Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei interpretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
04.02.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #6

Sein Leben muss man so abmessen, als ob uns sowohl eine lange als eine kurze Lebenszeit beschieden sei.

Der Ausspruch stammt von Bias von Priene. Vorausschau und Vorsorge sind notwendig, aber sie sollten uns nicht daran hindern, ganz in dem gegenwärtigen Augenblick aufzugehen und das Hier und Jetzt zu genießen. Das Leben der Toren, sagt Epikur, geht mit Aufschieben dahin. Weil es ganz der Zukunft zugewandt ist, ist es voller Angst und ohne dankbares Gedenken. In der Bergpredigt sagt Christus, dass wir uns nicht um morgen sorgen sollten, da der morgige Tag für sich selbst sorgen wird. Nur wer achtsam und präsent im jeweiligen Augenblick lebt, lebt wirklich und intensiv. Je mehr wir mit unseren Gedanken woanders sind, je zerstreuter wir leben, umso weniger leben wir. Andererseits hat eine weise Lebensführung viel damit zu tun, dass wir vorausschauen und so leben, dass wir künftiges Leid vermeiden. „Siehe auf das Ende“, sagt Solon, ein anderer der Sieben Weisen. Beides zu beachten, empfiehlt uns Bias.

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03.02.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #5

Alles ist Übung.

Eine weitere Persönlichkeit, die zu den „Sieben Weisen“ gerechnet wird, war Periander. Von ihm stammt der Ausspruch „Alles ist Übung“, was manchmal auch mit „Siehe auf das Ganze!“ übersetzt wird. Das Interessante an der antiken praktischen Philosophie, nicht nur im Abendland, sondern auch in China und Indien war, dass die damaligen Denker sahen, dass es nicht allein darauf ankommt, die Werte zu erkennen, nach denen man sein Leben ausrichten sollte, um sich selbst und der Gemeinschaft Frieden, Wohlbefinden und ein glückliches Leben zu ermöglichen. Häufig wissen die Menschen, welche das sind, scheitern aber daran, sie im täglichen Leben auch umzusetzen. Es sind häufig innere Widerstände und Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensmuster, Prägungen und äußerer Druck, die uns immer wieder davon abhalten, konsequent das Gute zu tun. Diese teilweise „irrationalen“ Seelenelemente (Aristoteles) müssen umgeformt, erzogen und „umprogrammiert“ werden. Das Mittel dazu ist Umgewöhnung, das kontinuierliche Einüben der für richtig und förderlich erkannten Denk- und Verhaltensgewohnheiten. Dies muss solange fortgeführt werden, bis die alten Muster „überschrieben“ sind und wir quasi automatisch, spontan und ohne nachzudenken das Richtige tun. Das ist gelungene Persönlichkeitsentwicklung.

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02.02.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #4

Unerfreulich ist Untätigkeit.

Diese Feststellung geht auf Thales von Milet zurück, der häufig als der erste Philosoph Griechenlands genannt wird. Offenbar hatte er erkannt, wie wichtig für ein gelingendes Leben Tätigkeit, Arbeit, Beschäftigung, das Wirken in der Welt ist. Erst wenn wir im Außen irgendetwas Sinnvolles tun, bewirken oder gestalten, spüren wir uns selbst und baut sich ein Selbstbewusstsein auf (Hegel). Wenn wir irgendetwas tun oder verändern und in der Welt eine Spur hinterlassen, sei sie auch noch so geringfügig, stellt sich eine Selbstwirksamkeitserfahrung ein, die wichtig ist für unser Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Das Getane beweist, dass wir da sind, und vermittelt uns eine Form der Anerkennung. Im Werk finden wir uns selbst. Die Welt antwortet auf unser Tun. Wir sind in Resonanz mit ihr. Für eine kurze Zeit sind wir eins geworden mit der Welt und spüren, dass wir nicht vereinzelt und allein sind, sondern ein Teil von ihr.

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01.02.2023
Neuer Podcast: Interview mit dem Zen-Meister Paul J. Kohtes
01.02.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #3

Nichts im Übermaß.

Auch dieses Wort wird gleich mehreren der Sieben Weisen zugeschrieben, meistens aber dem Solon von Athen. Es besagt, dass jedes Ding sein Maß hat und die Kunst des gelingenden Lebens darin besteht, dieses Maß stets möglichst gut zu treffen und Über- und Untermaß zu vermeiden. Das Gebot des richtigen Maßes war in der griechischen Antike allgegenwärtig und von überragender Bedeutung. Aristoteles legte es seiner Tugendlehre zugrunde, indem er behauptete, dass die Tugend stets die Mitte zwischen zwei Extremen ist, also dem Zuviel und Zuwenig. Bei Platon erscheint es in der Kategorie der Gerechtigkeit, die er für grundlegend für die Regierung eines Staates sowie für den Umgang mit den eigenen Seelenkräften zur Erzielung innerer Ausgeglichenheit und Seelenruhe hielt. Er übernahm die Vorstellung des Hippokrates von der Gesundheit des Körpers, die dann gestört ist, wenn von einem der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) entweder zu viel oder zu wenig vorhanden ist. Das Staats- und das Seelenleben gelingt dann, wenn sich alle Kräfte in einem ausgewogenen, harmonischen Verhältnis befinden, mithin sich „im rechten Maß“ befinden und entfalten können.

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31.01.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #2

Erkenne den rechten Zeitpunkt.

Der Ausspruch wird dem Pittakos von Mytilene zugeschrieben. Er mahnt an den „Kairos“, den richtigen Augenblick. Alles hat seine Zeit sowie sein „zu früh“ und „zu spät“. Wenn etwas gelingen soll, dann ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Wann äußere ich Kritik, wann verkünde ich eine bittere Wahrheit, wann treffe ich eine Entscheidung, wann ändere ich mein Verhalten, wann nehme ich eine neue Gewohnheit an oder lege eine alte ab, wann ist die Zeit zum Arbeiten, wann zum Ruhen, wann gehe ich nach außen, wann zeihe ich mich zurück, wann ist die Zeit zum Feiern, wann zur Besinnung oder zur Trauer? Für ein gelingendes Leben ist der richtige Augenblick von großer Bedeutung. Die Griechen machten daher aus dem Kairos einen Gott, dem eine lange Locke in die Stirn fiel, während er am Hinterkopf kahl war. Wir müssen ihn an der Locke ergreifen, wenn er gerade an uns vorüberläuft. Verpassen wir diesen Augenblick, so können wir ihn nicht mehr fassen, da er am Hinterkopf er keine Haare hat.

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30.01.2023
Aussprüche der Sieben Weisen #1

Erkenne Dich selbst!

Dieser Ausspruch wird mehreren der Sieben Weisen zugeschrieben, meistens aber dem Chilon von Sparta. Mit den „Sieben Weisen“ bezeichnet man herausragende Persönlichkeiten, meistens Politiker aus dem vorsokratischen Griechenland, die wegen ihrer Weisheit geschätzt wurden. Ihnen werden kurze Sinnsprüche zugeschrieben, die meistens aus nicht mehr als drei Worten bestanden und damals weit verbreitet waren. Dem „Erkenne Dich selbst!“ kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, weil Sokrates diesen Ausspruch in das Zentrum seines Philosophierens stellte. Es besagt zum einen, dass man nie vergessen sollte, dass man ein Mensch ist und als solcher beschränkt, endlich und Erbe menschlicher Schwächen ist. Zum anderen, dass man seine Seele mit allen Stärken und Schwächen möglichst gut kennen und sein Seelenleben verstehen sollte, also die Prägungen, Veranlagungen, Vorurteile, die übernommenen und selbstgeschaffenen Denk- und Handlungsmuster, seine flüchtigen und tieferen Bedürfnisse, sein Triebleben, seine Gefühlswelt, das Zusammenspiel von rationalen und irrationalen Elementen und Kräften etc. Nur wer sich kennt, kann sich steuern und ein selbstverantwortetes Leben nach eigenen Grundsätzen und Werten führen. Nur ein solcher Mensch ist frei und nicht Sklave seiner dunklen, unbekannten Seelenkräfte.

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29.01.2023
Menander #7

Ein gutes Wort ist fürs Gemüt ein Heilmittel.

Menander wusste um die Kraft des Wortes. Es kann Menschen verändern, den Zorn beschwichtigen, Ängste nehmen, Sorgen vertreiben, die Stimmung umschlagen lassen oder sogar Krankheiten heilen, aber auch von allem das Gegenteil bewirken. In vielen Fällen besteht die Heilung einer Krankheit darin, dass der Arzt den Selbstheilungsprozess des Patienten anregt oder befördert. Dazu reicht es manchmal, wenn der Arzt dem Patienten einfühlsam und zugewandt zuhört und ihm mit seinen Worten Zuversicht, Mut, Vertrauen und Hoffnung zuspricht, wie der berühmte Kardiologe und Nobelpreisträger Bernard Lown in seinem lesenswerten Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“ eindrücklich darlegt. Er schreibt darin, er „kenne wenige Heilmittel, die mächtiger sind als ein sorgsam ausgewähltes Wort“. Schon bei Sokrates finden wir den Satz, man müsse den Kindern die Angst vor dem Tod dadurch nehmen, dass man ihnen „jeden Tag“ passende „Zaubersprüche“ vortrage, wobei er Weisheiten im Umgang mit dem Tod gemeint haben dürfte. Noch älter ist eine Stelle bei dem griechischen Tragiker Aischylos, wonach „Worte tüchtige Ärzte“ seien. An anderer Stelle schreibt Lown: „Wenn ich aber so darüber nachdenke, was die alten Griechen schon alles von Charakter und Persönlichkeit begriffen haben, frage ich mich, ob wir tatsächlich in unserem Verständnis der Menschheit so viel weiter gekommen sind.“

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28.01.2023
Menander #6

Des Menschen Art erkennt man an seiner Rede.

Für „Des Menschen Art“ steht bei Menander das griechische Wort „charaktēr“, das auch mit „Wesen“ oder „Eigenart des Menschen“ übersetzt werden kann. Unser Wort „Charakter“ ist also altgriechisch. In der Art, wie wir sprechen, welche Worte wir benutzen, wie der Redefluss ist, die Betonung, die Melodie, die Laustärke, in all dem kommen unser Denken, unsere Werte und unsere Haltungen zum Ausdruck. Wer daher achtsam und einfühlsam zuhört, lernt sein Gegenüber kennen. Der Zusammenhang des Sprechens mit dem Ganzen der Persönlichkeit kommt in einem bekannten Zitat zum Ausdruck, das wir aus dem Altindischen kennen und das bisweilen dem Talmud zugeschrieben wird: „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worte, achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten, achte auf deine Taten, denn sie werden zu Gewohnheiten, achte auf deine Gewohnheiten, denn sie sind dein Charakter, achte auf deinen Charakter, denn der ist dein Schicksal.“ So wie wir denken und sprechen, so sind wir und so wird unser Schicksal sein. Denn das Schicksal ist nicht nur das äußere Geschehen, sondern wie wir dieses verarbeiten und was wir daraus machen. Bei dem griechischen Philosophen Heraklit finden wir daher den Satz, unser Charakter sei unser Schicksal.

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27.01.2023
Philosophische Matinee im Web

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

ich möchte nochmals auf die am kommenden Sonntag, den 29. Januar 2023, 10-12 Uhr, stattfindende philosophische Matinee im Web mit mir als Interview- und Diskussionspartner hinweisen. Thema ist "Liebe und Lebensfreude". Das Thema ist Gegenstand meines neuen Buchs "Die Weisheit der Liebe. Eine Philosophie der Lebensfreude", das im April erscheinen wird. Hier die Ankündigung von Nadine, die diese Matinee veranstaltet (www.nomadicspace33.com):

"Die philosophische Matinee besteht aus zwei Teilen. Die erste Stunde werde ich mit Dr. Kitzler im Gespräch sein und ihn einladen, zu einigen Punkten rund um das Thema 'Liebe und Lebensfreude' Stellung zu nehmen. Der zweite Teil der Matinee wird die Form eines Open Space haben, in dem TeilnehmerInnen Fragen stellen oder Gesagtes kommentieren können.

Anmeldung und Fragen an nomadicspace33@gmail.com oder +0043 680 5040562.
Der Beitrag für das Event beträgt zwischen EUR 10 und EUR 20, das heißt Du kannst selbst entscheiden, welchen Beitrag du gern geben möchtest."

Ich freue mich über eine rege Beteiligung.

Herzliche Grüße

Euer

Albert Kitzler

27.01.2023
Menander #5

Erziehung ist es, die am Ende alle zähmt.

Dieser Ausspruch Menanders dürfte sich auf die Erziehung der Kinder, aber auch auf die Selbsterziehung des erwachsenen Menschen beziehen. Nicht nur Kinder müssen lernen, ihre seelischen Kräfte in den Griff zu bekommen und zu steuern, um „Herr im eigenen Haus“ zu werden und ihr Leben später aus der eigenen Mitte heraus entsprechend ihren ganz eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Dies ist eine lebenslange Aufgabe. Solange wir noch nicht frei sind von belastenden, leidvollen Affekten wie Zorn, Ärger, Wut, Angst, Sorgen, Neid, Eifersucht, Missgunst, Unausgeglichenheit, innere Unruhe, übermäßige Trauer etc., solange wir wesensfremde Prägungen und Fremdeinflüsse noch nicht erkannt und aufgearbeitet haben gibt es immer etwas zu tun, um seelisches Leiden und Unwohlsein zu reduzieren und die Lebensfreude zu mehren.

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26.01.2023
Menander #4

Um zu ermahnen, sind wir alle klug genug.

Eine etwas wörtlichere Übersetzung dieses Ausspruchs Menanders könnte lauten: „Wir alle sind Weise, wenn es ans Ermahnen geht.“ Alle Weisheitstraditionen der Antike haben bemerkt, dass wir schnell bei der Hand sind mit Kritik, Herabsetzung oder Verurteilung anderer, uns aber schwer tun, uns aufrichtig und schonungslos Rechenschaft über unser eigenes Verhalten zu geben. Dabei ist genau das der Anfang des Philosophierens, d. h. des guten und gelingenden Lebens, wie ein griechischer Philosoph bemerkte. Denn dieses beruht auf kontinuierlicher und fortschreitender Selbstkultivierung, mithin auf dem Abbau von Fehlern und schlechten Gewohnheiten und wachsenden Lebensweisheit. Es ist nicht nötig, ständig die gleichen Fehler zu wiederholen oder sich den besseren Einsichten zu verschließen, die aus zunehmender Lebenserfahrung geschöpft werden können. Aber dazu müssen wir das Gelernte auch umsetzen.

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25.01.2023
Menander #3

Den schlechten Menschen verfolgt das Unglück selbst im Glück.

Einen „schlechten“ Charakter zu haben ist Ausdruck eines ungelösten innerseelischen Problems oder Defizits, einer „Seelenkrankheit“, wie die alten Griechen sagten. Zwar mag z.B. der rücksichts- und skrupellose Egoist in äußeren Dingen „Erfolg“ haben und sich gegenüber anderen durchsetzen. Aber weder löst er damit seine inneren Probleme noch befriedigt er seine tiefste Sehnsucht, nämlich die nach wärmender, nährender, tragender und erfüllender Gemeinschaft, mit anderen Worten: die nach Liebe und verbindender Resonanz. Diese Sehnsucht ist ihm häufig gar nicht bewusst. So gerät er ich immer weiter in seelische Armut und emotionale Isolation. Das dürfte die Erkenntnis sein, die sich hinter dem zitierten Ausspruch des Menander verbirgt.

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24.01.2023
Menander #2

Undankbar ist, wer, wenn’s ihm gut ergeht, vergisst.

Manchen Menschen steigt der Erfolg zu Kopf. Geht es ihnen gut, halten sie ihr Glück für selbstverständlich; fällt ihnen unverhofft etwas zu, denken sie, es verdient zu haben; für Wohltaten vergessen sie den Dank. Geht es aber einmal schlecht, da sind der Ärger und das Wehklagen groß. Solchen Menschen fehlt das Bewusstsein für die Fragilität und Vergänglichkeit von allen Dingen und Verhältnissen sowie für die Launenhaftigkeit des Schicksals. In maßloser Selbstüberschätzung haben sie nicht gelernt, dass morgen alles ganz anders sein kann. Es mangelt an Demut, Bescheidenheit und Dankbarkeit, die eine reiche Quelle der Lebensfreude sind und einen gegen Schicksalsschläge resilient machen. An all das dürfte Menander gedacht haben, als er den einleitenden Vers dichtete. Der chinesische Philosoph Menzius drückte es einmal so aus: „Der Weise vergisst nie, dass er eines Tages in einem Straßengraben enden kann.

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23.01.2023
Menander #1

Du bist ein Mensch, so denk allein, was menschlich ist!

Der bis heute bekannte Ausspruch „Nichts Menschliches ist mir fremd“ stammt von dem römischen Komödiendichter Terenz. Man vermutet aber, dass er ihn aus einer verloren gegangenen Komödie des griechischen Dichters Menander übernommen hat, von dem er stark beeinflusst war. Dieser lebte 150 Jahre vor ihm. Er schrieb über 100 Komödien, von denen aber nur eine einzige nahezu vollständig überliefert ist, weitere nur in Bruchstücken. Eines dieser Bruchstücke ist das einleitende Zitat. Dazu passt ein weiteres: „Dass du ein Mensch bist, sei dir jeder Zeit bewusst!“ Menander rät zum einen davon ab, über Dinge nachzudenken, die nicht zur menschlichen Lebenswelt gehören. Vielleicht meinte er, dass wir dazu nicht die angemessenen Erkenntnismittel haben, dass wir also nur erkennen können, wozu uns unser spezifisch menschlicher Wahrnehmungs- und Denkapparat befähigt. Darüber hinauszudenken sei fruchtlose Spekulation. Das würde an den Ausgangspunkt der Kantschen Vernunftkritik erinnern. Zum anderen ruft uns Menander dazu auf, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, insbesondere ihre Schwächen zu verstehen und zu erkennen, dass auch wir nicht frei von solchen Schwächen sind. Das macht uns milde, verständnisvoll und bereit zu verzeihen. Eine solche Haltung vermeidet Ärger und Zorn über Dinge, die „doch nur allzumenschlich sind“, und fördert so unsere Gelassenheit.

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22.01.2023
Wagenlenker #8

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

vor etwa 120 Jahren wurde in Delphi eine gut erhaltene Bronzestatue eines Wagenlenkers gefunden, eine von nur sieben erhaltenen Originalbronzestatuen aus dem alten Griechenland. In der vergangenen Woche habe ich versucht, Ihnen die Bedeutung des Bildes vom Wagenlenker für die Lebensführung näher zu bringen. Im Museumsladen des Archäologischen Nationalmuseums in Athen sah ich vor drei Jahren eine originalgetreue Kopie des Wagenlenkers, die für 5.000 € zzgl. Transportkosten (ca. 1.400 €) käuflich zu erwerben ist (Größe ca. 1,80 m).

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Im "Haus der Weisheit" in Reit im Winkl gibt es in dem Raum, in dem die Symposien (gemeinsame Essen) stattfinden, einen kleinen Sockel. Auf diesem würde der Wagenlenker den Raum aufs Schönste schmücken und versinnbildlichen, was wir von den antiken Weisheitstraditionen lernen können. Einige Freunde der Schule haben durch Spenden den Grundstein für den Erwerb dieser Skulptur gelegt. Wer sich an den Kosten für die Anschaffung und den Transport des Wagenlenkers beteiligen möchte, kann dies durch eine Spende auf folgendes Konto tun:

MASS UND MITTE
Münchner Bank eG
IBAN: DE58 7019 0000 0002 5719 35
BIC: GENODEF1M01

MASS UND MITTE ist ein anerkannter gemeinnütziger Verein, so dass die Spenden steuerlich absetzbar sind. Bei Spenden bis 200 € reicht dafür der Überweisungsbeleg. Für höhere Spenden sende ich gerne eine Spendenquittung zu.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Albert Kitzler

22.01.2023
Wagenlenker #7

Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen.

Der chinesische Philosoph Wang Fu sieht die Aufgabe des Menschen darin, die in ihm selbst vorhandenen polaren Kräfte nach dem Vorbild der Natur in einen Ausgleich zu bringen. Unter anderem bedient auch er sich der Metapher des Wagenlenkers, wenn er schreibt:

„Der Himmel nimmt seinen Ursprung im Yang – im männlichen Prinzip; die Erde nimmt ihren Ursprung im Yin – im weiblichen Prinzip; der Mensch nimmt seinen Ursprung im harmonischen Zusammenstrom der Kräfte von Himmel und Erde. Diese drei Wesenheiten haben verschiedene Wirkungsweisen, und doch erfüllen sie ihre Aufgaben in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander … Das Handeln des Menschen besteht darin, die Yin- und Yang-Kräfte nutzend zu durchdringen und dadurch Werke zu schaffen. Dass der Mensch in seinen Handlungen die Kräfte von Himmel und Erde in Bewegung zu versetzen vermag, könnte man beispielsweise so auffassen wie das Lenken eines Viergespanns oder das Steuern eines überdachten Schiffes. Wird der Mensch auch von dem Fahrzeug getragen, vom Dach des Schiffes überdeckt, wie Erde und Himmel ihn tragen und überdecken, so hängt es doch von ihm ab, wohin der Wagen oder das Schiff fährt … Darum heißt es auch im ‚Buch der Dokumente’: Die Taten des Himmels werden stellvertretend vom Menschen getan. Das bedeutet, dass der Mensch durch ein richtiges Ordnen seiner Angelegenheiten die Harmonie der Kräfte des Himmels bewirken und dadurch verdienstvolle Werke vollbringen kann…“

Wie in der Natur so arbeiten auch in unserer Seele polare Kräfte, die notwendig zu aller Lebendigkeit gehören. Sie ermöglichen Bewegung, Entwicklung, Wachstum, Reife, Entstehen und Vergehen. Andernfalls gäbe es nur Starre und Tod. Aber wir müssen diese mächtige innere Bewegung austragen und aushalten. Hier nicht die Kontrolle zu verlieren und zum bloßen Spielball dieser Kräfte zu werden, verlangt eine beherzte, entschlossene, weise und kraftvolle Selbststeuerung. Dann aber kann dieser „Kampf“ zu einem Fest der Freude werden, so dass wir am Ende sagen, das Leben war schön. Dann werden wir erhobenen Hauptes von dieser Welt gehen … wer weiß schon wohin.

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21.01.2023
Wagenlenker #6

Wenn du kühn im Wagen stehst und vier neue Pferde wild unordentlich sich an deinen Zügeln bäumen, du ihre Kraft lenkst, den austretenden herbei, den aufbäumenden hinabpeitschest, und jagst und lenkst und wendest, peitschest, hältst und wieder ausjagst, bis alle sechzehn Füße in einem Tackt ans Ziel tragen – das ist Meisterschaft.

Der Satz findet sich in einem Brief des 23-jährigen Goethe an Herder. Auch Goethe mochte dieses eindringliche Bild von der Beherrschung und Steuerung der wilden Pferde der eigenen Seele. Es klingt hier drastisch, fast martialisch. Aber insbesondere in seinen jungen Jahren hat Goethe es manchmal unter großem seelischen Schmerz durchlitten und wusste, wie schwer dieser Kampf sein kann. Parallelen drängen sich auf zu der allegorischen Deutung des Kriegs Arjunas gegen seine eigenen Verwandten in dem indischen Nationalepos Mahabharata oder der Tötung der Freier durch den heimgekehrten Odysseus, der einen letzten fürchterlichen Kampf bestehen muss, um sein Eigenstes, seine Frau und Familie, zurückzuerobern und wieder „Herr im eigenen Haus zu werden“.

Goethe verwendet dieses Bild gleich mehrmals in seinem literarischen Werk. So lauten die Schlussworte von „Dichtung und Wahrheit“:

„Kind, Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefasst, die Zügel festzuhalten, und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Räder abzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woher er kam.“

Wer sich selbst erkennen und leben will, der braucht tiefe, aufrichtige Blicke in die eigene Seele und starke Selbststeuerungskräfte: Mut, Entschlossenheit, Selbstvertrauen und Beharrlichkeit.

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20.01.2023
Wagenlenker #5

Wenn der Geist undiszipliniert ist, laufen die Sinne hierhin und dorthin wie wilde Pferde.

Auch im alten Indien stoßen wir auf das Bild des Wagenlenkers zur Verdeutlichung des Verhältnisses von sinnlichen Begierden und den Selbststeuerungskräften. In den Upanishaden, dem philosophischen Teil der Veden, finden wir nachfolgende Stelle. Zuvor wird zwischen dem Ego, das ganz den sinnlichen Lüsten verfallen ist, und dem Selbst unterschieden:

„Verstehe das Selbst als den Herrn des Wagens,
den Körper als den Wagen selbst,
den urteilsfähigen Verstand als Wagenlenker
und den Geist als die Zügel.
Die Sinne, sagen die Weisen, sind die Pferde;
eigennütziges Begehren sind die Strecken, die sie zurücklegen.
Wenn das Selbst, der Atman, mit dem Körper, dem Geist
und den Sinnen verwechselt wird – so heben Sie hervor –,
scheint er Lust zu genießen und Kummer zu erleiden.
Wenn jemandem Urteilsvermögen mangelt
und sein Geist undiszipliniert ist, laufen die Sinne
hierhin und dorthin wie wilde Pferde.“

Atman“ ist nach indischer Auffassung der Gott oder das Göttliche in der eigenen Seele. In dem Zitat klingt die Philosophie des Yoga an. Das Sanskritwort Yoga leitet sich ab von yuga „Joch“ und hat die Bedeutung von anjochen, zusammenbinden, anspannen und anschirren („yuj“). Ein wichtiges Ziel des Yoga ist die Beherrschung von Körper und Geist.

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19.01.2023
Wagenlenker #4

Ein guter Lenker ordnet seine Haltung und faßt die Zügel zusammen, bringt die Kraft der Pferde ins Gleichgewicht und den Willen der Pferde in Harmonie und das Gespann geht nur dahin, wohin er es lenkt.

Die Worte stammen aus dem „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche“ (Liji), einem der wichtigsten Weisheitstexte aus dem alten China, der stark konfuzianisch geprägt ist oder sogar von ihm selbst aus älteren Quellen zusammengestellt und redigiert wurde. Weiter heißt es dort:

„Und wenn er auch einen langen Weg nimmt und eine weite Reise macht, er kommt an, und er kann sie lenken, so schnell er will. … Die Wagenlenker haben alle Pferde und Wagen, aber manche machen tausend Meilen, manche ein paar hundert Meilen. Sie unterscheiden sich darin, ob sie vorwärts- oder zurückkommen, langsam oder schnell vorankommen.“

Der Text bezieht sich in erster Linie auf die Art, wie ein Staat geleitet werden sollte. Vieles spricht aber dafür, dass auch die persönliche Lebensführung gemeint ist. Je besser der Mensch seine innerseelischen Kräfte, Emotionen und Energien, die positiven, freudvollen, kreativen wie die negativen, leidvollen, hemmenden beherrscht, lenkt und für seine Lebensziele einzusetzen vermag, umso reifer wird seine Persönlichkeit. Entscheidend ist der Grad der innerseelischen Ausgeglichenheit (die Harmonie von Pferden und Lenker) und der Fähigkeit, sein eigener Wagenlenker zu sein, um mit Sigmund Freud zu sprechen: „Herr im eigenen Haus“ zu werden.

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18.01.2023
Wagenlenker #3

Der Engel in der Brust muss wachsen,  das vielköpfige Ungeheuer in einem aber gezähmt werden.

Platon entwarf ein berühmtes Bild von der Seele und deutete an, wie man mit ihr umgehen sollte, wenn man ein glückliches Leben führen wolle. In einem Dialog heißt es:

„So stelle dir die Gestalt eines mannigfach zusammengesetzten und vielköpfigen Ungeheuers vor, das rundum Köpfe von teils zahmen, teils wilden Tieren hat, und dabei im Stande ist, sich in alle diese Tiere zu verwandeln und auch alle diese Tiere aus sich zu erzeugen. ... Wolle man gerecht handeln, so müsse man in Tat und Wort sich so betragen, dass dadurch der Engel der Brust immer kräftiger werde und dass auf die Zähmung jenes vielköpfigen Ungeheuers viel Sorgfalt verwendet werde, indem man dem Ackerbauer gleich die guten Triebe nährt und pflegt, die wilden am Emporwuchern hindert, mutig und entschlossen für die Bildung aller Seelenbestandteile zusammen Sorge trägt, sie untereinander sowohl wie mit sich selbst befreundet und in diesem Zustand erhält.“

In seinem Hauptwerk, der „Staat“, aus dem das Zitat stammt, weist er auf die Parallelen hin, die zwischen einem gut geführten Staat und dem richtigen Umgang mit den eigenen Seelenkräften bestehen. Glücklich wird das Leben dann, wenn man sich selbst gerecht wird und die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse und Kräfte in der Seele in einen harmonischen Ausgleich bringt. Unter ihnen darf es weder Zwiespalt noch ungelöste Konflikte geben. Man muss sich annehmen, wie man ist, aber jedem „Seelenteil“ nur soviel Raum im Leben geben, dass „Seelenfrieden“ herrscht und man sich „in seiner Haut wohl fühlt“. Dazu muss man das Übermütige in einem zähmen, das Zaghafte aber antreiben. Den Talenten, Begabungen und wohltuenden Impulsen muss man nachgehen, die negativen, belastenden und schädlichen Affekte aber beherrschen und möglichst klein halten.

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17.01.2023
Wagenlenker #2

Der Gewöhnungsprozess geht vor sich vermittels häufigen, in bestimmter Art erfolgenden Bewegtwerdens.

So beschreibt Aristoteles das Einüben und Verinnerlichen von praktischen, „ethischen“ Tugenden, die in erster Linie in einer Tätigkeit oder einem Verhalten bestehen, wie das gerechte, besonnene und fürsorgliche Handeln. („Verstandestugenden“ wie Vernunft und Weisheit lernen wir dagegen durch Belehrung.) Wie sein Lehrer Platon in seinem Bild vom Wagenlenker, ging Aristoteles davon aus, dass man diese Tugenden nur erwerbe, indem wir die „irrationalen Seelenelemente“ (die Pferde) durch häufiges Einüben dahin bringen, dass sie ohne weiteres der Vernunft (dem Wagenlenker) gehorchen. Das war für Aristoteles Charakterbildung, denn der Charakter sei zum größten Teil die Summe der Gewohnheiten eines Menschen:

„Daher soll gelten: der Charakter ist eine Beschaffenheit des irrationalen Seelenelementes, das in der Lage ist, nach Maßgabe des befehlenden rationalen Seelenelements ( Vernunft) dem Rationalen zu folgen.“

Eine tugendhafte, gute und weise Lebensführung, die zu einem glücklichen Leben führt, ist uns nach Aristoteles nicht von der Natur mitgegeben, sondern wir müssen sie uns durch Selbsterziehung und Selbstkultivierung erst erwerben. Wir machen uns zu guten Menschen, indem wir das Gute, Richtige und jeweils Angemessene tun und immer wieder tun, bis daraus eine feste innere Haltung geworden ist. So werden wir ein erfülltes, sinnvolles und glückliches Leben führen.

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16.01.2023
Wagenlenker #1

Da kommt es ihr (der Denkkraft) zu, nunmehr wie ein Wagenlenker das Gespann der zusammen aufgewachsenen Rosse, der Begierde und des Gefühls, zu regieren und zu beherrschen.

Der Stoiker Poseidonios nimmt hier ein altes Bild auf, das wir zuerst bei dem griechischen Dichter Pindar und dann in philosophischer Bedeutung bei Platon finden. Danach entspricht es der Weisheit, dass die Vernunft, wie ein Wagenlenker seine Rosse, die irrationalen Seelenteile, Gefühle, Begierden und Triebe zügelt und lenkt, um sie davon abzuhalten, uns zu schädigen. Denn wenn wir jedem inneren Impuls ungeprüft folgen, werden wir leiden. Wenn wir dagegen unsere Seelenkräfte beherrscht steuern, werden sie uns zu nachhaltiger Freude und zur Erfüllung unserer Anlagen führen, d.h. zu einem Leben, dass wir als sinnvoll und beglückend empfinden, weil wir ganz uns selbst und aus unserer eigensten Mitte heraus leben. Poseidonios fährt fort:

„Sie (Pferde, d. h. Begierde und Gefühle) sollen weder zu stark noch zu schwach, weder zu langsam noch zu stürmisch, nicht unfolgsam, zügellos und übermütig, sondern willig werden, in allem dem vernünftigen Denken zu folgen und zu gehorchen. Die Erziehung hierzu und die sittliche Tüchtigkeit beruht auf der Erkenntnis der Natur der Dinge wie die des Wagenlenkers auf der Theorie des Wagenlenkens. Denn in den unvernünftigen Kräften der Seele kann kein Wissen entstehen, sowenig als in den Rossen, sondern diesen wird die Ihnen eigene Tüchtigkeit durch eine Art unbewusster Gewöhnung zuteil, dem Wagenlenker dagegen durch vernünftige Belehrung.“

Dass wir die irrationalen Seelenteile nur durch „eine Art unbewusster Gewöhnung“ steuern und lenken können besagt, dass wir die richtige Einsicht nur nach einem Prozess des kontinuierlichen Einübens auch umsetzen und leben. Nur wenn wir eine Einsicht lange genug eingeübt haben, wird sie verinnerlicht und zu einer festen Gewohnheit und Haltung, zu einem Denk- und Handlungsmuster. So werden wir in jedem Moment danach handeln, ohne dass wir darüber noch einmal nachdenken müssen. Die Einsicht ist in „Fleisch und Blut“ übergegangen. Das verdanken wir dem Wagenlenker in uns, der Vernunft und Weisheit.

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15.01.2023
Sokrates #7

Mein Guter, bleibe mit dir selbst nicht unbekannt, verfalle nicht in den Fehler, den die meisten machen!

Sokrates, von dem die Mahnung stammt, fährt fort:

„Denn die große Menge neigt dazu, die Leistungen der anderen zu beobachten und vergisst dabei, sich selbst zu prüfen. Versäume also das ja nicht, sondern strenge dich vielmehr an, auf dich selbst achtzugeben.“

Die Achtsamkeit auf sich selbst und die Sorge um eine ausgeglichene und – wie die Griechen sagten – „schöne“ Seele, die mit sich im Reinen ist und die Werte für ein gutes und glückliches Leben verinnerlicht hat, waren die zentralen Forderungen der sokratischen Ethik. Sokrates war überzeugt davon, dass man auch für die Gemeinschaft und für ein friedliches und fürsorgliches Miteinander nichts Besseres tun könne. Denn aller Friede im kleinen Kreis wie in der Welt geht von dem Frieden und dem Wohlbefinden in der Seele des Einzelnen aus. Herrschen in seinem Innern Streit und ungelöste Konflikte, kommt auch das Miteinander nicht zur Ruhe. Konfuzius und Buddha waren nicht die einzigen, aber die prominentesten Denker der Antike, die hierin mit Sokrates übereinstimmten.

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14.01.2023
Sokrates #6

Reich möge mir dünken, wer weise ist. An Goldes Last nur so viel, wie ich gemütlich zu tragen vermag.

Bei Platon lesen wir folgendes Gebet des Sokrates:

„Lieber Pan du, und alle ihr anderen Gottheiten dieser Stätte, möchtet ihr mir verleihen schön zu werden im Innern; und dass all mein äußerer Besitz den inneren Eigenschaften nicht widerstreitet. Reich möge mir dünken, wer weise ist. An Goldes Last möge mir soviel zuteil werden als nur eben der Verständige zu heben und zu tragen vermöchte.“

Schön zu werden im Innern“ meint, dass man sein Seelenleben aufräumt und von negativen Affekten reinigt. Schönheit steht für richtige Proportion und rechtes Maß, der „goldene Schnitt“ quasi, der die häufig gegenläufigen Seelenkräfte in eine friedliche Harmonie bringt, „untereinander befreundet macht“, wie Platon sich an anderer Stelle ausdrückt. Wir würden heute von innerer Ausgeglichenheit, Seelenruhe oder einer Grundstimmung heiterer Gelassenheit sprechen. Sie entsprach der griechischen Vorstellung von einem gesunden und glücklichen Seelenzustand. Der zweite Teil des Zitats besagt, dass großer Besitz ein Hindernis sein kann, eine solche Seelenruhe zu erlangen. Zuträglicher ist Bescheidenheit.

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13.01.2023
Sokrates #5

Glücklich ist, wer gemeinsam mit Freunden die Weisheiten der Alten liest und mit ihnen darüber spricht.

Das war offenbar die Meinung des Sokrates. In seinen „Erinnerungen an Sokrates“ gibt sein Schüler Xenophon folgende Worte seines Lehrers wieder:

„»Wie sich ein anderer an einem guten Pferd oder Hund oder Vogel freut, so freue ich mich noch viel mehr an guten Freunden. Habe ich etwas Gutes gefunden, so belehre ich sie, und ich empfehle sie anderen, bei denen sie nach meiner Auffassung für ihre Jugend gewinnen können. Auch die Kostbarkeiten der früheren weisen Männer, welche jene schriftlich hinterlassen haben, rolle ich mit den Freunden zusammen auf, und ich gehe sie durch, und wenn wir etwas Gutes sehen, nehmen wir es heraus; wir halten es für einen großen Gewinn, wenn wir so einander befreundet werden.« Als ich (Xenophon) dies hörte, schien mir Sokrates glücklich zu sein und auch die Zuhörer zum Schönen und Guten hinzuleiten.“

Dass sich Sokrates nur auf die Schriften weiser Männer bezieht, liegt daran, dass es zu dieser Zeit – soweit bekannt – keine Bücher weiser Frauen gab. Weise Frauen dagegen gab es sehr wohl. So gibt Sokrates an anderer Stelle wieder, was er von der „weisen Diotima aus Mantineia“ gelernt hat. Bemerkenswert ist ferner, dass in der Mythologie der Griechen die Weisheit von zwei weiblichen Gottheiten personifiziert wird: Die eine war die Metis, die dem Zeus, nachdem er sie aufgefressen (d.h. verinnerlicht) hatte, aus dem Bauch heraus weise Ratschläge erteilt. Die zweite, Pallas Athene, entsprang dem Kopf des Zeus, „vollgerüstet“, wie es heißt. Damit dürfte gemeint sein, dass neben dem Bauch das Denken eine Quelle der Weisheit ist. Gut gerüstet schützt es vor den Widrigkeiten und Anfeindungen des Lebens.

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12.01.2023
Sokrates #4

Erkenne Dich selbst!

Nachdem dieser Ausspruch schon lange in der Vorhalle des Apollontempels in Delphi eingraviert war, um die Gläubigen an ihr beschränktes Menschsein zu erinnern und zur Demut anzuhalten, rückte Sokrates diesen Ausspruch in das Zentrum seines Philosophierens. Zur Begründung sagte er:

„Ist es nicht offensichtlich, dass die Menschen am meisten Gutes dadurch erfahren, dass sie sich selber kennen, am meisten Schlechtes aber dadurch, dass sie sich in sich selbst täuschen? Denn die, welche sich selber kennen, wissen, was für sie gut ist, und sie können unterscheiden, was sie bewältigen können und was nicht. Indem sie sich mit dem befassen, was sie verstehen, befriedigen sie ihre Bedürfnisse, und es geht ihnen gut; indem sie auf das verzichten, was sie nicht verstehen, unterlaufen ihnen keine Fehler und sie geraten nicht in eine missliche Lage. Indem sie deshalb auch die anderen Menschen richtig einzuschätzen vermögen, verschaffen Sie sich mit ihrer Hilfe gute Dinge, und sie hüten sich vor den schlechten. Diejenigen aber, welche sich nicht selbst kennen, sondern sich in ihrer Brauchbarkeit täuschen, verhalten sich dementsprechend gegenüber den andern Menschen und den menschlichen Dingen, und sie wissen nicht, was sie nötig haben, noch was sie tun sollen, noch wen sie in Anspruch nehmen sollen, sondern sie täuschen sich in allem, sie verfehlen das Nützliche und geraten ins Übel.“

Als ein Beispiel für den Nutzen der Selbsterkenntnis nennt Sokrates u.a., dass man erkennt, was man „bewältigen“ kann und was nicht. Wie relevant dies bis zum heutigen Tag ist, sieht man daran, dass nicht wenige Menschen krank werden, weil sie sich ständig mehr aufbürden, als ihrer mentalen und körperlichen Gesundheit und ihrem Wohlbefinden zuträglich ist.

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11.01.2023
Sokrates #3

Es gibt kein größeres Gut als das Wissen (die Einsicht in das Wesen des Guten) und, wo dieses vorhanden ist, da siegt es über die Lust und über alles andere; ihr aber behauptet, die Lust besiege oft auch den wissenden Menschen.

Mit „Lust“ ist eine solche gemeint, die am Ende mehr schadet als nutzt. Sokrates war der Auffassung, wenn man etwas wirklich wisse, dann handele man auch danach. Dieser „Intellektualismus“ wurde bereits in der Antike kritisiert. Sokrates hatte aber ein Wissen im Blick, das so sehr verinnerlicht und in „Fleisch und Blut“ übergegangen ist, dass es selbstverständlich ist, auch so zu handeln. Jeglicher innerer und äußerer Widerstand trete hinter einem solchen Wissen, das mit fester Entschlossenheit und Durchsetzungswillen verbunden ist, zurück. Dann aber sind Wissen und Tugend dasselbe. Sein Schüler Xenophon beschreibt die Auffassung seines Lehrers wie folgt:

„Zwischen Wissen und Besonnenheit machte er keinen Unterschied, er war vielmehr der Meinung, dass der Kenner des Schönen und Guten sein Leben auch dementsprechend führe und sich von dem Schändlichen in acht nehme. Fragte man ihn dann, ob er diejenigen sowohl für weise als auch für besonnen und beherrscht halte, welche trotz ihres Wissens um das, was zu tun ist, das Gegenteil davon tun, so sagte er: »Ich halte diese für nichts anderes als für Unweise und Unbeherrschte. Denn ich glaube, dass alle im Bereich des Möglichen das tun, was sie als das Vorteilhafteste für sich ansehen. So halte ich eben dafür, dass die, welche nicht richtig handeln, weder weise noch besonnen sind.«“

Wenn wir heutzutage hören, die Menschen wissen es besser, aber tun es nicht, so wäre dieses Wissen für Sokrates ein bloßes Schein- oder Halbwissen.

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10.01.2023
Sokrates #2

Das Wort eines weisen Menschen darf man nicht einfach wegwerfen, sondern man muss es darauf ansehen, ob damit nicht wirklich etwas gesagt sei.

Manchmal verstehen wir nicht auf Anhieb, was uns jemand sagen will oder verwerfen es, weil wir sehr schnell mit unseren Vorurteilen sind oder starr an unserer abweichenden Meinung festhalten. Sokrates empfiehlt, jedenfalls dann vorsichtiger zu sein, unsere Meinung zurückzustellen, lieber einmal nachzufragen und die Antwort möglichst objektiv zu erwägen, wenn wir mit jemanden sprechen, von dem wir wissen oder glauben, dass er sehr viel weiß, viel Erfahrung hat oder viel über das Leben nachgedacht hat. Häufig verhalten sich die Dinge bei genauerer Betrachtung anders, als wir bisher geglaubt haben. Sokrates ging in der Ablehnung von vorgefassten Meinungen und Glaubenssätzen so weit, von sich selbst zu behaupten, er wisse gar nichts: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Dies ist seither der Standpunkt der Philosophie: das Fragen. Wir lernen nur durch kluges Fragen, nicht durch vorschnelles Antworten. Wer aber nicht dazulernt, kann sich nicht weiterentwickeln. Schon Kleobulos von Lindos, einer der „Sieben Weisen“, empfahl daher: „Achtsam zuhören und nicht viel reden!“

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09.01.2023
Sokrates #1

Weisheit ist Glück, denn sie lehrt uns, in jeder Lage das Richtige zu treffen.

Man hat Sokrates den Vater der abendländischen Philosophie genannt und hält ihn für einen seiner bedeutendsten Vertreter, obgleich er nie etwas geschrieben hat. Er hat sich ausschließlich mit der praktischen Philosophie beschäftigt, nämlich mit den Fragen, wie wir leben sollen und glücklich leben können. Dies war für ihn der eigentliche Gegenstand der Philosophie, der „Liebe zur Weisheit“. Aus diesem Grund geht er in dem bemerkenswerten Zitat so weit, Weisheit und Glück gleichzusetzen. Die im philosophischen Nachdenken gewonnenen Einsichten sollen uns helfen, solche Entscheidungen zu treffen und so zu handeln, dass wir das Gefühl haben, ein sinnvolles, glückliches und erfülltes Leben zu führen. Die ethischen Entwürfe in der Antike in Ost und West waren überwiegend sog. „Strebensethiken“. Sie gingen von dem aus, wonach die Menschen im tiefsten Innern ihrer Seelen streben, was das letzte Ziel ihres Handelns ist, hinter dem es kein weiteres Ziel mehr gibt. Auch in der Antike gab es bereits „Pflichtenethiken“, die nicht auf das Ziel unseres Handelns abstellten, sondern auf die Gesinnung und den Willen, die den Handlungen zugrunde liegen. Später war es vor allem Kant, der ausschließlich auf den guten Willen abstellte und das Motiv eines glücklichen Lebens als ethisches Kriterium verwarf.

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04.01.2023
Neuer Podcast: Epiktet (Philosophie der Stoa)