Worte der Weisheit

- PHILOSOPHIE TO GO -

DIE TÄGLICHEN
“WORTE DER WEISHEIT”

Jeden Morgen verschickt Albert die “Worte der Weisheit” zu einem wöchentlich wechselndem Thema. Dabei interpretiert er jeweils ein philosophisches Zitat.
16.06.2024:
Nagarjuna

Gewöhnt euch jene Mängel ab, die ihr an anderen kritisiert.

Der Buddhismus ist eine sehr friedliebende Weisheitslehre. Sie zielt darauf ab, das eigene Seelenleben zu einem solchen Grad von Gleichmut, Ausgeglichenheit, innerer Ruhe und liebender Güte zu entwickeln, dass Gefühle von Aggression und Feindseligkeit erst gar nicht entstehen. Insoweit wurzelt sie in der sehr alten indischen Lehre der „Ahimsa“ (Gebot der Gewaltlosigkeit). Im folgenden Zitat gibt Nagarjuna einige Übungen an, wie wir unsere Haltung zu anderen Menschen verändern können. Nach dem einleitenden Zitat heißt es:

„Treibt (in der Diskussion) den Angriff nicht zu weit.
Sprecht über andere nicht in böser Absicht.
Setzt euch vielmehr still für Euch mit Euren Fehlern auseinander.
Reißt in Euch vollkommen jene Mängel aus,
die der Weise an anderen Wesen beklagt.
Dann werdet Ihr durch Euren Einfluss
andere dazu bringen, dasselbe zu tun.
Betrachtet den Schaden, den andere Euch zufügen,
als Frucht Eurer früheren Taten und vermeidet so Ärger.
Handelt so, dass kein künftiges Leid mehr entsteht:
Auf diese Weise werden all Eure Fehler verschwinden.“

Dass der Schaden, den andere uns zufügen, als ein Ergebnis unseres früheren Handelns angesehen werden soll, beruht auf einer anderen altindischen Auffassung, der Lehre vom Karma. Danach hat jedes Handeln noch über Generationen hinweg Folgen. Diese Auffassung ist eng verbunden mit der Lehre von der Wiedergeburt, wonach jeder Mensch eine lange Kette von körperlichen Erscheinungen durchläuft, in denen er jeweils mit den Folgen von Handlungen aus seinem früheren Leben konfrontiert wird. Aufgabe seines Lebens ist es, das „schlechte Karma“ immer weiter abzubauen, bis es ganz verschwunden sind und das Rad der Wiedergeburten zum Stillstand gekommen ist.

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Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen.

15.06.2024:
Nagarjuna

Setzt die Wahrheit in die Tat um, um Euch und anderen zu helfen!

Wie andere weise Lehrer machte auch Nagarjuna die Erfahrung, dass man häufig wie gegen Wände redet. Zwar wird die Botschaft gehört und ihre Wahrheit nicht bezweifelt. Aber entweder wird sie nicht richtig verstanden oder nicht tief genug verinnerlicht. Jedenfalls wird sie nicht umgesetzt. Daher sei es wichtig, wie, mit welchen Worten, wann, in welchem Augenblick und unter welchen Umständen etwas mitgeteilt wird, damit man den anderen erreicht und die notwendige Entschlossenheit ausgelöst wird, das Gehörte auch umzusetzen. Man muss sich bemühen, wie Seneca es nannte, „der Seele einen Schwung zu geben“. Wiederholungen oder Variationen desselben Gedankens sind daher bei der Vermittlung von Lebensweisheiten kein Fehler. Nagarjuna schreibt:

„Der Überweltliche Sieger (Buddha) lehrte, dass man Schülern die Wahrheit
im rechten Moment und voller Mitgefühl aufzeigen müsse,
damit sie ihren Sinn erfassen und sie als heilsam und annehmbar erkennen.
... wenn wahre Worte sanft gesprochen werden,
sollten sie ihrem Zweck entsprechend vernommen werden, ...
Setzt es in die Tat um, um Euch und anderen zu helfen!“

Nagarjunas Ratschlag hat große praktische Bedeutung auch im persönlichen Umgang mit nahen Menschen, die man zu einer Änderung ihres Denkens, Wollens oder Verhaltens bewegen möchte.

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14.06.2024:
Nagarjuna

Weise ist, wer weiß, was gut für ihn ist und danach handelt.

Dem folgenden Ausspruch Nagarjunas hätte Sokrates, der das „Erkenne Dich selbst!“ in das Zentrum seiner Philosophie gestellt hatte, ohne Einschränkung zugestimmt, denn es finden sich bei ihm nahezu gleichlautende Formulierungen:

„Wer alle Taten von Körper, Rede und Geist
gründlich untersucht hat
und erkennt, was ihm selbst und anderen nützt,
sowie seine Erkenntnis ohne Ausnahme in die Tat umsetzt,
der allein ist weise.“

Das „Erkenne dich selbst!“, das im altindischen Weisheitsdenken vielleicht noch bedeutsamer war als im griechischen, wird hier als das Wesen der Weisheit bezeichnet. Ebenso wichtig aber ist es, betont Nagarjuna, das durch Selbsterforschung gewonnene Wissen entschlossen und konsequent umzusetzen. Das ist der zweite essentielle Teil von Weisheit. Weisheit ist Wissen und Können. Wer viel weiß, ist noch nicht weise, nicht eher, als bis er dieses Wissen im täglichen Leben auch umsetzt. Weisheit ist die Kunst, richtig zu leben, nicht bloß zu wissen, wie das geht.

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13.06.2024:
Nagarjuna

Ich bin nicht. Ich werde nicht sein.

Eine zentrale These der altindischen Philosophie, die wir auch bei Nagarjuna finden, ist die Auffassung, dass es die Vorstellung von „Ich“ und „Mein“ ist, die das Leiden im Leben verursacht. Dieses „Ich“ steht im altindischen Denken für Selbstsucht, Abhängigkeit und Identifizierung mit äußeren Dingen und Verhältnissen, für Anhaftung und Verfallenheit an die Welt. Dieses Ego sei nur eine Vorstellung, existiere eigentlich nicht, sei bloßes Trugbild („Maja“) und nicht unser wahres Selbst, sagt Nagarjuna:

„’Ich bin nicht. Ich werde nicht sein.
Ich habe nicht. Ich werde nicht haben.’
Diese Aussagen erschrecken Menschen kindlichen Gemüts,
im Weisen aber löschen sie alle Furcht aus.
Er, der nur spricht, um den Wesen zu helfen (Buddha),
sagte einst, dass alle Wesen
aus der Vorstellung von einem Ich entstanden
und in der Vorstellung von einem ‚Mein’ befangen sind.
‚Es gibt ein Ich, es gibt ein Mein.’
Dies sind letztendlich falsche Ideen,
da sie nicht gegründet sind auf ein tiefgreifendes Verständnis der Wirklichkeit, wie sie ist.“

Wer wir sind und ob es so etwas wie ein „Selbst“ gibt, beschäftigt auch heute wieder die Philosophie. Die Frage ist keinesfalls rein theoretisch, sondern hat auch praktische Auswirkungen. Je weniger ichhaft wir in unserem Alltag denken, wollen und handeln, je weniger Bedeutung Besitz und Eigentum für unser Leben haben („Mein“), je mehr wir dem Geistigen, dem Ideellen, der Spiritualität Raum geben, umso weniger haften wir an Äußerlichkeiten und umso innerlich freier und gelöster können wir leben. Die Herabstufung der Bedeutung von äußerem Reichtum, Besitz und Stellung, die mit einer solchen Haltung verbunden ist, wird ersetzt durch inneren Reichtum und seelisches Wohlbefinden. Wir müssen dafür nicht ins Kloster gehen und können leben wir bisher. Allein auf die innere Haltung kommt es an, die gewinnt, je weniger ichbezogen wir denken und handeln.

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12.06.2024:
Neuer Podcast - Erstes Seminar in der Schweiz

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

in unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ ist eine neue Folge #104 zu hören. Es geht um  "Zwiespalt" und wie wir damit umgehen sollten.



„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust."
Goethe

Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu finden Sie auf der Website: www.pudel-kern.com

Ferner auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts gibt, u.a.:

https://linktr.ee/pudelkern

https://podcasts.apple.com/us/podcast/104-zwiespalt-wie-wir-mit-inneren-konflikten-und-widerspr%C3%BCchen/id1591918638?i=1000658700637

https://open.spotify.com/episode/1X7d8zexCveA7NW9ttsLnl

Wenn Ihnen der Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn bitte weiter. Über Anmerkungen und Rückfragen freuen wir uns.

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Wochenendseminar im Lasalle-Haus, Schweiz vom 04.-06. Oktober 2024

Aristoteles: Das gute Leben

Zeit: Freitag, 04.10., 18:00 h bis Sonntag, 06.10., 12:30 h
Thema: Aristoteles: Das gute Leben
Ort: Bad Schönbrunn, Schönbrunn 3, 6313 Edlibach, Schweiz
Unterkunft/Verpflegung/Seminargebühr: 697,- €
Anmeldung: Per E-Mail an massundmitte@gmx.de oder Anmeldeformular im Anhang

Mehr zu der Veranstaltung hier.

Herzliche Grüße

Euer

Albert Kitzler

12.06.2024:
Nagarjuna

Bemüht euch zuerst um rechte Übung.

Wie die meisten Weisen des Altertums erkannte auch Nagarjuna, dass der Weg zum Glück über eine kontinuierliche Arbeit an den eigenen Schwächen und Defiziten führt. Das braucht kein schweißtreibendes Abmühen zu sein, sondern sollte ohne Druck, dafür mit Leichtigkeit und Freude am Lernen und an der eigenen Weiterentwicklung getan werden. Es sollte von dem Wunsch getragen werden, glücklich und freudvoll zu leben. Dieser Weg beginnt damit, dass wir erkennen, welche Charaktereigenschaften, Schwächen oder Gewohnheiten im Denken, Wollen oder Handeln uns Probleme bereiten und verhindern, dass wir uns rundum wohl fühlen. Nagarjuna listet 57 solcher möglichen „Mängel“ auf. Hier eine kleine Auswahl:

„ … bemüht euch zuerst um rechte Übung.
Vervollkommnet euch im Bemühen um persönliche Befreiung,
indem ihr eifrig hört und die Bedeutung des Gehörten erkundet.
Sodann solltet ihr alles aufgeben,
was zu den verschiedenen Fehlern gehört.
Kraftvoll stemmt euch allem entgegen,
was zu den siebenundfünfzig besonderen Mängeln zählt.
Streitlust ist eine Störung im Geist.
Feindseligkeit ist ein Haften daran.
Täuschung bedeutet das Verschleiern übler Taten.
Die Böswilligkeit bedeutet, dass man an üblen Taten hängt.
Verstellung ist Betrug.
Falschheit ist Unehrlichkeit im Geist.
Eifersucht heißt, dass man sich an den guten Eigenschaften anderer stört.
Aufgeblasenheit bedeutet, keinen Respekt zu zeigen.
Mangelnde Gewissenhaftigkeit heißt, dass man die Tugenden nicht übt.
Mangelnder Gleichmut ist unbedachter Ärger,
der aus (geistigen und körperlichen) Krankheiten („Geistesgiften“) entsteht.
Anhaftung ist das Hängen
der Trägen an ihren schädlichen Eigenschaften.
Nicht in den eigenen Geist zu blicken bedeutet,
dass man nicht mit ihm arbeitet.“

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11.06.2024:
Nagarjuna

Selten sind Menschen, die hilfreiche Rede führen, noch seltener aber jene, die auf diese hören.

Buddhisten wissen, dass es schwierig ist, Einsicht zu erlangen in das, was nachhaltig guttut, dass es aber noch schwieriger ist, diese Einsicht auch umzusetzen. Deshalb dachten sie darüber nach, was zu tun ist, um diese zweite Hürde zu nehmen. Dazu Nagarjuna:

„Weisheit und Praxis gedeihen stets
bei einem Menschen, der sich umgibt mit
Menschen, die klugen Rat erteilen, die rein sind
und makelloses Mitgefühl sowie ebensolche Weisheit besitzen.
Selten sind Menschen, die hilfreiche Rede führen,
noch seltener aber jene, die auf diese hören.
Am seltensten aber sind solche, die unangenehmen,
doch hilfreichen Rat ohne zu zögern in die Tat umsetzen.
Wenn ihr also erkannt habt, dass ein Ratschlag zwar unangenehm,
doch nützlich ist, tut unverzüglich, wie Euch geraten,
sowie ein Kranker zur Heilung seines Übels
bittere Medizin nimmt von jenen, die für ihn sorgen.“

Wir sollen die Nähe und das Gespräch mit weisen Menschen oder mit solchen suchen, von denen wir etwas lernen können, und deren guten Ratschläge umsetzen.

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10.06.2024:
Nagarjuna

Ist Eure innerste Natur ohne Fehler, werden Eure Träume glücklich sein.

Einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer der Antike war Nagarjuna (2. Jh.). Er ist der Begründer des sog. Mittleren Weges und hatte nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung des Zen-Buddhismus, der später entstand. Im folgenden Zitat wird deutlich, dass der Buddhismus auch als eine Glückslehre verstanden werden kann. Er erstrebt Glück für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Nagarjuna war zudem der Meinung, dass man den Grad der persönlichen Reife, der Aufarbeitung innerseelischer Konflikte und des seelischen Wohlbefindens an der Qualität des Traumlebens erkennen kann:

„Übt Ihr Euch fleißig in den drei Tugenden (Wahrheit, Weisheit, Menschlichkeit),
entsteht daraus geistiges Glück
für Euch und für die Welt.
Beides ist in höchstem Maße förderlich.
Die Übung wird dafür sorgen, dass Ihr voller Glück einschlaft und
ebenso glücklich wieder erwacht.
Da selbst Eure innerste Natur ohne Fehler ist,
werden sogar Eure Träume glücklich sein.“

Unser Traumleben ist ein Spiegelbild unseres Seelenzustands. Das war auch die Meinung Zenons, des Begründers der Stoa. Sind wir mit uns im Reinen, beruhigt sich in der Regel auch das Traumleben, weil es kein Konfliktmaterial mehr gibt, das es zu verarbeiten hätte.

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09.06.2024:
Kant

Man muß auf die Notwendigkeit der Abrechnung mit sich selbst an jedem Tage sehen …

Und Kant fährt fort: „damit man am Ende des Lebens einen Überschlag machen könne in betreff des Wertes seines Lebens.“ Der erste Satz steht ganz in der Tradition des abendländischen Weisheitsdenkens. Schon in den sog. „Goldenen Versen“ des Vorsokratikers Pythagoras heißt es:

„Laß den Schlaf nicht zu deinen sanften Augen kommen, ehe du jedes der Werke des Tages dreimal durchdacht hast: ‚Worin habe ich gefehlt? Was habe ich getan? Was habe ich versäumt?‘ Beginne beim ersten und gehe alles durch und dann: Hast du Schlechtes getan, so erschrecke, doch hast du Gutes getan, so freue dich. Darin mühe dich, darin übe dich, dies mußt du lieben: Dies wird dich auf die Spuren des Glücks bringen.“

Auf diese Stelle haben schon die Stoiker Bezug genommen und sich den Ratschlag zu eigen gemacht. Die Begründung, die Kant im zweiten Satz gibt, suchen wir dagegen vergebens in der Antike. Wir können ihn m.E. vernachlässigen. Wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung und das Voranschreiten auf dem Weg zu einer weisen Lebensführung und einem gelingenden Leben ist ein kontinuierliches „Monitoring“ und das Bemühen, jeden Tag etwas zu lernen und weiser zu werden.

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08.06.2024:
Kant

Das Höchste, was der Mensch besitzen kann, ist jene Ruhe, jene Heiterkeit, jener innere Frieden, die durch keine Leidenschaft beunruhigt werden.

Kant, von dem das Zitat stammt, fügt hinzu: „Man muß gut sein und das Übrige erwarten.“ Kant zeigt sich hier erneut als Freund der stoischen Philosophie. Deren Ideal war die „Unerschütterlichkeit des Weisen“. Der Weise ruht in sich und besitzt eine „innere Burg“, die von keinen Schicksalsschlägen eingenommen werden kann. Er ist nicht gefühlskalt, ist nicht „aus Holz oder Stein“, aber nichts vermag seine Seele dauerhaft aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Das Schicksal hat keine langen Arme“, sagt Seneca, „es überwältigt niemanden, der sich nicht an es klammert.“ Wie für die Antike ist die Seelenruhe bei Kant kein apathischer Zustand, sondern voller Freude und Heiterkeit. An anderer Stelle spricht er von „fröhlicher Gelassenheit“. Wie das Lebensglück kann sie nicht in direktem Zugriff erlangt werden, sondern ist das Ergebnis einer guten Lebensführung.

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07.06.2024:
Kant

Die Menschengattung soll und kann selbst Schöpferin ihres Glückes sein.

Auch hier stimmt Kant mit der stoischen Philosophie überein, hatte doch bereits Seneca seinem Brieffreund Lucilius geschrieben: „Mache Dich selbst glücklich!“ Kant gibt eine naturphilosophische Begründung:

„Die Natur hat gewollt, daß der Mensch alles, was über die mechanische Anordnung seines tierischen Daseins geht, gänzlich aus sich selbst hervorbringe und er keiner anderen Glückseligkeit oder Vollkommenheit teilhaftig werde, als die er sich selbst, frei von Instinkt, durch eigene Vernunft verschafft hat.“

Lebensglück ist kein Ereignis von außen, sondern Ergebnis einer weisen Lebensführung, bei der das eigene vernünftige Denken die Leitung übernommen hat und die irrationalen Seelenkräfte, soweit sie mit der Vernunft nicht übereinstimmen und dem Ganzen schaden, begrenzt, beherrscht und lenkt.

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06.06.2024:
Kant

Der wahre Lohn der Tugend ist die innere Stille der Seele.

Mit diesem Zitat steht Kant ganz in der Tradition der antiken praktischen Philosophie und Weisheitslehre. In Orient und Okzident wurde das Lebensglück mit Seelenruhe oder Seelenfrieden identifiziert. Lebensglück galt – wie bei Kant – als das Ergebnis einer weisen, tugendhaften, guten Lebensführung. „Stille der Seele“ meint, dass wir in uns ruhen, von keinen negativen Affekten wie Zorn, Wut, Gier, Neid, Eifersucht, Überlastung, Angst, Sorgen, Unausgeglichenheit, übermäßige Trauer oder Leidenschaften in Aufregung, Unruhe und Stress versetzt werden. Eine „stille Seele“ hat in sich selbst ihr Genügen, hat sich selbst zur Hauptquelle der Freude gemacht, innere Konflikte und Widersprüche, die „Knoten des Herzens“ aufgelöst und führt das Leben, das sie führen möchte. Sie braucht keine äußeren „Erfolge“, der Lebensvollzug als solcher erfüllt sie mit Freude. Sie führt ein in sich stimmiges Leben und das ist ihr größtes Glück.

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05.06.2024:
Kant

Die moralische Bildung des Menschen muss nicht von der Besserung der Sitten, sondern von der Umwandlung der Denkungsart und von der Gründung eines Charakters anfangen.

Das schreibt Kant an einer bemerkenswerten Stelle:

„Um ein nicht bloß gesetzlich, sondern moralisch guter, Gott wohlgefälliger Mensch zu werden, genügt nicht allmähliche Reform, sondern nur eine Revolution in der Gesinnung im Menschen. Er kann ein neuer Mensch nur durch eine Art von Wiedergeburt werden, gleich als durch eine neue Schöpfung und Änderung des Herzens. Hieraus folgt, daß die moralische Bildung des Menschen nicht von der Besserung der Sitten, sondern von der Umwandlung der Denkungsart und von der Gründung eines Charakters anfangen müsse.“

Die Verbesserung des Zusammenlebens der Menschen kann auf zweierlei Weise geschehen: Durch Arbeit am System, d. h. an den sozialen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen, oder am einzelnen Menschen. Faktisch geschieht immer beides gleichzeitig in unterschiedlicher Gewichtung. Kant betont die Arbeit am einzelnen Menschen. Er fordert eine innere Wandlung des Menschen und stimmt darin mit zahlreichen Denkern der Antike in Ost und West überein. Wenn er von einer „Umwandlung der Denkungsart“ spricht, hat er vielleicht an die Stoiker gedacht, von denen er stark beeinflusst war. Nach deren Auffassung liegt im „Gebrauch der Vorstellungen“, wie sich Musonius Rufus ausdrückt, „die Freiheit, der Seelenfrieden, das Wohlbefinden und der gute Fluss des Lebens.

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04.06.2024:
Kant

Freiheit ist das Fundament unserer Persönlichkeit.

Das Zitat stammt von Immanuel Kant. Er hatte dabei insbesondere die innere Freiheit und Unabhängigkeit im Blick. Dazu schreibt er:

„Zur inneren Freiheit werden zwei Stücke erfordert: seiner selbst in einem gegebenen Fall Meister und über sich selbst Herr zu sein, das heißt seine Affekte zu zähmen und seine Leidenschaften zu beherrschen.“

Innere Freiheit erlangt nur derjenige, der „Herr im eigenen Haus“ wird (Freud), d. h. seine seelischen Kräfte steuern, entwickeln, begrenzen und überwinden kann, wer nicht von seinen Begierden und unbewussten Mustern, nicht von äußeren Einflüssen gelenkt wird, sondern sich die Gesetze seines Lebens selbst gibt und auch danach lebt. So wird er zum „Wagenlenker seiner Seele“ („Meister über sich selbst“), zum kundigen Gärtner seines Seelengartens.

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03.06.2024:
Kant

Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz.

Das war eine grundlegende Auffassung Kants, auf der er seine ganze Ethik aufbaut, die er rein aus vernünftigen Überlegungen entwickelt (a priori, vor aller Erfahrung), ohne Anleihen an der Empirie zu machen (a posteriori, nach aller Erfahrung). Was das bedeutet, schreibt er an anderer Stelle:

„Daß aber der Mensch seine Pflicht ganz uneigennützig ausüben solle und sein Verlangen nach Glückseligkeit völlig vom Pflichtbegriff absondern müsse, um ihn ganz rein zu haben, dessen ist er (der vernünftige, moralisch handelnde Mensch) sich mit der größten Klarheit bewußt.“

Man bezeichnet seine Ethik daher auch als „Pflichtenethik“ im Gegensatz zur „Strebensethik“, die von dem Erfahrungssatz ausgeht, dass jeder Mensch nach Glück strebe. Gleichwohl taucht das „Glück“ auch bei Kant auf. Er war nämlich der Überzeugung, dass der Mensch glücklich leben werde, wenn er getreu seiner Pflicht handelt, denn er „erweist sich dem Glück würdig“.

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02.06.2024:
Musik

Wo Musik und Harmonie herrschen, da entsteht Freude, weil jeder seinen rechten Lebensweg gefunden hat.

So könnte der Sinn folgender Stelle aus dem chinesischen “Buch der Riten, Sitten und Gebräuche” (Liji, Li Gi) zusammengefasst werden:

Darum: wenn die Musik herrscht, so werden die sozialen Pflichten klar. ... es ändern sich die Bräuche und wechseln die Gewohnheiten, und alle Welt kommt zur Ruhe.
Darum heißt es: Musik bedeutet Freude. Der Edle freut sich, seinen Weg (Tao, Dao, der rechte Weg) zu erlangen; der Gemeine freut sich, seine Wünsche zu erlangen. Wenn man durch den Weg die Wünsche regelt, so herrscht Freude ohne Verwirrung. Wenn man über die Wünsche den Weg vergisst, so herrscht Unklarheit und keine Freude.

Wer bloß seinen kurzlebigen Wünschen und Begierden folgt, ohne sich zu fragen, was ihm auf Dauer und ohne Reue guttut, der wird nicht lange Freude daran haben. Man muss seiner Bestimmung und seinen tiefsten Bedürfnissen folgen und durch sie die Wünsche und Begierden steuern, begrenzen, hintanstellen oder aufgeben. Mit „Musik“ dürfte hier insbesondere Ritualmusik gemeint sein, die dazu dient, das gemeinsame Erlebnis von Ritualen zu vertiefen. Rituale waren für Konfuzius wichtige Ordnungsprinzipien, die den Zusammenhalt und das friedliche Miteinander der Gemeinschaft verbürgen.

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01.06.2024:
Musik

Der Geist der Musik besteht darin, dass man bei seinen Handlungen Freude zu wahren versteht.

Das Zitat stammt von Konfuzius. Freude beim Handeln entsteht, wenn man hinter der Handlung steht, d.h. wenn die Handlung mit den inneren Empfindungen und Lebenswerten übereinstimmt und aus dem eigenen Wesenskern entspringt. Dann befinden sich Handeln, Denken und Fühlen in Harmonie. Wer so lebt, lebt im „Geist der Musik“. Er hat vielleicht das größte Glück erreicht, das der Mensch auf seinem Lebensweg erlangen kann: Einheit und Geborgenheit in sich selbst und Stimmigkeit und Wahrhaftigkeit seines äußeren Lebens.

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31.05.2024:
Musik

Die Erziehung durch Musik macht den Menschen besser.

Das ist der Sinn der folgenden Stelle bei Platon:

Ist nun… die Erziehung durch Musik nicht darum von entscheidender Wichtigkeit, weil Rhythmus und Harmonie am meisten in das Innere der Seele eindringen und sie am stärksten ergreifen, indem sie eine edle (tugendhafte, weise) Haltung mit sich bringen und den Menschen demgemäß gestalten, wenn er richtig erzogen wird, und nicht das Gegenteil? Und nicht anderseits auch darum, weil, wer die richtige musikalische Erziehung genossen hat, … an Werken der Kunst oder der Natur und am Schönen … seine Freude hat und es in seine Seele aufnehmen und daraus seine Nahrung ziehen und dadurch gut und edel werden wird ...

Hinsichtlich der hohen Bedeutung der Musik für die Erziehung und Persönlichkeitsbildung stimmt Platon mit Konfuzius völlig überein. Wir müssen uns fragen, inwieweit unser Bildungssystem die hier zum Ausdruck kommende Einsicht angemessen berücksichtigt.

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30.05.2024:
Musik

Die Musik ist die große Gleichstimmerin der Welt, der Leitfaden zu Maß und Harmonie.

Das Zitat stammt von dem bedeutenden Konfuzianer Xunzi. Dort heißt es weiter:

… und darum auch ist sie unumgänglich für das Gefühlsleben der Menschen.

Hier kommt zum Ausdruck, was die Musik mit Weisheit zu tun hat. Der weise Mensch achtet in seinem Leben auf Maß und Mitte, auf harmonische Lebendigkeit in seinem Seelenleben, auf Stimmigkeit in seinem Denken, Sprechen, Wollen und Handeln. Die Musik als Rhythmus, Zusammenklang und Einheit des Vielgestaltigen und Disparaten dient ihm dabei als Leitfaden und innerer Kompass. Wenn wir leiden und ein seelisches Problem haben, so häufig deshalb, weil etwas in uns oder in unserem Verhalten ins Ungleichgewicht gekommen ist; der Einklang mit uns selbst ist gestört. Es gibt einen ungelösten Konflikt, einen Zwiespalt, eine offene Wunde in unserer Seele. Wir sind innerlich zerrissen. Harmonie heilt die Zerrissenheit. Musik lehrt uns die Gesetze der Harmonie.

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Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen.

29.05.2024:
Albert Kitzler im Philosophischen Radio WDR 5 am 03.06.2024, 20:04, u.a.

Liebe Freunde/innen der Weisheit,

am kommenden Montag, den 03. Juni 2024, 20:04 Uhr, spreche ich im "Philosophischen Radio", WDR 5, mit Jürgen Wiebicke über mein neues Buch "Gelassenheit. Eine philosophische Lebensschule". Die Sendung wird am darauffolgenden Sonntag, den 09. Juni, 2024, um 11:04 Uhr, wiederholt und ist in der Mediathek jederzeit nachhörbar.
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Neuer Podcast

In unserem Philosophie-Podcast „Der Pudel und der Kern“ ist eine neue Folge #102 zu hören. Es geht um "Frustration" und wie wir damit umgehen sollen, oder besser, wie wir sie vermeiden können.



„Nichts ärgert das Schicksal mehr als Gelassenheit.“
Seneca

Den kostenfreien Podcast und die wichtigsten Informationen dazu finden Sie auf der Website: www.pudel-kern.com

Ferner auf allen Plattformen, auf denen es Podcasts gibt, u.a.:

https://linktr.ee/pudelkern

https://podcasts.apple.com/us/podcast/102-frustration-wie-wir-mit-erwartungsmanagement-und/id1591918638?i=1000657083723

https://open.spotify.com/episode/1YDUB1VrEq73lXkPgLTkr6

Wenn Ihnen der Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn bitte weiter. Über Anmerkungen und Rückfragen freuen wir uns.
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Wochenendseminar im Lasalle-Haus, Bad Schönbrunn, Schweiz

04.-06. Oktober 2024

Thema: "Aristoteles: Das gute Leben"
Dauer: Freitag, 18:00 h, bis Sonntag, 12:30 h
Seminarort: Lasalle-Haus, Bad Schönbrunn, Schweiz
Kosten: Unterkunft/Verpfl./Seminargebühr: 697,- €
Zum Seminarhaus: www.lassalle-haus.org
Anmeldung: E-Mail an massundmitte@gmx.de oder Anmeldeformulare im Anhang

Wie bei allen Veranstaltungen kann die Seminargebühr für Interessenten mit geringem Einkommen im Einzelfall reduziert oder erlassen werden.

Herzliche Grüße

Albert Kitzler

29.05.2024:
Musik

Darum bewirkt die Musik die Einheit und festigt so die Harmonie.

Das Zitat stammt aus dem „Buch der Riten, Sitten und Gebräuche” (Liji, Li Gi), eines der bedeutendsten Weisheitsbücher der alten Chinesen. Dort heißt es weiter:

Sie bringt die Wesen zusammen, um den Rhythmus schön zu machen. ... Darum ist die Musik das Gesetz von Himmel und Erde, die Ordnung der zentralen Harmonie und das, was die Gefühle der Menschen nicht entbehren können.

Musik ordnet das Chaos in der einzelnen Seele wie im Zusammenleben der Menschen. Sie steht für Ordnung und Harmonie, ohne die der Einzelne und die menschliche Gemeinschaft nicht existieren können. Die in der Musik zum Ausdruck kommende ständige Bewegung von der Vieltönigkeit zur Einstimmigkeit und Harmonie, das spannungsvolle Hin und Herr zwischen polaren Gegensätzen ist „die ewige Formel des Lebens (Goethe). Das ist der Sinn der zitierten  Stelle.

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Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen.

28.05.2024:
Musik

Die Musik beeinflusst den Charakter des Menschen.

Das war die Auffassung des Aristoteles, der darin seinem Lehrer Platon folgt. Das ist auch der tiefere Grund, warum die Musik einen wichtigen Bestandteil der antiken Weisheitslehre in West und Ost darstellte. Weisheit ist nichts Angeborenes. Der Mensch kann sie erlernen. Weiser werden bedeutet dazulernen, sich entwickeln und sich verändern. Die Musik hat die Fähigkeit, den Menschen zu verändern. Sie kann daher eine Hilfe auf dem Weg zu einer weisen Lebensführung sein, da sie die Seele formt. Das wollte Aristoteles sagen. Die Musik hatte bei den Griechen eine große Bedeutung. Jeder konnte ein Instrument spielen. Nicht singen können galt als ein erheblicher Mangel. Der Kulturhistoriker Will Durant schrieb einmal: Wo man die Griechen sieht, da sieht man sie singen.

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Nutzen Sie die täglichen "Worte der Weisheit", um fünf Minuten Atem und Geist zu beruhigen, still zu werden und sich auf das Wesentliche Ihres Lebens zu konzentrieren. Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen

27.05.2024:
Musik

Es gibt eine Musik ohne Töne; das ist die Freude.

Es ist erstaunlich, welche Bedeutung Konfuzius, von dem dieser Ausspruch stammt, der Musik für ein gelingendes Leben beilegte. Sie habe eine tragende Funktion bei der Erziehung und Ausformung des menschlichen Charakters und der Ordnung jeder menschlichen Gemeinschaft. Das Zitat besagt, dass derjenige, der seine Seelenkräfte harmonisch ausgeglichen hat und im Einklang mit sich selbst ist, Freude erlebt. Man könnte auch sagen: Lebensfreude und Glück entspringen einer Symphonie unserer Seelenkräfte. Umgekehrt leidet derjenige, der nicht das Leben lebt, das er leben möchte. Der Übersetzer der Stelle merkt an, dass das chinesische Zeichen für Musik und Freude dasselbe ist.

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Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen.

26.05.2024:
Kant

Kinder … müssen früh zum freimütigen, ungezwungenen Lächeln gewöhnt werden.

Und Kant fährt fort:

„Denn die Erheiterung der Gesichtszüge hierbei drückt sich nach und nach auch im Innern ab und begründet eine Disposition zur Fröhlichkeit, Freundlichkeit und Geselligkeit, welche diese Annäherung zur Tugend des Wohlwollens frühzeitig vorbereitet.“

Vielleicht ist eines der wichtigsten Dinge, die Eltern ihren Kindern mitgeben können, eine natürliche Fröhlichkeit, Heiterkeit und ein herzliches Lachen, in dem Lebensfreude und eine gute Seelenverfassung zum Ausdruck kommen. Nach Kant besteht eine Wechselwirkung zwischen der äußeren Heiterkeit und einer Haltung des Wohlwollens gegenüber anderen Menschen. Achte auf dein Verhalten, heißt es in einer alten Weisheit, denn es wird zu deinem Charakter.  

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Die "Worte der Weisheit" erscheinen seit über dreizehn Jahren jeden Morgen.

25.05.2024:
Kant

In der Einheit des Charakters besteht die Vollkommenheit des Menschen.

Eine wichtige Feststellung Kants, die für das gelingende Leben der Menschen eine große Rolle spielt. Es ist ihnen aber selten bewusst. Die meiste Unzufriedenheit mit ihrem Leben erwächst den Menschen daraus, dass sie mit sich selbst nicht übereinstimmen, dass sie nicht das Leben führen, das sie führen wollen, dass sich Denken, Wollen, Handeln und Fühlen nicht decken. In der Lebensführung gibt es Widersprüche, ungelöste Konflikte, Zwiespalte, nicht assimilierte Fremdanteile, unbewusste Einflüsse und Manipulationen von außen auf Denken, Wollen oder Handeln, die man eigentlich gar nicht will und die einem nicht guttun. Zenon von Kition, der Begründer der Stoa, hat die Forderung aufgestellt, der Mensch solle „einstimmig“ leben. Vielleicht dachte er dabei an Sokrates, der etwa einhundert Jahre zuvor sagte, sich selbst betrügen ist von allem das Schlimmste, und von dem es hieß, er blieb sich immer gleich. Noch früher fasste Konfuzius die wichtigsten Prinzipien seiner Lehre in der kurzen Formel zusammen: Treue gegen sich selbst und Güte gegen andere.

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24.05.2024:
Kant

Gute Erziehung ist gerade das, woraus alles Gute in der Welt entspringt.

Obgleich Kant weder verheiratet war noch Kinder hatte, wusste er um die große Bedeutung, die der Erziehung für ein gelingendes Zusammenleben zukommt. Unabhängig von der Frage, inwieweit der Charakter eines Menschen bereits vorgeprägt ist, wenn er auf die Welt kommt, sind die Eindrücke, Erfahrungen und Prägungen, die er in der frühkindlichen Phase und der darauf folgenden Sozialisation macht, von entscheidender Bedeutung für seine spätere Persönlichkeit. Alles Gute wird dort gepflanzt, für alle Fehlentwicklungen wird dort die Wurzel gelegt. Konfuzius sagte, am Anfang seien alle Menschen gleich, dann aber entwickelten sie sich in ganz unterschiedliche Weise aufgrund der Erziehung und der Gewohnheiten.

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23.05.2024:
Kant

Tue das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein.

Kant ist der Auffassung, dass man das Lebensglück, nach dem sich jeder Mensch sehnt, nicht im direkten Zugriff erlangen kann. Es ist die Folge von dem, was wir denken, wollen und tun. Das Glück wird am ehestens zu denen kommen: die ihren Seelenhaushalt aufgeräumt haben; die „gute“, philosophisch begründete Haltungen verinnerlicht haben und danach handeln; die nachhaltige Werte anstreben, die einem selbst und anderen guttun; die für andere leben, ohne sich selbst dabei aufzugeben.

Hinweis: Das gestern angekündigte Seminar in der Schweiz endet nicht am Montag, sondern am Sonntag um 12:30 Uhr. Ich bitte, das Versehen zu entschuldigen.

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22.05.2024:
Kant

Es ist Pflicht, nicht die Stellen, wo sich Arme befinden, denen das Notwendigste abgeht, zu umgehen, …

Kant, von dem das Zitat stammt, fährt fort:

„sondern sie aufzusuchen, nicht die Krankenstuben oder die Gefängnisse der Schuldner und dergleichen zu fliehen, um dem schmerzhaften Mitgefühl, dessen man sich nicht erwehren könne, auszuweichen.“

Eine erstaunliche Äußerung, die Kants tiefes Gefühl für Mitmenschlichkeit zeigt. Auch hier ist der Einfluss der stoischen Philosophie auf Kant fassbar, heißt es doch bei Seneca, jeder sei aufgerufen, denen eine helfende Hand zu reichen, die ihrer bedürfen. Kant fordert uns auf, die Augen vor dem Elend in der Welt nicht zu verschließen, und auch das „schmerzhafte Mitgefühl“, das sich dabei einstellt, nicht zu unterdrücken, denn aus diesem Gefühl entspringt das Bedürfnis zu helfen.

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21.05.2024:
Kant

Die größte Gefahr für Menschen in ihrem Verkehr untereinander ist die, anderen Unrecht zu tun.

Kant, von dem das Zitat stammt, fährt ganz im Sinne antiker Weisheitslehre fort:

Unrecht zu leiden, ist hiergegen für nichts zu achten, und es zu dulden, ist oft gar verdienstlich, wenn man hoffen darf, daß eine solche Toleranz den Mutwillen, zu beleidigen, nicht noch verstärkt.“

Die moralische Integrität zu verlieren, war für Kant wesentlich schlimmer, als eine Einbuße an Besitz zu erleiden oder die Herabsetzung der eigenen Person, die stets damit verbunden ist, dass einem Unrecht geschieht. Bei letzterem dürfte er an Seneca gedacht haben, der in persönlichen Herabsetzungen nur eine Verletzung der Selbstliebe sah, die demjenigen nicht widerfahre, der einen „großen Charakter“ habe, d. h. der sein Selbstwertgefühl aus sich selbst schöpft und nicht von der Wertschätzung anderer abhängig macht. Das Dulden hielt Kant auch deshalb für besser, weil es die geschehene Aggression nicht noch verstärkt. Wer Streit oder eine Eskalation vermeiden möchte, der lässt das Kriegsbeil liegen, das der Aggressor einem vor die Füße wirft. Zum Streiten gehören immer zwei.

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20.05.2024:
Kant

Wer seine Begierde zu befriedigen weiß, ist klug, wer sie zu beherrschen weiß, ist weise.

Die Begierden zu befriedigen ist leicht, wenn man die materiellen Mittel dazu hat. Der Kluge findet sie schnell. Auf ihre Befriedigung zu verzichten aber ist schwer, auch wenn man weiß, dass dies besser für einen ist. Wie für alle Weisheitslehren der Antike war auch für Kant Weisheit vor allem die Kunst, den wilden Haufen innerer Begierden und Triebe so zu lenken und zu leiten, dass stets das rechte Maß bewahrt wird. Ein griechischer Philosoph hielt daher die Selbstbeherrschung für die größte Tugend. Sokrates wies darauf hin, dass, wie man seine Muskeln trainiert, so könne man auch die Selbstbeherrschung trainieren.

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19.05.2024:
Lebe jetzt!

Unser Streben muss darauf gerichtet sein, genug gelebt zu haben.

So der römische Philosoph Seneca. Er fährt fort:

Dieses Glaubens ist niemand, der gerade erst jetzt zu leben beginnt. Glaube nicht, dass deren nur wenige seien: es sind nahezu alle. Manche fangen erst dann damit an, wenn sie aufhören mussten. Wenn dir das wunderlich vorkommt, so will ich noch etwas Wunderlicheres hinzufügen: manche haben zu leben schon aufgehört, ehe sie anfingen.

Seneca will sagen, dass wir alles Wichtige sogleich angehen sollten, damit wir, wenn unser Ende naht, sagen können, dass wir unsere innersten Bedürfnisse, Anlagen und Talente gelebt haben oder doch so weit vorangetrieben haben, wie es uns möglich war. Der letzte Satz weist auf Menschen hin, die sich nie um die Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit und um das, was ihnen Erfüllung und Selbstverwirklichung hätte sein können, gekümmert haben.

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18.05.2024:
Lebe jetzt!

Einige rüsten sich ihr ganzes Leben hindurch zum Leben …

… und bemerken nicht, dass uns allen das tödliche Gift der Geburt beigeschüttet worden ist.

Das Zitat stammt von dem griechischen Philosophen Epikur. Mit dem „tödlichen Gift der Geburt“ ist die Sterblichkeit gemeint, der Tod. Angesichts unserer Vergänglichkeit, haben wir keine Zeit zu verlieren, mit dem guten und glücklichen Leben zu beginnen. Vielleicht kannte Mark Aurel das Zitat, der fünfhundert Jahre später schrieb:

Treib es nicht, als wenn du tausend Jahre zu leben hättest! Dein Schicksal hängt schon über dir. Solange du lebst, solange du noch die Möglichkeit hast, werde gut!

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17.05.2024:
Lebe jetzt!

Wer die Geschäfte vertagt, wird immer mit Ungemach ringen.

Die Worte stammen von dem griechischen Dichter Hesiod (um 700 v. Chr.), der ein bedeutendes und einflussreiches Lehrgedicht mit zahlreichen Spruchweisheiten geschaffen hat, von denen sich manche bis heute im Volksmund erhalten haben. Ein berühmtes Beispiel ist der Ausspruch „Ohne Schweiß, kein Preis“ (bei Hesiod heißt es: „Vor den Lohn haben die Götter den Schweiß gesetzt“). Das Zitat, aus dem die einleitende Zeile entnommen ist, lautet vollständig:

Schiebe auch nichts hinaus auf übermorgen und morgen …
Wer die Geschäfte vertagt, wird immer mit Ungemach ringen.“

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16.05.2024:
Lebe jetzt!

Wie du gelebt haben möchtest, wenn du tot wärst, so kannst du schon heute leben.

Der Ausspruch stammt von dem Philosophenkaiser Mark Aurel. Eine einfache Formel, um die Zeit, die einem zugemessen ist, für die wirklich wichtigen Dinge zu nutzen. Um welche Dinge es sich handelt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wichtig ist nur, dass man Mark Aurel beherzigt, über die aufgeworfene Frage nachdenkt, Entscheidungen trifft und danach lebt, jetzt, bewusst und jeden Tag aufs Neue. So gibt man seinem Leben ein Fundament und einen Sinn. Der Neurologe und Psychiater Victor E. Frankl war der Meinung, dass viele seelische Belastungen und Krankheiten daher rühren, dass ein Mensch den Sinn seines Tuns nicht erkennt oder aus den Augen verliert.

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15.05.2024:
Lebe jetzt!

Es gibt Leute, die leben nicht ihr gegenwärtiges Leben.

Das Zitat stammt von dem griechischen Philosophen Antiphon und lautet vollständig:

Es gibt Leute, die leben nicht ihr gegenwärtiges Leben, sondern sind mit großem Eifer geschäftig, als ob sie noch ein zweites Leben zu leben hätten, nicht aber das gegenwärtige; und unterdessen vergeht die Zeit, die ihnen noch bleibt.“

Gemeint sind hier Menschen, die durch ein Übermaß an Geschäftigkeit vergessen, die Früchte ihrer Bemühungen bewusst und mit Freude im Hier und Jetzt zu genießen. Sie leben, arbeiten, planen stets auf ein Morgen hin, sind in Gedanken in zukünftigen Projekten befangen und bemerken nicht, dass sie die Freude, die sie auf morgen verschieben, schon heute haben könnten. Ihr Leben geht mit Aufschieben dahin.

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14.05.2024:
Lebe jetzt!

Es gibt keinen besseren Moment, mit einer weisen Lebensführung zu beginnen, als jetzt.

Das ist der Sinn des folgenden Ausspruchs, der von dem Philosophenkaiser Mark Aurel stammt:

Wie deutlich drängt sich mir die Erkenntnis auf, dass es keine Lebenslage gibt, die zum Philosophieren so geeignet wäre als die, in der ich mich befinde!

Philosophieren ist bei Mark Aurel vorwiegend praktisch gedacht und bedeutet wie bei Sokrates, das Selbst zu erforschen, sich selbst zu leben, die wertvollen Lebensziele zu erkennen und nach der besten Einsicht zu handeln, mit anderen Worten: nach Weisheit zu streben und entsprechend zu denken, zu wollen und zu handeln. Das hinauszuschieben hieße, das Leben hinauszuschieben. Denn nur wer philosophisch lebt und nach Weisheit strebt, lebt sein Leben.

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13.05.2024:
Lebe jetzt!

Das Leben geht mit Aufschieben dahin.

Das Zitat stammt von dem griechischen Philosophen Epikur und lautet vollständig:

Du aber bist nicht Herr des morgigen Tages und verschiebst immerzu das Erfreuende. Das Leben geht mit Aufschieben dahin, und jeder von uns stirbt, ohne Muße gefunden zu haben.

Im Weisheitsdenken der Antike finden wir immer wieder die Aufforderung, das Wichtige im Leben nicht hinauszuschieben, sondern sogleich damit anzufangen. Das bedeutet auch, mehr im Hier und Jetzt zu leben, präsent zu sein, sich nicht übermäßig von Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit ablenken zu lassen von dem, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht. Epikur plädiert damit für eine Aufwertung der Muße, der Ruhe, der Zeit für sich selbst und andere und für außerberufliche Tätigkeiten. Von diesen kostbaren Zeiten opfern wir häufig zu viel unserer beruflichen Karriere, der sozialen Stellung und der Anhäufung von Besitz und Vermögen.

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