Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei interpretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
24.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Wenn du etwas tust, tue es zur rechten Zeit, und dann mit aller Entschlossenheit.

Das ist der Sinn folgender Passage über einen Brief des griechischen Philosophen Epikur:

„ … Er (Epikur) fügt allerdings hinzu, dass man alles nur bei der richtigen Gelegenheit und zur richtigen Zeit unternehmen dürfe. Aber wenn der lange erwartete Augenblick gekommen ist, dann muss man den Sprung tun.

Beides ist Weisheit und eine Kunst: Geduldig auf den richtigen Augenblick zu warten, im richtigen Augenblick aber entschlossen zu handeln.

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23.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Wartest du auf eine Gelegenheit zum Philosophieren, so hast du sie schon verpasst.

Der Ausspruch wird Platon zugeschrieben. Das Zitat stammt aus dem sog. „Gnomologicum Vaticanum“, einer Ende des 19. Jh. im Vatikan aufgefundenen Sammlung antiker Spruchweisheiten. Ob die einzelnen Weisheiten wirklich von den dort angegebenen Autoren stammen, ist zweifelhaft. Die Autorenschaft von überlieferten Weisheiten aber ist zweitrangig, soweit sie nur eine wichtige Einsicht enthalten. Platon hat hier die praktische Philosophie im Auge und bestätigt, worauf sein Lehrer Sokrates immer wieder hingewiesen hat: dass es keine Zeit zu verlieren gibt, sich um eine gute, freudvolle und belastbare Seelenverfassung zu kümmern und dass wir sofort damit anfangen sollten. Das vor allem bedeutete für die Griechen zu philosophieren.

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22.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Siegle deine Worte mit Schweigen, dein Schweigen mit dem rechten Augenblick.

Der Ausspruch wird Solon zugeschrieben, einem der „Sieben Weisen“, herausragende Persönlichkeiten des alten Griechenlands im 7./6. Jh. v. Chr., die durch ihre kurzen Sinnsprüche berühmt wurden. Das zu viele Reden oder das Reden im falschen Augenblick war bei den „Sieben Weisen“ nicht beliebt. Das zeigen schon ihre überlieferten Spruchweisheiten, die das Wesentliche in denkbar knappster Form verdichteten. Häufig sind es nicht mehr als drei Worte. Bekannte Beispiele dafür sind: „Erkenne dich selbst“, „Nichts zu sehr“ oder „Alles ist Übung“.

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21.02.2024:
Neuer Podcast "Lebenskunst" - Interview mit Wilhelm Schmid

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

in unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ ist eine weitere Folge #88 zu hören. Es geht um "Lebenskunst". Wir interviewen den renommierten Philosophen und Bestsellerautor Wilhelm Schmid.

"Vor allem, mein Lucilius, empfehle ich dir: lerne dich freuen."
Seneca

Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu finden Sie auf der Website: www.pudel-kern.com

Ferner auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts gibt, u.a.:

https://linktr.ee/pudelkern

https://podcasts.apple.com/us/podcast/88-lebenskunst-interview-mit-dem-philosophen-prof-dr/id1591918638?i=1000646062292

https://open.spotify.com/episode/1d4suDPrRorvNlskxuErGu

Wenn Ihnen der Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn bitte weiter. Über Anmerkungen und Rückfragen freuen wir uns.

Viel Freude damit!
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Webseminar

Auch im neuen Jahr setzen wir unsere Reihe über "Goethes Lebensweisheit" in drei eintägigen Webseminaren fort. Das erste findet am Samstag, den 23. März 2024, 09:30-18:00 Uhr statt. Es sind noch Plätze frei. Es geht in diesem Jahr um Lebensweisheiten aus Goethes "Maximen und Reflexionen", einer einzigartigen Sammlung von Aphorismen und Weisheiten.

Sein Leben lang suchte Goethe im Besonderen das Allgemeingültige und versuchte, es in kurzen, prägnanten Sätzen festzuhalten. In seiner gewaltigen schriftlichen Hinterlassenschaft finden sich solche Sentenzen an allen Stellen. Über Eintausendvierhundert davon sind in dem Werk "Maximen und Reflexionen" gesammelt. Eine Auswahl wollen wir 2024 in drei Webseminaren besprechen.

Die Seminare bauen nicht aufeinander auf, so dass sie einzeln gebucht werden können. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Die Termine für die Webseminare 2024:

Samstag, den 23. März 2024, 09:30 h - 18:00 Uhr
Samstag, den 08. Juni 2024, 09:30 h - 18:00 Uhr
Samstag, den 02. November 2024, 09:30 h - 18:00 Uhr

Gebühr pro Seminar: 129,- €.
Wie bei allen unseren Veranstaltungen reduzieren wir gerne die Seminargebühr für Interessenten mit geringen finanziellen Mitteln. Bitte senden Sie uns eine E-Mail.

Es gibt an jedem Seminartag zwei Sitzungen am Vormittag à 90 min. und zwei Sitzungen am Nachmittag à 75 min. Es sollten demnach ausreichend Pausen vorhanden sein. Texte und Einwahldaten sende ich eine Woche vor der Veranstaltung zu.

Anmeldungen: Per Formular im Anhang oder per E-Mail an: massundmitte@gmx.de

 

Herzliche Grüße

Albert Kitzler

21.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Was noch ruhig ist, lässt sich leicht ergreifen.

Und weiter heißt es im Daodejing des Laotse:

„Was noch nicht hervortritt, lässt sich leicht bedenken.
Was noch zart ist, lässt sich leicht zerbrechen.
Was noch klein ist, lässt sich leicht zerstreuen.
Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist.
Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist.

Es entspricht der altchinesischen Vorstellung, dass man am wirksamsten Einfluss auf einen Geschehensablauf nehmen kann, wenn dieser sich in einem frühen Stadium seiner Entwicklung befindet oder diese noch gar nicht begonnen hat. Eine sehr beherzigenswerte Maxime, die wir im Alltag häufig anwenden können. Im „Buch der Wandlungen“ (I Ging, Yijing), dem ältesten überlieferten Weisheitsbuch, das wir kennen, findet sich derselbe Gedanke gleich mehrfach. Noch heute werden die Kinder in den chinesischen Kindergärten angehalten, auf ihren Körper zu achten, um bereits bei den ersten Anzeichen eine kommende Krankheit zu erkennen. Wer früh reagiert, vermeidet Schlimmeres.

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20.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Die Vernunft weiß, wann der richtige Zeitpunkt für etwas gekommen ist.

In der altindischen Bhagavadgita sagt der Gott Krishna zum Helden Arjuna:

'Vernunft', die stets das Rechte wählt,
Die weiß, was gut zu seiner Zeit,
Und Bindung und Erlösung kennt,
Das ist 'Vernunft' voll 'Wesenheit'
.“

Mit „Wesenheit“ ist die oberste der drei „gunas“ gemeint: „sattva“, auch Klarheit, Güte, Harmonie. Nach altindischer Philosophie sind die „gunas“ Urkräfte, aus deren Zusammenspiel alle sichtbaren Dinge entstanden sind. Die beiden anderen „gunas“ sind „tamas“ (Trägheit, Dunkelheit) und „rajas“ (Rastlosigkeit, Energie). Die Bestimmung des rechten Augenblicks ist danach Aufgabe der vernünftigen Überlegung, der Erkenntnis, des Wissens, der Weisheit. Auch für das indische Denken hat Weisheit viel damit zu tun, den richtigen Zeitpunkt für ein Handeln oder Nichthandeln zu erkennen („Die weiß, was gut zu seiner Zeit“).

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19.02.2024:
Kairos - der richtige Augenblick

Der Weise prüft den Zeitpunkt für Geduld und Ungeduld.

Aus dem alten Ägypten ist uns folgender Ausspruch überliefert:

Geduld und Ungeduld, deren Herr ist das Schicksal, das sie schafft. Der Zeitpunkt für beide wird vom Weisen geprüft.

Das Schicksal können wir nicht bestimmen, wohl aber den richtigen Augenblick, wann wir durch unser Handeln oder Nichthandeln Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen können. Geduld ist eine große Tugend – ebenso wie das entschlossene Handeln, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Die Bestimmung und das Gespür für den rechten Augenblick ist von großer Bedeutung für eine weise Lebensführung. In vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens ist es wichtig zu wissen, wann wir geduldig und wann wir entschlossen sein sollten. Nicht ohne Grund identifizierten die alten Griechen den richtigen Augenblick mit einem Gott, den sie „Kairos“ nannten.

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18.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Weise formt seine inneren Seelenkräfte harmonisch aus.

So kann folgender Ausspruch von Konfuzius umschrieben werden. Die Namen bezeichnen berühmte Persönlichkeiten der chinesischen Antike:

Ein Mensch kann als vollkommen gelten, der weise ist wie Zang Wu-zhong, selbstlos wie Meng Gong-chuo, mutig wie Bian Zhung-zi und tüchtig wie Ran Qiu. Dabei müssen alle diese Eigenschaften durch angemessene Formung und Musik (Harmonie) zur Vollendung gebracht sein.“

Für Konfuzius hatte die Musik eine große Bedeutung. Er schrieb ihr die Kraft zu, das Seelenleben eines Menschen zu harmonisieren bzw. diesen Prozess zu fördern, eine Auffassung, die auch Aristoteles vertrat. Als Tugenden, die für Konfuzius von besonderer Bedeutung waren, werden hier genannt die Weisheit, die Güte (Selbstlosigkeit), die Tapferkeit und das Engagement (Wirken).

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17.02.2024:
Philosophische Matinee am morgigen Sonntag, den 18. Februar 2024, 10-12 Uhr: "Sokrates"

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

ich erinnere an unsere erste philosophische Matinee 2024 im Web am morgigen Sonntag, den 18.02.2024, 10-12 Uhr, statt. Es geht um Sokrates und was wir von ihm lernen können.

Die Zugangsdaten lauten:

Beitreten Zoom Meeting
https://us02web.zoom.us/j/82411764214?pwd=ZUFjQy9RRG9SbmRTRUhwdm9aSDByQT09 >
Meeting-ID: 824 1176 4214 <

Kenncode: 298686

Anstelle einer Teilnahmegebühr ist eine Spende willkommen. Da „Maß und Mitte“ ein gemeinnütziger Verein ist, kann die Spende steuerlich abgesetzt werden. Bei Spenden bis 300,- € reicht der Überweisungsbeleg zur steuerrechtlichen Anerkennung. Gleichwohl stellen wir auf Wunsch eine Spendenquittung aus. Das Spendenkonto lautet:

MASS UND MITTE
Münchner Bank eG
IBAN: DE58 7019 0000 0002 5719 35
BIC: GENODEF1M01

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Es werden nicht mehr als 25 Teilnehmer zugelassen. Die Texte, die wir besprechen wollen, finden Sie im Anhang.

Ich würde mich freuen, Sie morgen begrüßen zu dürfen.

Herzliche Grüße

Ihr

Albert Kitzler

17.02.2024:
Seelenteilenlehre

Wohl ist, o Held, zu zügeln schwer / des Herzens Vielbeweglichkeit …

So beginnen zwei Strophen aus der altindischen Bhagavadgita, dem bedeutendsten Lehrgedicht Indiens. Der Gott Krishna spricht zum Helden Arjuna:

Wohl ist, o Held, zu zügeln schwer
Des ‚Herzens’ Vielbeweglichkeit,
Doch bannet es, o Kunti’s Sohn (Arjuna),
Die Übung und Besonnenheit.

Wer sich nicht selbst im Zaume hält,
Den Yoga nur sehr schwer erringt,
Doch wer den rechten Weg beschritt,
Bis zur Vollendung vorwärtsdringt
.“

Yoga, eine bedeutende Richtung der altindischen Philosophie, wird hier nicht nur als Weg, sondern zugleich als das Ziel vollendeter Beherrschung von Geist, Körper und Seele verstanden. „Des ‚Herzens’ Vielbeweglichkeit“ meint Zerstreuung und Flucht vor sich selbst in weltliche Vergnügungen.

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16.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Weise strebt eine Seelenverfassung an, in der die unterschiedlichen Seelenkräfte im Gleichgewicht sind.

So könnte folgende allegorische Stelle aus dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ umschrieben werden:

Ein guter Wagenlenker ordnet seine Haltung und fasst die Zügel zusammen, bringt die Kraft der Pferde ins Gleichgewicht und den Willen der Pferde in Harmonie, und das Gespann geht nur dahin, wohin er es lenkt. Und wenn er auch einen langen Weg nimmt und eine weite Reise macht, er kommt an, und er kann sie lenken, so schnell er will.

Die hier beschriebene Zielvorstellung antiker Weisheitslehre, eine Harmonie in der Seele zu erlangen, die es erlaubt, dass man das Leben führt, das man führen möchte („er komm an …“), hat sich bis in die heutige Alltagssprache hinein erhalten. Einen Menschen, der mit sich und dem Leben umzugehen weiß, in sich ruht und seine Mitte wahrt, bezeichnen wir als „innerlich ausgeglichen“ (im Zitat: er „bringt die Kraft der Pferde in Gleichgewicht“). Mit der „Haltung“ im ersten Satzteil könnte die Persönlichkeit und ihre inneren Einstellungen gemeint sein, die man kultivieren muss, um ein gelingendes Leben zu führen.
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15.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der Mensch soll im Stande sein, das Feindlichste in der Seele einander befreundet zu machen.

Darauf spielt Platon an, als er in einem seiner Dialoge einen Arzt folgende Sätze sagen lässt:

„Denn er (der Heilkundige) muß im Stande sein, das Feindlichste im Körper einander befreundet zu machen und mit Liebe zueinander zu erfüllen. Das Feindlichste aber ist das einander am meisten Entgegengesetzte, das Warme dem Kalten, das Bittere dem Süßen, das Trockene dem Feuchten und was dergleichen mehr ist. Alle dem verstand unser Ahnherr Aklepios (Gott der Heilkunst) … Liebe und Eintracht einzuflößen und damit legte er den Grund zu unserer Kunst. Die Heilkunst also, wie gesagt, wird ganz von diesem Gotte gelenkt und ebenso auch die Gymnastik und der Landbau.“

Und ebenso, können wir hinzufügen, wird der weise Umgang mit dem eigenen Seelenleben von ihm gelenkt. Denn Platon übertrug diese Erkenntnisse auf die Führung der Seele, die er einmal mit einem „vielköpfigen Ungeheuer“ vergleicht, „das rundum Köpfe von teils zahmen, teils wilden Tieren hat, dabei im Stande ist, sich in alle diese Tiere zu verwandeln und auch alle diese Tiere aus sich zu erzeugen.

14.02.2024:
Seelenteilenlehre

Die richtige Lebensführung gleicht der Kunst des Wagenlenkers.

In bildhafter Anlehnung auf die im Altertum wichtige Fähigkeit, einen Pferdewagen zu lenken, heißt es in den altindischen Upanishaden zur richtigen Lebensführung:

„Ein Wagenfahrer ist, wisse,
der Âtman (Seele), Wagen ist der Leib,
Den Wagen lenkend ist Buddhi (Vernunft),
Manas (Verstand), wisse, der Zügel ist.

Die Sinne, heißt es, sind Rosse,
Die Sinnendinge ihre Bahn;
Aus Âtman, Sinnen und Manas
Das Gefügte ‚Genießer’ heißt.

Wer nun besinnungslos hinlebt,
Den Manaszügel ungespannt,
Des (Dessen) Sinne sind unbotmäßig (sie gehorchen nicht),
Wie schlechte Rosse ihrem Herrn.

Doch wer besonnen stets hinlebt,
Den Manaszügel wohlgespannt,
Des Sinne bleiben botmäßig,
Wie gute Rosse ihrem Herrn.“

Das Bild des Wagenlenkers, das den Umgang des Menschen mit seinem komplexen Seelenleben verdeutlichen soll, findet sich auch im alten Griechenland bei Platon und in China bei Konfuzius.

13.02.2024:
Seelenteilenlehre

Der rechte Weg des Menschen (Dao, Tao) besteht darin, seine inneren Kräfte in ein harmonisches Verhältnis zu bringen.

Das ist der Sinn folgender Stelle aus dem chinesischen „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche”. Sie zeigt, dass die Auffassung, Ziel des menschlichen Lebens sei die Harmonisierung der inneren Seelenkräfte, keine abendländische Erfindung, sondern ein universaler Gedanke antiker Weisheitslehre war. Das Zitat lautet im Zusammenhang:

„Darum wacht der edle Mensch über sich selbst, auch wenn er allein ist. Wenn Heiterkeit, Zorn, Trauer, Freude sich noch nicht geregt haben, nennt man dies Gleichmaß der Mitte. Haben sie sich bereits geregt, doch in dem ihnen jeweils zukommenden Maße, nennt man dies Harmonie. Gleichmaß der Mitte ist die große Wurzel des Alls; Harmonie ist der allgültige Rechte Weg des Alls. Werden Gleichmaß der Mitte und Harmonie zu vollem Wert gebracht, so finden Himmel und Erde den ihnen gemäßen Platz, und alle Dinge gedeihen.”

In der Seele des Menschen spiegeln sich die Wachstums- und Erhaltungsgesetze der äußeren Natur.

12.02.2024:
Seelenteilenlehre

Die Leidenschaften wohnen zusammen mit der Seele und wollen sie überreden, sich an kein Maß zu halten.

Das Zitat stammt von Sokrates und lautet im Zusammenhang:

„Mir wenigstens scheint alles Schöne und Gute durch Übung erreichbar zu sein, nicht zuletzt kann man sich in der Selbstbeherrschung üben. Im gleichen Körper wohnen ja die sinnlichen Leidenschaften zusammen mit der Seele, und diese wollen sie überreden, sich an kein Maß zu halten, sondern so schnell wie möglich ihnen und dem Körper nachzugeben.”

Hier klingt an, was Platon, ein Schüler des Sokrates, zu der berühmten „Seelenteilenlehre” weiterentwickeln sollte. Danach besteht die Seele aus vielen unterschiedlichen Kräften, Anlagen, Wünschen, Ängsten usw. Aufgabe einer weisen Lebensführung ist es, diese Seelenkräfte durch Förderung und Begrenzung in ein harmonisches Ganzes zu bringen, in dem jedem dieser Kräfte das richtige Maß zugewiesen wird. Heute würden wir einen Menschen, der eine solche Harmonie in sich hergestellt hat, eine innerlich ausgeglichene Persönlichkeit nennen, die in sich ruht. Die dadurch erreichte „Seelenruhe” war für viele antiken Denker in Ost und West höchstes Lebensziel und gleichbedeutend mit Lebensglück. Diese Seelenruhe bedeutet nicht Stillstand und Langeweile, sondern kann in sich höchst bewegt und lebhaft sein.in.

11.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Entweder musst du dein Inneres ausbilden oder deine Eigenschaften für das äußere Leben!

Der Ausspruch stammt von dem späten Stoiker Epiktet. Dazu passen die Worte Solons, einer der „Sieben Weisen“ aus der frühen griechischen Antike: „ ... nimmer für äußeres Gut gäben wir inneren Gehalt.“ Die persönliche Haltung und das Verhältnis zu inneren und äußeren Werten und Gütern ist von großer Bedeutung für ein gelingendes Leben. Die Kunst des guten Lebens besteht vor allem darin, die äußeren Güter zu relativieren oder gar für „gleichgültig“ anzusehen, wie sich die Stoiker ausdrückten. Ob wir viel oder wenig haben, spielt für ein glückliches Leben, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle. Die inneren Werte aber wie Aufrichtigkeit, Authentizität, Ausgeglichenheit, Güte, Milde etc. sollten gepflegt, gestärkt und ausgebildet werden, denn sie lassen das Leben gelingen. Ein Schüler des Konfuzius fasste die Lehre seines Meisters, für den die Bildung der eigenen Persönlichkeit das Wichtigste war und für ein gutes Leben stand, einmal so zusammen:

„Wer auf Charakter, Tugend und Weisheit Wert legt, nicht aber auf Äußerlichkeiten … von einem solchen Menschen sage ich, dass er Bildung hat ...“.

10.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Viel mehr Menschen werden tüchtig durch Übung als aufgrund von Naturanlagen.

Der Ausspruch stammt von dem griechischen Philosophen Demokrit. Er erinnert an den ersten Satz aus den „Gesprächen“ des Konfuzius:

„Etwas lernen und sich immer wieder darin üben, schafft das nicht Freude (führt das nicht zum Glück)?“

In beiden Zitaten ist das Üben der Schlüssel zum guten Leben. Die Einsicht in Lebensweisheiten und ihr vertieftes Verstehen sind zwar die Grundlage auf dem Weg dahin. Aber für sich genommen ist es ein bloßes Wissen, das zunächst einmal nur in unserem Kopf existiert. Wenn es nicht praktisch wird und wir es in unserem alltäglichen Leben nicht umsetzen, wird es unser Leben weder steuern noch beeinflussen. Tatsächlich wissen wir vieles, was uns guttun würde, aber wir tun es nicht. Wir beginnen erst dann, danach zu leben, wenn wir dieses Wissen verinnerlichen und zu einem Teil von uns selbst machen. Das Wissen muss in Fleisch und Blut übergehen, d.h. unser Wollen und Fühlen bestimmen. Es muss die intuitiven und emotionalen Bereiche durchdringen und dort als Handlungs-, Denk- oder Wollensmuster abgespeichert werden. Nur so ist es sofort und ohne nachzudenken präsent, wenn wir es brauchen, um das Richtige zu entscheiden und zu tun. Dazu ist das kontinuierliche Einüben von praktischen Einsichten unerlässlich.

09.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Mit diesen Worten wollte Sokrates sagen, dass all unser Wissen unsicher und vorläufig ist, immer wieder auf dem Prüfstand steht und immer wieder revidiert, erweitert oder angepasst werden muss. Bei Konfuzius lesen wir folgende Worte, ganz in derselben Gesinnung:

„Früher hatte ich einen Freund, der so handelte:
Er hatte große Fähigkeiten, fragte aber auch die, die weniger konnten.
Er wusste viel, lernte aber auch bei denen, die weniger wussten.
Er war sich stets seiner Grenzen bewusst.
Voll von Wissen, hielt er sich dennoch für leer.“

Für Konfuzius war lebenslanges Lernen und Bilden der eigenen Persönlichkeit das Wichtigste. Das setzt Neugier, Offenheit, Bescheidenheit und Demut im Hinblick auf das voraus, was wir zu wissen meinen. Eben dies ist auch die tiefere Bedeutung des Sokratischen Nichtwissens. Die Grundhaltung der Philosophie ist der Stand der Frage. Das führt nicht zu einer Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit. Bei all ihrer Aufgeschlossenheit für besseres Wissen richteten sich beide Philosophen in ihrem praktischen Handeln danach, was ihren gegenwärtigen inneren Werten und Haltungen entsprach und was sie in der jeweiligen Situation für das Vernünftigste hielten.

08.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Denke daran, dass eine unzutreffende Ausdrucksweise nicht nur an sich fehlerhaft ist, sondern auch die Seele schädigt.

Der Ausspruch stammt von Sokrates. Wir sollen auf das, was und wie wir etwas sagen, achtgeben, unter anderem auch deshalb, weil es Rückwirkung auf unser Denken und unsere inneren Haltungen ausübt. Unsere Wortwahl ist Ausdruck unseres Denkens, prägt aber umgekehrt auch dieses Denken. Wer beispielsweise ständig schlecht über die Welt spricht, wird immer mehr zum Pessimisten. Bei Konfuzius finden wir folgende sinnverwandte Aussage, die das Thema bis ins Politische erweitert. Als er einmal gefragt wurde, was er zuerst tun würde, wenn man ihm die Regierung des Staates anvertraute, antwortete er: „Unbedingt die Namen richtigstellen“ und fuhr fort:

„Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten (die ethischen Grundlagen des Zusammenlebens) in Verfall. Geraten Anstand und gute Sitten in Verfall, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Weise die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.“

07.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Mit dem, was ich sage, rede ich den Menschen nicht zu Gefallen, sondern lenke ihr Augenmerk auf das Beste, nicht auf das Angenehmste.

Der Ausspruch stammt von Sokrates. In dem gleichen Sinn heißt es bei Konfuzius:

„Wer nur an das angenehme und bequeme Leben denkt, kann nicht wahrhaft gebildet sein.“

Die Worte sind verschieden, der Sinn ist derselbe: Wir sollten uns ernsthaft und zuversichtlich den Herausforderungen und Problemen unseres Lebens stellen, sie bestmöglich zu bewältigen versuchen und uns nicht in Vergnügungen und Zerstreuungen verlieren. Wie ein guter Gärtner sollten wir uns täglich ein wenig mit unserem Seelengarten beschäftigen, wenn wir wollen, dass darauf statt lauter Unkraut schöne Blumen und Früchte wachsen und blühen. Das erfordert eine gewisse Anstrengung und kann auch mal unbequem sein. Aber je bessere Gärtner wir werden, umso angenehmer wird unser Leben.

06.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Konfuzius sprach: Ich übermittle, aber ich schaffe nichts Neues. Ich glaube an das Alte und liebe es.

Das sagte Konfuzius vor 2600 Jahren, was zeigt, wie alt Weisheitswissen ist. Dazu passt ein schönes Wort des Sokrates, das die Tätigkeit unserer Schule MASS UND MITTE treffend beschreibt, insbesondere die mehrtägigen Seminare und philosophischen Urlaube. In denen hinterfragen wir anhand von Zitaten und kurzen Texten aus dem überlieferten Weisheitswissen kritisch unser eigenes Leben und prüfen, was wir aus den Überlieferungen bedeutender antiker Denker lernen können:

„Auch die Kostbarkeiten der früheren weisen Menschen, welche jene schriftlich hinterlassen haben, rolle ich mit den Freunden zusammen auf, und ich gehe sie durch, und wenn wir etwas Gutes sehen, nehmen wir es heraus; wir halten es für einen großen Gewinn, wenn wir so einander befreundet werden.“

Xenophon, ein Schüler des Sokrates, der uns diese Stelle überliefert hat, fügt hinzu:

„Als ich dies hörte, schien mir Sokrates glücklich zu sein und auch die Zuhörer zum Schönen und Guten hinzuleiten.“

05.02.2024:
Weisheitsdenken in Griechenland und China

Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen.

Bei dem chinesischen Philosophen Wang Fu, der sehr zurückgezogen lebte, lesen wir:

„Der Himmel nimmt seinen Ursprung im Yang – im männlichen Prinzip; die Erde nimmt ihren Ursprung im Yin – im weiblichen Prinzip; der Mensch nimmt seinen Ursprung im harmonischen Zusammenstrom der Kräfte von Himmel und Erde. Diese drei Wesenheiten haben verschiedene Wirkungsweisen, und doch erfüllen sie ihre Aufgaben in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander …
Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen. … Darum heißt es auch im ‚Buch der Dokumente’: Die Taten des Himmels werden stellvertretend vom Menschen getan. Das bedeutet, dass der Mensch durch ein richtiges Ordnen seiner Angelegenheiten die Harmonie der Kräfte des Himmels bewirken und dadurch verdienstvolle Werke vollbringen kann…“

Wir bewirken dann etwas Gutes und schaffen „verdienstvolle Werke“, wenn wir unsere inneren Kräfte nutzen, um unsere Angelegenheiten in Übereinstimmung mit der uns umgebenden Natur („Himmel und Erde“) zu ordnen. Auf diese Weise ahmen wir das Schöpferische der Natur nach. Der Gedanke von Yin und Yang, einer spannungsreichen, schöpferischen Polarität innerer und äußerer Kräfte („zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, Goethe), hat – mit anderen Begriffen – auch im abendländischen Denken eine große Tradition. Sie begann spätestens mit dem griechischen Philosophen Heraklit. Der sagte, dass „der Krieg Vater aller Dinge sei“. Damit meinte er das Gegensätzliche und Widerstreitende in der Welt, wie sein folgender Ausspruch verdeutlicht:

„Das Entgegengesetzte paßt zusammen, aus dem Verschiedenen ergibt sich die schönste Harmonie, und alles entsteht auf dem Wege des Streites.“ Ein gelingendes Seelenleben beruht nach Platon auf der Harmonie widerstreitender Seelenkräfte, wir würden heute sagen: auf innerer Ausgeglichenheit.