliche Einüben von praktischen Einsichten unerlässlich.

09.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Mit diesen Worten wollte Sokrates sagen, dass all unser Wissen unsicher und vorläufig ist, immer wieder auf dem Prüfstand steht und immer wieder revidiert, erweitert oder angepasst werden muss. Bei Konfuzius lesen wir folgende Worte, ganz in derselben Gesinnung:

„Früher hatte ich einen Freund, der so handelte:
Er hatte große Fähigkeiten, fragte aber auch die, die weniger konnten.
Er wusste viel, lernte aber auch bei denen, die weniger wussten.
Er war sich stets seiner Grenzen bewusst.
Voll von Wissen, hielt er sich dennoch für leer.“

Für Konfuzius war lebenslanges Lernen und Bilden der eigenen Persönlichkeit das Wichtigste. Das setzt Neugier, Offenheit, Bescheidenheit und Demut im Hinblick auf das voraus, was wir zu wissen meinen. Eben dies ist auch die tiefere Bedeutung des Sokratischen Nichtwissens. Die Grundhaltung der Philosophie ist der Stand der Frage. Das führt nicht zu einer Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit. Bei all ihrer Aufgeschlossenheit für besseres Wissen richteten sich beide Philosophen in ihrem praktischen Handeln danach, was ihren gegenwärtigen inneren Werten und Haltungen entsprach und was sie in der jeweiligen Situation für das Vernünftigste hielten.

08.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Denke daran, dass eine unzutreffende Ausdrucksweise nicht nur an sich fehlerhaft ist, sondern auch die Seele schädigt.

Der Ausspruch stammt von Sokrates. Wir sollen auf das, was und wie wir etwas sagen, achtgeben, unter anderem auch deshalb, weil es Rückwirkung auf unser Denken und unsere inneren Haltungen ausübt. Unsere Wortwahl ist Ausdruck unseres Denkens, prägt aber umgekehrt auch dieses Denken. Wer beispielsweise ständig schlecht über die Welt spricht, wird immer mehr zum Pessimisten. Bei Konfuzius finden wir folgende sinnverwandte Aussage, die das Thema bis ins Politische erweitert. Als er einmal gefragt wurde, was er zuerst tun würde, wenn man ihm die Regierung des Staates anvertraute, antwortete er: „Unbedingt die Namen richtigstellen“ und fuhr fort:

„Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten (die ethischen Grundlagen des Zusammenlebens) in Verfall. Geraten Anstand und gute Sitten in Verfall, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Weise die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.“

07.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Mit dem, was ich sage, rede ich den Menschen nicht zu Gefallen, sondern lenke ihr Augenmerk auf das Beste, nicht auf das Angenehmste.

Der Ausspruch stammt von Sokrates. In dem gleichen Sinn heißt es bei Konfuzius:

„Wer nur an das angenehme und bequeme Leben denkt, kann nicht wahrhaft gebildet sein.“

Die Worte sind verschieden, der Sinn ist derselbe: Wir sollten uns ernsthaft und zuversichtlich den Herausforderungen und Problemen unseres Lebens stellen, sie bestmöglich zu bewältigen versuchen und uns nicht in Vergnügungen und Zerstreuungen verlieren. Wie ein guter Gärtner sollten wir uns täglich ein wenig mit unserem Seelengarten beschäftigen, wenn wir wollen, dass darauf statt lauter Unkraut schöne Blumen und Früchte wachsen und blühen. Das erfordert eine gewisse Anstrengung und kann auch mal unbequem sein. Aber je bessere Gärtner wir werden, umso angenehmer wird unser Leben.

06.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Konfuzius sprach: Ich übermittle, aber ich schaffe nichts Neues. Ich glaube an das Alte und liebe es.

Das sagte Konfuzius vor 2600 Jahren, was zeigt, wie alt Weisheitswissen ist. Dazu passt ein schönes Wort des Sokrates, das die Tätigkeit unserer Schule MASS UND MITTE treffend beschreibt, insbesondere die mehrtägigen Seminare und philosophischen Urlaube. In denen hinterfragen wir anhand von Zitaten und kurzen Texten aus dem überlieferten Weisheitswissen kritisch unser eigenes Leben und prüfen, was wir aus den Überlieferungen bedeutender antiker Denker lernen können:

„Auch die Kostbarkeiten der früheren weisen Menschen, welche jene schriftlich hinterlassen haben, rolle ich mit den Freunden zusammen auf, und ich gehe sie durch, und wenn wir etwas Gutes sehen, nehmen wir es heraus; wir halten es für einen großen Gewinn, wenn wir so einander befreundet werden.“

Xenophon, ein Schüler des Sokrates, der uns diese Stelle überliefert hat, fügt hinzu:

„Als ich dies hörte, schien mir Sokrates glücklich zu sein und auch die Zuhörer zum Schönen und Guten hinzuleiten.“

05.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen.

Bei dem chinesischen Philosophen Wang Fu, der sehr zurückgezogen lebte, lesen wir:

„Der Himmel nimmt seinen Ursprung im Yang – im männlichen Prinzip; die Erde nimmt ihren Ursprung im Yin – im weiblichen Prinzip; der Mensch nimmt seinen Ursprung im harmonischen Zusammenstrom der Kräfte von Himmel und Erde. Diese drei Wesenheiten haben verschiedene Wirkungsweisen, und doch erfüllen sie ihre Aufgaben in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander …
Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen. … Darum heißt es auch im ‚Buch der Dokumente’: Die Taten des Himmels werden stellvertretend vom Menschen getan. Das bedeutet, dass der Mensch durch ein richtiges Ordnen seiner Angelegenheiten die Harmonie der Kräfte des Himmels bewirken und dadurch verdienstvolle Werke vollbringen kann…“

Wir bewirken dann etwas Gutes und schaffen „verdienstvolle Werke“, wenn wir unsere inneren Kräfte nutzen, um unsere Angelegenheiten in Übereinstimmung mit der uns umgebenden Natur („Himmel und Erde“) zu ordnen. Auf diese Weise ahmen wir das Schöpferische der Natur nach. Der Gedanke von Yin und Yang, einer spannungsreichen, schöpferischen Polarität innerer und äußerer Kräfte („zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, Goethe), hat – mit anderen Begriffen – auch im abendländischen Denken eine große Tradition. Sie begann spätestens mit dem griechischen Philosophen Heraklit. Der sagte, dass „der Krieg Vater aller Dinge sei“. Damit meinte er das Gegensätzliche und Widerstreitende in der Welt, wie sein folgender Ausspruch verdeutlicht:

„Das Entgegengesetzte paßt zusammen, aus dem Verschiedenen ergibt sich die schönste Harmonie, und alles entsteht auf dem Wege des Streites.“ Ein gelingendes Seelenleben beruht nach Platon auf der Harmonie widerstreitender Seelenkräfte, wir würden heute sagen: auf innerer Ausgeglichenheit.